Auf die Steuerreform folgen Entlassungen

In Genfer Konzernzentralen werden Hunderte Angestellte entlassen – nur wenige Monate nach der Annahme einer Steuerreform.

Die Genfer Angestellten von Japan Tobacco International protestieren am 22. Oktober in Genf gegen die 268 Kündigungen. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Die Genfer Angestellten von Japan Tobacco International protestieren am 22. Oktober in Genf gegen die 268 Kündigungen. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Kategorie «Beste Arbeitgeber» belegte der Genfer Sitz des Tabakkonzerns Japan Tobacco International (JTI) in den letzten Jahren Spitzenplätze. Noch im April rühmte das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» JTI für seine Meditationssessions, Selbstverteidigungskurse, sein umweltfreundliches Personalrestaurant, Pneuwechsel zu Vorzugspreisen und die flexiblen Arbeitszeiten während des Sommers.

Heute ist die Stimmung am Konzernsitz getrübt. «Am 2. September informierte uns die Konzernleitung über den Beginn eines Umbaus», sagt eine Mitarbeiterin. In Genf werden 268 der 1100 Stellen abgebaut, um an den Konzernsitzen in Manila, St. Petersburg und Warschau Fachkräfte zusammenzuziehen.

Langjährige Angestellte erkennen ihr Unternehmen, das seit 1971 in Genf ist, nicht wieder. Während die Personalabteilung einzelne Kollegen bereits über ihre baldige Entlassung informierte, werden anderen mündlich Angebote unterbreitet, in anderen Städten weiterzuarbeiten – zu dort geltenden Konditionen.

Man sei angehalten, intern über den Inhalt der Gesprächen zu schweigen, da zahlreiche Mitarbeiter erst 2021 definitiv entlassen würden, sagen JTI-Mitarbeiter übereinstimmend. Betroffen seien Mitarbeiter der untersten Hierarchiestufe aus den Abteilungen Finanzen, Marketing und Verkauf, Forschung und Entwicklung und Personal. Die JTI-Mitarbeiter verstehen den Schritt auch darum nicht, weil der Konzern 2018 als «exzellentes Geschäftsjahr» bejubelte.

Holdings begrüssten Steuerreform

«Wie jedes Unternehmen unserer Grösse sind wir ständig bestrebt, unsere Arbeitsweise zu verbessern, um wettbewerbsfähig zu bleiben», sagt ein Konzernsprecher über den Personalabbau. Die Tabakbranche befinde sich in einer rasanten Entwicklung, deshalb habe JTI «eine eingehende Analyse aller Aktivitäten durchgeführt, um die Ressourcen des Unternehmens zu optimieren und für die Zukunft vorzubereiten».

In Genf bauen nebst Japan Tobacco weitere Konzerne Stellen ab, darunter der Kosmetikhersteller Coty, der den Abbau von 350 Stellen ankündigte, um seinen Konzernsitz in Amsterdam zu verstärken. Auch der Nahrungsmittelkonzern Kellogg’s wird in Genf 2020 eine Tochtergesellschaft schliessen. Über 60 Angestellte verlieren ihre Stelle.

Politisch kommt der Personalabbau zu einem heiklen Zeitpunkt. Am 19. Mai dieses Jahres hat das Genfer Stimmvolk einer Steuerreform zugestimmt. Ab 2020 besteuert der Kanton Firmengewinne zum Einheitssteuersatz von 13,99 Prozent. Für die einheimischen Firmen sinkt die Steuerlast markant – heute beträgt diese 24,2 Prozent.

Doch die 1200 internationalen Konzerne zahlen ein wenig mehr gegenüber heute. Für sie gilt der Spezialsteuersatz von 11,6 Prozent nur noch für dieses Jahr. Die Holdinggesellschaften betonten im Vorfeld der Steuerreform jedoch ausdrücklich, mit dem künftigen Steuerregime einverstanden zu sein. Und die Genfer Industrie- und Handelskammer argumentierte, nur mit der Steuerreform bleibe der Kanton ein stabiler Wirtschaftsstandort.

Genf hat kein strukturelles Problem

Der JTI-Sprecher dementiert, dass der Stellenabbau mit Steuerreform in Verbindung steht. «Der Konzern hat seinen Umstrukturierungsprozess 18 Monate vor der Abstimmung zur Steuerreform eingeleitet. Wäre die Reform abgelehnt worden, hätte dies für Genf mit Sicherheit grössere Auswirkungen gehabt», heisst es vonseiten der JTI. Sowieso betreffe der Stellenabbau nicht nur Genf. Weltweit könnten 3720 Angestellte betroffen sein.

Dejan Nikolic, Sprecher im Genfer Wirtschaftsdepartement, dementiert, dass der Kanton mittelfristig mit einem strukturellen Problem konfrontiert ist. Alleine die Steuerbedingungen machten eine Wirtschaftsstandort nicht attraktiv. Japan Tobacco wie auch Coty hätten ihren Verbleib in Genf im übrigen bestätigt, so Nikolic.

Nur durch die Annahme der Steuerreform sei ein noch einschneidenderer Stellenabbau verhindert worden. Der Kanton hat inzwischen eine Taskforce eingesetzt, um für entlassene Arbeitnehmer raschestmöglich eine neue Stelle zu finden.

Konsultationsverfahren abgebrochen

Das nach der Ankündigung des Stellenabbaus rechtlich obligatorische Konsultationsverfahren zwischen Japan Tobacco und seinen Angestellten hat der Konzern nach sechs Tagen abgebrochen. Nun laufen die Verhandlungen für einen Sozialplan, an dem sich auch Vertreter der Gewerkschaft Unia beteiligen.

Gemäss Gewerkschafter Alessandro Pelizzari vertrat Japan Tobacco International auch bei dieser Gelegenheit eine «marktradikale Haltung».

Unia-Regionalsekretär Alessandro Pelizzari bezeichnet den bisherigen Vorschlag von JTI als «nicht zufriedenstellend». Weil JTI auch in Deutschland Personal entlässt, hat Pelizzari den dort ausgehandelten Sozialplan angefordert und stellt fest, dass die Konditionen in Genf um einiges schlechter sind. Auch im Vergleich mit Sozialplänen in der übrigen Genfer Industrie sei das Angebot unterdurchschnittlich tief, sagt er.

Eine Verhandlung vor dem Schlichtungsamt am Kollektivarbeitsgericht hat bereits stattgefunden. Gemäss Gewerkschafter Pelizzari vertrat der Konzern auch bei dieser Gelegenheit eine «marktradikale Haltung». Der Tabakkonzern will sich zu den laufenden Verhandlungen nicht äussern.

Erstellt: 28.10.2019, 21:29 Uhr

Artikel zum Thema

Ueli Maurer soll Widerstand leisten

Der Schweiz fehlen bald Milliarden an Firmensteuern. Dagegen wollen sich die Bürgerlichen wehren. Mehr...

So buhlen Kantone um chinesische Firmen

Genf köderte einen Rohstoffhändler mit dem Versprechen, bei Steuerdeals und Arbeitsbewilligungen zu helfen, Zürich weibelt bei Finanzfirmen. Mehr...

In der Schweiz öffnet sich ein neuer Steuergraben

Die Auseinandersetzung darüber, wie viel Steuern die Unternehmen bezahlen sollen, ist mit dem Ja zur AHV-Steuer-Vorlage keineswegs vorbei. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...