Jetzt kommt der Politthriller über die Maudet-Affäre

Ein neues Buch erzählt, wie Pierre Maudet zum politischen Wunderkind der Schweiz wurde und seine Karriere dann selber zerstörte.

Erst jetzt, verdichtet in einem Buch, lässt sich das ganze Drama Pierre Maudets langsam begreifen. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Erst jetzt, verdichtet in einem Buch, lässt sich das ganze Drama Pierre Maudets langsam begreifen. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

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Ist zu Pierre Maudet nicht längst alles gesagt? Der Mann selber politisch erledigt? Und der Skandal, den er verursacht hat, ab­gehandelt in Hunderten von Medienberichten? Philippe Reichen kümmerten solche Bedenken wenig. Zehn Monate lang recherchierte der Westschweiz-Korrespondent dieser Zeitung über Pierre Maudet. Diese Woche kommt Reichens Buch über den FDP-Politiker in den Handel, und es zeigt: Nein, zum Fall Maudet war noch nicht alles gesagt.

Erst jetzt, verdichtet zwischen zwei Buchdeckeln, lässt sich das ganze Drama Maudets langsam begreifen: Sein politisches Genie, das heute als Realitätsverlust erscheint. Seine Taten, die er mit seinen Untaten zumüllte. Sein Aufstieg zum «Fast-König von Genf», wie es ein Journalist einmal formulierte – und darauf sein Fall zur Unperson der FDP.

Der andere Maudet

Die meisten Deutschschweizer kennen nur den letzten Teil dieser so unschweizerisch anmutenden Politikerlaufbahn: Maudets Kandidatur für den Bundesrat im September 2017 und den kurz darauf folgenden Skandal um seine Luxusreise nach Abu Dhabi, die Korruptionsermittlungen und seine Weigerung, aus der Kantonsregierung zurückzutreten, solange er nicht juristisch verurteilt sei.

Philippe Reichens Verdienst ist, dass er nicht nur diesen Pierre Maudet porträtiert, sondern auch den anderen, den die Genfer früher gekannt und verehrt haben. Den politisch Frühreifen, der schon als 12-Jähriger die Initiative für ein Jugendparlament in der Stadt Genf ergreift. Den unideologischen Querdenker, der als 22-Jähriger fast im Alleingang 10'000 Unterschriften für eine Kantonsfusion mit der Waadt sammelt – indem er auf einem Dreirad mit dem Nummernschild «VD-GE 1» unermüdlich durch die Quartiere der Stadt tourt. Den talentierten Exekutivpoli­tiker, der mit 29 Jahren in die Stadtregierung gewählt wird, mit 34 in die Kantonsregierung aufsteigt und mit 39 für den Bundesrat kandidiert.

In der nüchternen Sprache des News-Journalisten erzählt Reichen, wie Maudet schon als Student die linke Stadtregierung in die Enge treibt. Wie die meisten Journalisten Maudet und seinem nie versiegenden Ideenstrom verfallen. Wie er von Bundesrat ­Pascal Couchepin gefördert wird. Wie er es als Regierungsmitglied schafft, alle politischen Lager anzusprechen: die Rechten mit seiner harten Hand gegen die Krimi­nellen, die Linken mit der Legalisierung von Sans-Papiers. En passant zeichnet Reichen auch ein Sittengemälde eines Kantons, in dem sich so viele politische Skandale ereignen, dass es dafür ein eigenes Wort gibt: Genfereien.

Kritiker im Rückspiegel

Visionär wirkt aus heutiger Sicht eine Maudet-Aktion von 2006. Als Kantonalpräsident der Genfer FDP wollte er seine Partei ökologischer ausrichten – mehr als ein Jahrzehnt bevor die FDP Schweiz die Klimawende ausrief. Damals ging Maudet so weit, mit der Grünen Partei ein gemein­sames Legislaturprogramm vorzulegen. Von Kritik liess er sich bei solchen Vorstössen nie beeindrucken. «Bis jetzt sehe ich alle, die mich beschuldigen, bloss Lärm zu machen, nur noch im Rückspiegel», sagte er damals.

Später zeichnen Maudets Originalzitate, die Reichen ausgegraben hat, ein immer unvorteil­hafteres Bild. Im Laufe von 2018, nur Monate nach seiner Bundesratskandidatur, zieht die Genfer Staatsanwaltschaft ihre Schlinge langsam zu. Im März verhört sie einen Geschäftsmann, der ­Maudet nach Abu Dhabi begleitet hat. Noch hält der Mann dicht, verteidigt das Lügengebäude, das die Maudet-Clique sich ausgedacht hat. «Well done, old chap», lobt Maudet seinen Komplizen nach der Einvernahme per SMS.

«Well done, old chap», schrieb Pierre Maudet einem Komplizen nach dessen Einvernahme.

Reichen beschreibt viele pikante Details. Sie stammen aus Untersuchungsunterlagen und anderen, bisher nicht bekannten Originaldokumenten, die er sich beschaffen konnte. Dank ihnen kann Reichen aufzeigen, wie Staatsanwalt Yves Bertossa Maudets Mitwisser schliesslich zum Reden bringt. So wird Ende August 2018 publik, dass Maudet seine Partei, seine Regierungskollegen, seinen ganzen Kanton belogen hat: dass nämlich nicht ein Freund seine Luxusreise an den Golf bezahlt hatte, sondern das Herrscherhaus von Abu Dhabi. Die bis heute laufende Strafuntersuchung soll klären, ob Maudet dafür irgendwelche Ge­gen­leistungen erbrachte.

Und die Abu-Dhabi-Affäre war nur der Anfang. In ihrem Zuge flogen schwarze Parteikassen in Maudets Dunstkreis auf. Auch hier zeichnet Reichen akribisch bis detailversessen nach, wie Maudet sich von Unternehmen Hundert­tausende von Franken spenden liess und wie abenteuerlich er dann mit diesen Geldern jonglierte. Wie die s­trafrechtliche Beurteilung all dieser Manöver ausfallen wird, muss Reichens Buch offenlassen. Das Verfahren läuft noch – strafrechtlich gilt für Maudet weiterhin die Unschuldsvermutung.

Die skandalerprobten Genfer würden sagen: «Affaire à ­suivre.» Politikinteressierte Leser legen Reichens Buch nach 190 Seiten fast atemlos zur Seite: Ist das wirklich die reale Geschichte eineserst 41-jährigen ­Kantonspolitikers? Oder nicht vielleicht doch ein fiktiver Plot aus einem Polit-Thriller von Netflix?

Philippe Reichen, «Pierre Maudet – sein Fall», Stämpfli-Verlag, 2019, 190 S. Ab 2. Dezember im Handel.

Erstellt: 01.12.2019, 22:06 Uhr

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