Auf heiklem Terrain

Die Bundesfeier auf dem Rütli war in der Hand von Frauen. Carla Del Ponte und Alt-Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz appellierten an Offenheit und Toleranz.

Angst sei ein schlechter Ratgeber, sagte Carla Del Ponte (links) auf dem Rütli. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Angst sei ein schlechter Ratgeber, sagte Carla Del Ponte (links) auf dem Rütli. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Wie kann man den Nationalfeiertag zelebrieren, wenn in Nachbarländern Menschen von Terroristen getötet werden, wenn so viele Menschen vor Hunger und Folter flüchten und vor unseren Augen im Meer ertrinken? Wie kann man einen Geburtstag feiern, wenn so vielen nicht zum Feiern zumute ist?

Indem man eine der furchtlosesten Persönlichkeiten der Schweiz als Rednerin verpflichtet, eine wie Carla Del Ponte. Die 69-jährige Tessinerin jagte als Staatsanwältin die Mafia und entging 1989 nur knapp einem Anschlag. Als Bundesrichterin ermittelte sie gegen die korrupten Getreuen des früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin, als Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag machte sie Kriegsverbrechern wie Radovan Karadzic den Prozess. Seit 2011 untersucht Del Ponte Menschenrechtsverletzungen in Syrien für das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte. Wem, wenn nicht ihr, hätte man geglaubt, als sie gestern auf dem Rütli sagte: «Angst ist ein schlechter Ratgeber.»

Zunächst hatte Del Ponte die Anfrage der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), die auf dem Rütli das Sagen hat, abgeschmettert. Nie im Leben werde sie eine 1.-August-Rede halten, habe sie auf die Anfrage der SGG geantwortet. Gestern kam sie doch dorthin, wo die drei Eidgenossen die Schweiz gegründet haben sollen. Auf dieses heikle Terrain, eingeklemmt zwischen Fels und Vierwaldstättersee, wo Schweizer, Ausländer, Bewohner eines Asylzentrums und Botschaftsvertreter von rund 20 Ländern zusammen feierten. Wo einige Frauen ein Kopftuch trugen und etwa gleich viele Männer T-Shirts mit Aufdrucken wie «Das ist meine Flagge. Friss oder stirb». Im Geruch von grillierten Würsten (manchmal roch es auch nach Cannabis) sprach Carla Del Ponte darüber, worüber man selbst am 1. August nicht schweigen kann.

«Wir erleben Migrationen in noch nie erlebtem Ausmass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir erleben Kriege und Krisen in mehr als 40 Ländern, Terrorismus, Korruption. Und in manchen Ländern drohen demokratische Institutionen zu zerfallen, die wir bisher für ­unantastbar geglaubt haben», sagte die Tessinerin. Diese Phänomene verlangten gleichermassen Wachsamkeit und Offenheit. Gerade Schweizer hätten immer wieder bewiesen, für die Probleme ihrer Zeit Lösungen finden zu können. Herausforderungen sieht Del Ponte nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweiz, etwa wenn «Volksentscheide im Widerspruch zu den Vorgaben der staatlichen Institutionen stehen und mit unserer Verfassung kollidieren».

«Ich erwarte mehr Dialog»

Auch wenn es Del Ponte nicht aussprach: Ein neuer Widerspruch steht bevor. Die SVP will in den nächsten Tagen ihre sogenannte Selbstbestimmungsinitiative einreichen. Diese will die Bundesverfassung über das Völkerrecht – auch über die Menschenrechtskonvention – stellen. Auf Anfrage sagt Del Ponte dazu: «Internationale Abkommen, die die Schweiz ratifiziert hat, müssen wir zwingend einhalten. Man kann nur die Ratifizierung annullieren.» Doch über ein solches Szenario wolle sie nicht sprechen.

In ihrer Rede erinnerte Del Ponte an die Grundwerte der Schweiz: «Als Willensnation sind wir es gewohnt, Kompromisse einzugehen und unsere kulturellen, geografischen und politischen Verschiedenheiten durch Toleranz und Offenheit zu respektieren und zu integrieren.»

Der 725. Jahrestag der Schweiz war gleichzeitig der 150. Geburtstag des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Auch Annemarie Huber-Hotz, SRK-Präsidentin und Alt-Bundeskanzlerin, äusserte ihre Sorge über Gewalt, Terrorismus und Flüchtlingselend. «Die Zeiten, die wir erleben, verlangen von uns mit aller Dringlichkeit, dass wir die Parteikittel weglegen, in uns hineinhören und uns auf diejenigen Werte besinnen, die dem Leben Sinn geben.»

Im Gespräch mit dem TA forderte Huber-Hotz mehr Kompromissbereitschaft in der Politik. «Die Tendenz ist, dass alle auf ihren extremen Positionen bestehen, weil sie glauben, in der Politik nur so erfolgreich sein zu können.» Die Alt-Bundeskanzlerin ist überzeugt von den Institutionen; dem Bundesrat und der Verwaltung attestiert sie, gute Arbeit zu leisten. «Vom Parlament erwarte ich mehr Dialog- und Kompromissfähigkeit.

Keine Kritik an neuer Hymne

Zum ersten Mal wurden auf dem Rütli zwei verschiedene Landeshymnen gesungen – der Schweizerpsalm und eine neue Version. Der neue Text mit der alten Melodie wurde viersprachig vorgetragen und sorgte auf dem Rütli selbst nicht annähernd für so viel Wirbel wie im Vorfeld. Bürgerliche Politiker hatten den fehlenden religiösen Bezug kritisiert und forderten gar, der SGG die Verwaltung des Rütlis zu entziehen. Auf dem Rütli waren keine negativen Reaktionen zu vernehmen. Im Gegenteil: «Mir gefallen die Worte viel besser als der Text der alten Hymne», sagte Huber-Hotz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2016, 22:43 Uhr

Mythen und Werte im Zentrum

Bundesräte auf Redetour

Die Bundesräte waren am 1. August im ganzen Land unterwegs und hielten nationale Mythen und Werte hoch – wichtige Elemente in Zeiten des Terrors im Ausland. «Die Anschläge stellen auch uns auf die Probe. Das Vertrauen der Menschen in den öffentlichen Raum wird bedroht», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Steckborn TG. Begegnet werden müsse dem Terror mit Solidarität statt Abgrenzung. In die gleiche Kerbe schlug Aussenminister Didier Burkhalter: «Die Freudenfeuer, die am 1. August in den Dörfern entzündet werden, erinnern an jene Feuer, die die Bewohner der Talschaften früher auf den Gipfeln der Hügel anzündeten, wenn sie ihre Mitbrüder um Hilfe riefen.» Damit seien die Feuer ein fassbares Zeichen der Solidarität. In der grössten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg dürfe die Schweiz nicht nur zuschauen.

Bundesrätin Doris Leuthard sprach den Bürgern Mut zu. Zwar sei die Welt heute «kein Streichelzoo» und die Schweiz nicht gefeit vor «perfiden Anschlägen». Doch sei die Schweiz eine Erfolgsgeschichte. «Darauf lässt sich bauen.» Das Land sei stark, «weil man bei uns diskutiert, einander zuhört, Vor- und Nachteile abwägt». Verteidigungsminister Guy Parmelin wiederum erinnerte in Tenero TI an die Gründungsmythen der Schweiz: Sie zeigten, wie wichtig die Freiheit als Bindeglied zwischen den Sprachgemeinschaften und den Kantonen stets gewesen sei.

Die Schweiz sei nicht nur ein Fleck auf der Weltkarte, sagte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann in seiner Radioansprache. Vielmehr sei sie eine «erfolgreiche, geschätzte Partnerin». Er verwies auf drei Pfeiler, welche die Schweiz starkmachten: Bildung, Innovation und Unabhängigkeit. Sie seien die Schlüssel zu Wohlstand und Perspektiven. Und Bundesrat Ueli Maurer stellte Jeremias Gotthelfs «Die schwarze Spinne» in den Mittelpunkt seiner Rede. Drei Kernbotschaften seien heute wieder erschreckend aktuell: «Versprechen von magischer Hilfe haben immer einen Haken; Werte haben einen Wert; unser Land lebt von engagierten Bürgern.» (SDA)

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