Wasserfallen auf Schleuderkurs

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen hat sich im Automobil-Club in einen üblen Streit hineinmanövriert. Selbst Parteikollegen fragen sich, warum.

Wird Christian Wasserfallen als Regierungsrat gewählt, muss er beim ACS schon 2018 wieder abtreten. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Wird Christian Wasserfallen als Regierungsrat gewählt, muss er beim ACS schon 2018 wieder abtreten. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Christian Wasserfallen und die Präsidentenämter, das ist eine schwierige Geschichte. 2013 visierte der Berner Freisinnige das Nationalratspräsidium an, unterlag in der FDP-Fraktion aber gegen Christa Markwalder. Im November 2015 kandidierte er als Präsident der Bundeshausfraktion, verlor aber gegen Ignazio Cassis. Um den Jahreswechsel galt er als Kronfavorit für das Präsidium der FDP Schweiz, zog sich Anfang Februar aber überraschend zurück — unter anderem, weil er sich vor einer dritten Niederlage fürchtete. Kurz nach dieser Absage stellte sich der 35-Jährige im März für das Präsidium des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS) zur Verfügung.

Damit stürzte sich Wasserfallen kopfvoran in eine Schlammschlacht, die fast täglich bizarrer wird. Portiert wurde Wasserfallen von einem Teil der ACS-Sektionen, um den umstrittenen bisherigen Präsidenten Mathias Ammann aus dem Amt zu hebeln. Die Folge ist ein wüster Machtkampf. Die beiden Lager erteilen sich Hausverbote, sperren Bankkonten, fechten gegenseitig ihre Beschlüsse an. Wasserfallen sieht sich mit einer Zivilklage und einer Strafanzeige konfrontiert. Und auch er will seine Gegenspieler vor den Kadi ziehen.

Parteikollegen verstehen Wasserfallen nicht

Warum tut sich Wasserfallen das an? Für einen Verband, der im politischen Konzert bestenfalls die dritte Geige spielt? Für ein Amt, das mit vergleichsweise bescheidenen 24'000 Franken im Jahr dotiert ist? Diese Fragen stellen sich selbst langjährige Weggefährten. «Ich verstehe ihn nicht», sagt ein FDP-Parlamentarier. Ein anderer wundert sich, dass Wasserfallen nicht wenigstens so lange in den Ausstand tritt, bis der Konflikt ACS-intern geklärt ist. Wasserfallen müsse eine ganz spezielle Beziehung zum ACS haben, anders lasse sich seine Hartnäckigkeit nicht erklären, sagt ein dritter FDP-Parlamentarier erstaunt.

Doch bis im April war Wasserfallen nicht einmal Mitglied im ACS. Und in seinen acht Jahren im Nationalrat ist er nicht als Verkehrspolitiker aufgefallen. Wasserfallen selber sagt dazu, der ACS liege ihm «am Herzen».

Aufstand zur Weihnachtszeit

Angefragt für das Präsidentenamt wurde er kurz vor Weihnachten von der ACS-Sektion Zürich. Um Ammann zu verdrängen, suchten die Dissidenten um die Sektion Zürich einen möglichst prominenten Gegenkandidaten. Auf ihrer Shortlist stand auch der St. Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Dieser bestätigt, dass er im Dezember eine Abordnung der ACS-Sektion Zürich zu einem kurzen Gespräch traf. «Die Situation innerhalb des ACS schien mir damals aber undurchsichtig», sagt er. Dann habe er von den ACS-Leuten nichts mehr gehört.

Kein Wunder, denn inzwischen wurden deren Gespräche mit Wasserfallen konkreter. Am 21. Januar traf ACS-Direktor Stefan Holenstein, der an vorderster Front in den Aufstand involviert war, Wasserfallen zu einem diskreten Gespräch in Bern. Doch Wasserfallen wollte zuerst die Sache mit dem FDP-Präsidium klären. Seine definitive Zugabe schickte er am 6. März 2016 per Mail wiederum an Holenstein.

Hauptsache, Ammann ist weg

Der Zusage ging ein Mailwechsel voraus, der offenbart, dass das Präsidium weder für Wasserfallen noch für seine Supporter eine langfristige Sache ist. Denn Wasserfallen möchte Nachfolger von Hans-Jürg Käser im Berner Regierungsrat werden; die Wahlen finden bereits im Frühling 2018 statt. Wird Wasserfallen tatsächlich Regierungsrat, müsste der ACS dann wieder einen Präsidenten suchen. Doch das stört die dissidenten ACS-Leute nicht, Hauptsache Wasserfallen drängt Ammann weg. «Es spielt für uns keine Rolle, wenn Sie heute schon auf das erwähnte Regierungsratsmandat aspirieren», schrieb Holenstein am 8. Februar per Mail an Wasserfallen.

Um Präsident zu werden, musste Wasserfallen aber erst einmal ACS-Mitglied werden. Im April trat er ein, aber nicht etwa in die Sektion Bern, denn diese gehört nicht zu den Aufständischen. Dass Wasserfallen als Berner ausgerechnet in die Zürcher Sektion eintrat, sorgt in Bern für Unverständnis.

Showdown im September

Am 16. September kommt es nun zum Showdown. An einer Delegiertenversammlung stellt sich Wasserfallen offiziell zur Wahl. Zwar hatte ein Teil der Sektionen ihn bereits am 23. Juni zum Präsidenten erkoren, doch diese Wahl ist rechtlich umstritten. Noch vor kurzem sah es so aus, als würde Wasserfallen am 16. September im zweiten Anlauf problemlos und korrekt gewählt.

Doch am Wochenende wurde bekannt, dass der Schaffhauser SVP-Nationalrat Thomas Hurter ebenfalls in den Ring steigt. Im Unterschied zu Wasserfallen ist er seit Jahren ACS-Mitglied. Hurter stellt sich als «unbefangene Alternative» dar. «Der Verband sollte die Schlammschlacht nicht fortsetzen», sagt er. Für Hurter dürfte sprechen, dass er nicht bereits in Kürze wieder abzuspringen droht. Wie viel Support Hurter im ACS generieren kann, ist derzeit unklar. Klar ist nur: Nach dem Nationalrats-, dem Fraktions- und dem FDP-Präsidium ist auch das ACS-Präsidium für Wasserfallen noch nicht gewonnen.

Erstellt: 08.08.2016, 23:32 Uhr

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