Aufgewärmte «teuflische Angriffe»

Die Vorwürfe gegen Alfred Escher sind nicht neu. Aber weder der Wirtschaftspionier noch sein Vater waren je Sklavenhalter.

Die Vorwürfe drehen sich um Heinrich, doch das Ziel sei dessen Sohn Alfred, meint Historiker Joseph Jung: Escher-Skulptur am Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Vorwürfe drehen sich um Heinrich, doch das Ziel sei dessen Sohn Alfred, meint Historiker Joseph Jung: Escher-Skulptur am Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Heinrich Escher, dem Vater von Alfred Escher, bereiteten seine Geschwister Fritz und Ferdinand grossen Kummer. Denn unaufhörlich manövrierten sich diese in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Dann half ihnen Heinrich finanziell wieder auf die Beine. In Osteuropa brach die Katastrophe vollständig über die beiden herein: In Russland wurden sie verhaftet und mit Verbannung belegt. Von Zürich aus bemühte sich Heinrich um deren Freilassung. Er schoss ihnen Geld vor, damit sie sich ein weiteres Mal eine neue Existenz aufbauen konnten. Damit erwarben sich Fritz und Ferdinand die Kaffeeplantage Buen Retiro auf Kuba. Dort sollten sie auf Geheiss von Heinrich bleiben und sich in der Schweiz nicht mehr blicken lassen. Davon wusste Alfred Escher nichts, es geschah vor seiner Zeit.

Heinrich Escher kritisierte primär seinen Bruder Fritz. Dieser habe nie einen Dukaten eigenes Vermögen besessen. Dies sollte bis zum Tod von Fritz so weitergehen. 1845 starb Fritz. Alfred Escher, damals 26-jährig, hatte seinen Onkel nie zu Gesicht bekommen. Die Plantage auf Kuba wurde verkauft. In den 1840er-Jahren wurde das Gesamtver­mögen Heinrich Eschers in den Zürcher Steuerbüchern auf rund 800'000 Franken taxiert. Daran änderte sich bis zu seinem Tod 1853 nicht mehr viel. Von einem Gewinn aus dem Verkauf der Kaffeeplantage auf Kuba ist weit und breit nichts zu sehen. Ein Teil dieses väterlichen Vermögens ging an Alfred Escher.

Dieser war seit 1848 daran, die Schweiz zu modernisieren. Bereits war er Nationalratspräsident gewesen, Zürcher Regierungspräsident, hatte mit der Nordostbahn den ersten Grundstock der späteren SBB gelegt und war daran, Pläne für die Gründung der ETH zu schmieden. Den Herausforderungen und drängenden Fragen der Zeit hat er sich gestellt. Tatsächlich hat Escher Grosses bewirkt und die Entwicklung der modernen Schweiz angestossen wie kein anderer.

Der perfide Angriff der konservativen Presse in den 1840ern konnte Alfred Escher nichts anhaben. Denn weder er noch sein Vater waren Sklavenhalter auf Kuba.

Doch nun wird er im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» kritisiert. Escher habe sich nicht veranlasst gefühlt, dem Vorwurf der Sklavenhaltung seiner beiden Onkel nachzugehen. Dann wird das Fazit gezogen: «Für einen Wirtschaftspionier der Moderne und Politiker seines Formats ist diese Haltung enttäuschend.» Nicht nur, dass Alfred Escher mit dieser Argumentation in Sippenhaft genommen wird. Man misst ihn an gesellschaftspolitischen Positionen späterer Zeiten. Es sei gesagt: Auch vielen anderen Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts ist Alfred Escher nicht nachgegangen: weder Gleichberechtigungsfragen der Geschlechter noch dem Frauenstimmrecht.

Der «Tages-Anzeiger» und das «Magazin» machen exakt das, was in den 1840er-Jahren die konservative Zürcher Presse getan hat: Man konstruiert eine grosse Geschichte um Heinrich Escher, doch zielt man letztlich auf dessen Sohn Alfred. Dieser war nun aber nie in seinem Leben auf Kuba, noch hat er je Sklaven gehalten. Die verunglimpfenden Vorwürfe in der konservativen Presse gegen Alfred Escher und seinen Vater Heinrich wurden gerichtlich abgehandelt. Stadtschreiber Heinrich Gysi, der die öffentlichen Angriffe steuerte, wurde der Verleumdung und Beschimpfung schuldig gesprochen.

Verleumdungen gegen den Vater

Dass Alfred Eschers Onkel Fritz auf seiner Plantage auf Kuba Sklaven gehalten hatte, weiss man nicht erst seit der Titelgeschichte des «Tages-Anzeigers». Das war im Zürich der 1840er-Jahre bekannt. Der damalige perfide Angriff der konservativen Presse konnte Alfred Escher nichts anhaben. Denn weder er noch sein Vater waren Sklavenhalter auf Kuba.

Nach den Verleumdungen gegen seinen Vater, mit denen man in Tat und Wahrheit ihn politisch totschlagen wolle, schrieb Alfred Escher einen Brief an einen Freund. Seine Schultern seien stark genug, um diese «teuflischen Angriffe» auszuhalten. Aber dass diese Clique den alten Vater «aus seinem harmlosen Privatleben herausreissen will, einzig weil er das Verbrechen begeht, einen liberalen Sohn zu besitzen, das ist eine Infamie». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 00:11 Uhr

Joseph Jung

Der Historiker und Publizist schrieb die Alfred-Escher-Biografie «Alfred Escher. 1819–1882. Aufstieg. Macht. Tragik», die soeben in der 6. Auflage erschienen ist.

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