Wie drei Albaner in der Schweiz erfolgreich wurden

Am Wochenende findet in Zürich das «grösste Albanerfestival» Europas statt: Die Albaner sind in der Schweiz angekommen.

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Rita Ora verschickt Küsschen auf Twitter. «Switzerland, I am so excited for ­Albafestival next sunday!!», schreibt sie. Der Superstar freut sich auf seinen Auftritt in Zürich, am «grössten Albanerfestival Europas», wie es die Veranstalter Adem Morina und Avni Ajriz nennen. Sie waren überrascht, dass Rita Ora so begeistert reagiert hat. Für die Sängerin und Ehrenbotschafterin von Kosovo ist die Teilnahme selbstverständlich. Wie die meisten Albaner ist auch sie stolz auf ihre Wurzeln.

Vor wenigen Tagen geriet aber der Grossanlass auf dem Hardturm-Areal in die Kritik. Avni Ajrizi, einer der beiden Veranstalter, zeigte sich auf einem Foto auf Facebook mit dem skandalträchtigen kosovarischen Politiker Sami Lushtaku. Nach der Schlagzeile im «Blick», «Rita Ora am Albtraum-Festival», deaktivierte Ajrizi vorübergehend seinen Facebook-Account. Die Veranstalter reagierten nicht auf Anfragen dieser Zeitung.

Nicht nur diese Episode zeigt: Albaner haben in der Schweiz immer noch einen zweifelhaften Ruf. Sie seien kriminell, gefährlich oder doch zumindest zwielichtig. Wie tief das Misstrauen sitzt, wurde auch an der letzten Fussball-Weltmeisterschaft klar. Das Land war nach den gezeigten Doppeladlern empört, die Freude dahin. Skandale wie den um Loredana verschärfen das ­Unbehagen zusätzlich. Die albanische Rapperin soll eine Schweizerin um 700'000 Franken betrogen haben.

Arbeit am sozialen Aufstieg

Im Schatten dieser Negativschlagzeilen tut sich aber etwas: Die junge Albanergeneration arbeitet an ihrem sozialen Aufstieg – mit Ehrgeiz und Erfolg.

«Die albanische Kultur ist gut für die Seele», sagt Unternehmerin Miranda Ademaj. Foto: Andrea Zahler

Miranda Ademaj, 35, ist eine von ihnen. Vor sechs Jahren gründete sie ein Hedgefonds-Unternehmen, das sie zusammen mit zwei Kollegen führt. Sie erscheint mit High Heels und Bleistiftrock zum Termin, zehn Minuten zu spät. Es sei ein voller Tag, sorry.

Vor 25 Jahren ahnte noch niemand, dass aus dem blonden Mädchen eine Unternehmerin werden sollte. Ihre Eltern flüchteten damals wegen politischer Unruhen aus Kosovo nach Deutschland. Ademaj sprach kein Wort Deutsch. Doch sie lernte viel, schrieb Bestnoten und kam nach dem Abitur in die Schweiz, um Wirtschaft zu studieren. Danach arbeitete sie in Finanzunternehmen, bis zur Gründung ihrer Firma Skënderbeg, benannt nach einem albanischen Freiheitskämpfer.

«Albaner schlitzen Schweizer auf»: Die Plakate der SVP hingen überall, als Ademaj nach Zürich kam. Ein Schock. «Bis heute kann ich nicht verstehen, wie man ein ganzes Volk pauschal so beleidigen kann», sagt sie. Die Diskriminierung sei später selten so offen geschehen. Aber sie war immer da. «Dabei könnten die beiden Kulturen voneinander profitieren.» Die schweizerische Pünktlichkeit verbunden mit der Lebensfreude der Albaner, dem Zusammenhalt in der Familie. «Die albanische Kultur ist gut für die Seele.»

Die Familie sei eine zentrale Bezugsgrösse für Albaner, sagt Basil Schader, Albanologe und emeritierter Dozent. «Dies mag auch mit der jahrhundertealten Erfahrung zusammenhängen, dass der Staat – meist fremde Besatzer – als wenig zuverlässig und oft feindlich erlebt wurde.»

Marash Pulaj hat sich lange nicht mit seinen Wurzeln auseinandergesetzt. Foto: Andrea Zahler

Im Zürcher Büro von Sony Music sitzt Marash Pulaj. Der 25-Jährige hat gerade die letzten Prüfungen an der Universität Zürich hinter sich gebracht, bald hat er den Bachelor in Publizistik­wissenschaften. Er hofft, dann wieder mehr Zeit für seine Leidenschaft zu haben. Der Luzerner macht Musik, seit er 13 Jahre alt ist; vor vier Jahren nahm ihn Sony unter Vertrag. Letztes Jahr zog er in einem Rap Bilanz: «Der erste fucking Shipi mit nem Major Deal.» Der Ausdruck Shipi stammt vom Wort Shqiptar, der albanischen Bezeichnung für Albaner. Von Schweizern wird er oft abwertend verwendet. Pulaj hat es «geschafft», wie er sagt.

Obwohl er bis zum Kindergarten nur Albanisch sprach und seine Eltern das Schulsystem nicht kannten. Die Akademiker kamen als politische Flüchtlinge in die Schweiz und mussten sich mit ungelernten Jobs zufriedengeben. Doch das Paar fühlte sich gut aufgenommen, beide sind dankbar, dass sie in die Schweiz kommen konnten. Pulaj selber fühlt sich kaum diskriminiert. «Auch, weil man mir die Herkunft nicht auf Anhieb ansieht.» Wenn er von ­seiner Heimat erzählt, reagieren viele überrascht. «Ein Albaner, der studiert, Respekt.» Für viele ein Widerspruch.

Lange hat sich Pulaj nicht mit seinen Wurzeln auseinandergesetzt, als Teenager konnte er kaum noch Albanisch. Erst als er zum Co-Moderator einer ­albanischen TV-Show ernannt wurde, näherte er sich der Kultur wieder an. Heute ist der Doppelbürger in Kosovo ein Promi. Letztes Jahr hat er seinen ersten albanischen Rap aufgenommen und mit einer halben Million Klicks auf Anhieb mehr Reichweite geschafft als mit Mundart-Texten.

Die jungen Albaner in der Schweiz beherrschen ihre Muttersprache oft nur noch in mündlicher Form und im Dialekt, sagt Basil Schader. Im Gegensatz zu früher besuchten heute weniger Kinder und Jugendliche den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur. «Vor allem bildungsferne Eltern erkennen den Wert dieses Angebots nicht und ­fragen sich: Wieso sollen meine Kinder Albanisch sprechen?» Dabei unterschätzten sie die intellektuelle Bereicherung einer Zweitsprache und des Wissens um die eigene Herkunftskultur.

Nach dem Abschluss der Sek A schrieb Qëndresa Sadriu knapp 300 Bewerbungen und bekam nur Absagen. Foto: Andrea Zahler

Qëndresa Sadriu war jahrelang für alle Jenny. Ihr Name sei zu kompliziert, hatte ihr eine Lehrerin gesagt. Die 25-Jährige sitzt im Bistro des Landesmuseums in Zürich. Ihre Wangen glühen, weil es heiss ist. Aber auch vor Aufregung. Weil ihre Geschichte sie stolz macht und gleichzeitig verärgert. Sadriu wohnt in Opfikon. Dort ist sie mit ihren zwei jüngeren Schwestern aufgewachsen, dort ist sie auch politisch aktiv, als Gemeinderätin und Kantons­rätin der SP. Bis vor wenigen Wochen war sie Gemeinde­präsidentin.

Ihre Eltern stammen aus Kosovo und kamen vor dem Krieg als Wirtschaftsflüchtlinge in die Schweiz. Mit dem Geld, das sie verdienten, halfen sie ihrer Familie zu Hause, auch später, als der Krieg ausbrach. Sie lebten in einer Zweieinhalbzimmerwohnung, zeitweise mit mehreren Personen, die aus Kosovo ­geflüchtet waren. «Wir konnten uns ­wenig leisten. Heute treffen wir uns fast jeden Samstag und gehen am Zürisee essen oder etwas trinken.»

Sadriu arbeitet als Dentalassistentin. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, wurde aber von den Lehrern gebremst. Nach dem Abschluss der Sek A schrieb sie knapp 300 Bewerbungen und bekam nur Absagen. «Es muss an meiner Herkunft gelegen haben, anders kann ich mir das nicht erklären.» In Kosovo sage man es einem ins Gesicht, dass man ihn nicht mag. «In der Schweiz lassen sie es einen spüren. Es ist eine unterschwellige Feindseligkeit.»

Inzwischen hat Sadriu die Matur nachgeholt und möchte doch noch Lehrerin werden. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat. Seit einiger Zeit hat sie vermehrt Kontakt zu gleichaltrigen ­Albanern. Neue Freundschaften sind entstanden, und sie hat begonnen, sich vermehrt mit ihrer Herkunft zu befassen. «Ich habe verstanden, dass meine Heimat, ob Schweiz oder Kosovo, in mir drin ist.» Dass sie nicht assimiliert sein muss, um akzeptiert zu werden.

Nur wenige Rückkehrer

Der Erfolg der Jungen ist eng mit der harten Arbeit der ersten Generation ­verknüpft. Auch Jana schuftete ihr Leben lang. Sie stammt aus einem kleinen Dorf bei Pristina. 1991 zog sie mit ihren vier Söhnen zu ihrem Mann in die ­Region Basel. Jana begann, als Putzfrau zu arbeiten. Liessen es die Arbeitgeber zu, nahm sie den jüngsten Sohn mit. Sie arbeitete schwarz. Mit dem Ersparten bauten sie und ihr Mann ein Haus in der Heimat.

Doch die Söhne, die in der Schweiz reich werden wollten, dachten immer seltener an Kosovo, und das Haus stand immer öfter leer. Manchmal, im Geheimen, träumt Jana von einer Rückkehr. Obwohl sie weiss, dass dieser Traum nie Realität werden wird. Sie will dort sein, wo ihre Kinder leben, wo ihre Enkel aufwachsen. So fährt Jana jeden Sommer heim, putzt dort den Staub von den Tischen und Schränken, verteilt ein wenig Geld und geht dann wieder.

Immer weniger kehrten in ihr Herkunftsland zurück, sagt Basil Schader. Die jungen Albaner fühlten sich mehrheitlich wohl in der Schweiz, deshalb blieben auch die Eltern. Ob man deshalb von einer gelungenen Integration sprechen könne? «So wie die schweizerische Gemeinschaft ist auch die albanische nicht homogen. Den einen fällt es leichter, sich zu integrieren, als anderen.» Aber im Grossen und Ganzen sei die ­Integration durchaus gut gelungen.

Die albanische Diaspora ist ein wenig wie das Alba-Festival – ein albanisches Festival mitten in der Schweiz.

Erstellt: 27.06.2019, 19:53 Uhr

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