Ausgerechnet der Saubermann

Der Walliser CVP-Shootingstar Yannick Buttet markiert in Bern den konservativen Wertepolitiker. Jetzt wird bekannt, dass er Frauen stalkte und bedrängte.

SMS, Mails, Anrufe und nächtliche Hausbesuche: CVP-Nationalrat Yannick Buttet hat eine ehemalige Geliebte gestalkt. Foto: Peter Schneider (Keystone)

SMS, Mails, Anrufe und nächtliche Hausbesuche: CVP-Nationalrat Yannick Buttet hat eine ehemalige Geliebte gestalkt. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Glühwein im Schneegestöber, Grenadiere und Tambouren, Politprominenz aus der ganzen Schweiz: Der Mittwoch sollte ein Freudentag werden für die CVP. Einer aus ihren Reihen, Dominique de Buman, war vom Nationalrat zum höchsten Schweizer gewählt worden, sein Heimatkanton Freiburg lud zum Fest. In einem schweren Mantel marschierte Parteipräsident Gerhard Pfister gleich hinter Bundesrat Guy Parmelin durch die Altstadt und durfte anschliessend hören, wie selbst FDP-Festredner die «tiefen Werte» der CVP priesen.

Video – Reaktionen aus Bundesbern

Parlamentarierinnen äussern sich zu den Vorwürfen gegen Yannick Buttet. (Video: Tamedia, SDA)

Alles prima für Pfister, der die CVP seit langem als «Wertepartei» positionieren will. Doch dann, noch während des Festakts, erhält Pfister eine Nachricht von Parteikollege Yannick Buttet. Dieser teilt mit, er stecke in Schwierigkeiten. Seither herrscht Aufruhr in der CVP. Am Donnerstagmorgen greift die Aufregung jäh auf ganz Bundesbern über. Man hört Spott («Aha, die Wertepartei!»). Man hört vollmundige Analysen («Die Weinstein-Affäre ist im Bundeshaus angekommen»). Vor allem aber hört man Bestürzung. Ausgerechnet Yannick Buttet!

Politiker, Offizier, Vater, Stalker

Der 40-jährige Walliser ist ein Vorzeigevertreter der C-Partei. Familienvater, Oberstleutnant, Gemeindepräsident, Nationalrat, Vizepräsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, seit 2016 auch Vizepräsident der CVP Schweiz. Im Parlament gibt er den konservativen Wertepolitiker. Buttet bekämpft schärfere Waffengesetze, die Homo-Ehe, die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare, ja sogar den Sexualkundeunterricht in der Primarschule.

Als die Polizei eintrifft, versucht er, sich im Garten zu verstecken.

Am vorletzten Sonntag erscheint dieser Yannick Buttet um 1.55 Uhr morgens am nördlichen Ortsrand von Siders VS vor einem Mehrfamilienhaus, 70 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Im Haus befinden sich eine Mutter und ihre zwei kleinen Kinder. Mit der Frau hat Buttet bis vor rund einem Jahr eine aussereheliche Beziehung gepflegt. Seit die Affäre endete, soll Buttet die Frau bedrängt haben. Mit Anrufen, SMS und Mails – teils bis zu 50 pro Tag, wie die Frau der Polizei schilderte.

«Das ist inakzeptabel»: CVP-Präsident Gerhard Pfister äussert sich zu den Vorwürfen gegen Buttet. (Video: Tamedia/SDA)

In jener Nacht jedoch reichen Anrufe und SMS nicht mehr. Buttet verlangt, dass die Frau ihn in die Wohnung lässt. Rund 20-mal klingelt er. Buttet ist so beharrlich, dass die Frau zum Telefon greift und den Notruf 117 wählt. Als die Polizei vor Ort eintrifft, versucht Buttet sich im Garten zu verstecken. Die Stalking-Vorwürfe habe er anschliessend «halbwegs» zugegeben, heisst es in einem offiziellen Dokument, das dieser Zeitung vorliegt. Inzwischen hat die Frau Strafanzeige gegen Buttet erstattet.

Es ist die Westschweizer Zeitung «Le Temps», die den Vorfall gestern Morgen publik machte. Yannick Buttet, so scheint es zunächst, foutiert sich darum. Als einer der ersten Politiker sitzt er im Nationalratssaal und demonstriert krampfhaft Normalität. Um 8.23 Uhr twittert er: «Fortsetzung der Budgetdebatte mit den ‹Beziehungen zum Ausland› zum Sitzungsbeginn.» Doch die Beziehungen zum Ausland interessieren an diesem Morgen im Bundeshaus niemanden. Was interessiert, sind Buttets Beziehungen zum anderen Geschlecht.

Denn der Fall Siders passt zu gut zu jenen Geschichten von Exzessen und Entgleisungen Buttets, die in Bern schon länger kursieren. Politikerinnen berichteten gestern von unangenehmen Avancen des CVP-Mannes. Buttet selbst räumte gegenüber «Le Temps» ein, dass er sich unter dem Einfluss von Alkohol gegenüber «verschiedenen Personen» unangemessen verhalten habe. Grund dafür sei eine schwere Ehekrise gewesen, so Buttet.

In Bern und bei seiner Partei verfängt diese Entschuldigung nicht. In einer Krisensitzung am frühen Donnerstagmorgen suspendiert die CVP Buttet vom Vizepräsidium. Später sagt Parteipräsident Pfister, Buttets Verhalten sei «inakzeptabel». Kann Buttet Nationalrat bleiben? «Im Moment», sagt Pfister, sei die Suspendierung richtig. Alles weitere werde er mit Buttet, seiner Kantonalpartei und dem CVP-Präsidium besprechen. Bedingungslose Rückendeckung klingt anders. Auch die CVP Unterwallis markiert Distanz. Er sei «überrascht und schockiert», sagt deren Präsident Serge Métrailler. Man nehme die Anschuldigungen sehr ernst. Für Buttet gelte dennoch die Unschuldsvermutung. Die Justiz werde die Sache klären. Sollten aber weitere Enthüllungen folgen, könnte «die Situation für Buttet sehr delikat werden».

Buttet will bleiben

Viele CVP-Politiker halten einen Rücktritt bereits für unausweichlich, sie wollen sich aber nicht namentlich zitieren lassen. «Wir hätten in der Partei weiss Gott andere Sorgen», sagt ein Nationalrat und äussert Mitleid mit Präsident Pfister, der nun auch noch diese Krise managen müsse. Ein anderer CVP-Nationalrat meint, Buttets Verfehlungen beträfen zwar sein Privatleben. Sie liessen aber auch Rückschlüsse auf den Charakter des Politikers Buttet zu. Babette Sigg, Präsidentin der CVP-Frauen, will Buttet zwar nicht zum Rücktritt auffordern. Sie sagt aber: «Besonders erschreckend ist Buttets Respektlosigkeit, weil gerade er in der politischen Arbeit stets sehr viel Wert auf das C in unserem Parteinamen gelegt hat.»

Wie ernst man in Bern die Affäre Buttet nimmt, zeigt auch die Tatsache, dass gestern die Ratspräsidien spontan jegliche sexuelle Belästigung verurteilten und entschieden, Massnahmen zur Prävention und zur Sensibilisierung im Parlament zu prüfen. Einer gut informierten Quelle zufolge befürchtet die Parlamentsleitung weitere ähnliche Enthüllungen. Wenige Stunden nach diesem Entscheid trat eine erste Parlamentarierin an die Öffentlichkeit: Sie sei von einem anderen Politiker derart belästigt worden, dass sie sich eine Klage überlege, sagte Céline Amaudruz (SVP, GE).

Yannick Buttet selbst mied gestern die Medien. Gegenüber dieser Zeitung erklärte er lediglich, dass er nicht an einen Rücktritt denke. Er werde nur demissionieren, wenn er schuldig gesprochen werde.

Mitarbeit: Philippe Reichen

Erstellt: 30.11.2017, 21:57 Uhr

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