Keine Aussteuerung mehr für über 55-Jährige

Minimales Arbeitslosengeld bis zur AHV: Wenn jemand seine Stelle nach 55 verliert, soll die Arbeitslosenversicherung künftig unbefristet zahlen.

Ältere Jobsuchende sollen länger auf die Hilfe der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren zählen können. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Ältere Jobsuchende sollen länger auf die Hilfe der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren zählen können. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Ältere Arbeitslose haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. Mehr als jeder zweite über 55-Jährige braucht länger als ein Jahr, um wieder eine Arbeit zu finden. Zudem haben ältere Arbeitslose ein überdurchschnittlich hohes Risiko, aus der Arbeitslosenversicherung (ALV) ausgesteuert zu werden, also gar keinen Job mehr zu finden.

Für die Schweizerische Konferenz der Sozialhilfe (Skos) ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt für ältere Arbeitslose dramatisch. Denn wer während der maximalen ALV-Bezugsdauer von zwei Jahren keinen Job findet, droht für immer vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu bleiben. Bloss jeder siebte über 55-Jährige findet nach der Aussteuerung wieder eine feste Anstellung. Diese geringe Chance auf Wiedereingliederung sei «eine Schande», sagte Felix Wolffers, Co-Präsident der Skos, gestern vor den Medien. Ein Drittel der älteren Ausgesteuerten findet keine Stelle mehr, der Rest schlägt sich mit Teilzeitjobs oder in prekären Arbeitsverhältnissen durch.

Mehr Ältere bei der Sozialhilfe

Bei der Sozialhilfe hinterlassen die schlechten Chancen älterer Langzeitarbeitsloser Spuren. Von 2010 bis 2016 hat sich die Zahl der über 55-jährigen Sozialhilfebezüger um 50 Prozent auf rund 30 000 Personen erhöht. Für die Skos zeigt diese Zahl nur die Spitze des Eisbergs, wie Therese Frösch, Co-Präsidentin der Skos, sagte. Denn die meisten landen nach Bezug aller Arbeitslosengelder nicht bei der Sozialhilfe, sondern überbrücken die Zeit bis zur Pensionierung mit ihrem Vermögen. Damit die Sozialhilfe zahlt, muss das Vermögen meist bis auf 4000 Franken aufgebraucht und Wohneigentum verkauft werden.

Die Skos-Verantwortlichen halten diesen sozialen Abstieg für unwürdig, wenn jemand zuvor während Jahrzehnten gearbeitet hat. Deshalb fordert die Skos, dass über 55-Jährige nicht mehr von der ALV ausgesteuert werden, wenn sie mindestens 20 Jahre gearbeitet haben. Sie sollen nach Bezug der ordentlichen Taggelder bei der ALV weiter versichert bleiben, wenn auch nicht mehr zu 80 oder 70 Prozent des früheren Lohns. Die Versicherung sollte ihnen die Existenz auf dem Niveau der Ergänzungsleistungen (EL) sichern. Gegenüber dem Sozialhilfeniveau wäre dies eine deutliche Verbesserung. Für den Lebensbedarf haben EL-Empfänger zusätzlich zur Miete und Krankenversicherung 1600 Franken im Monat zur Verfügung, die Sozialhilfe zahlt gemäss Skos-Richtlinien 977 Franken.

Problem ist anerkannt

Die Skos sieht ihren Vorschlag als pragmatischen Weg. Der Arbeitslosenversicherung entstünden nur geringe zusätzliche Kosten, eine Schätzung gibt es nicht. Die Arbeitgeber könnten die Kosten tief halten, wenn sie älteren Arbeitslosen eine Chance gäben. Auf die Forderung eines besseren Kündigungsschutzes für ältere Arbeitnehmende habe die Skos aus Rücksicht auf den Widerstand der Arbeitgeber verzichtet.

Ob das Parlament diesen Vorschlag aufnimmt, ist offen. SVP-Nationalrat und Unternehmer Franz Grüter anerkennt die Probleme älterer Arbeitsloser. Mit einem Ausbau der ALV werde das Problem jedoch von den Sozialämtern auf die Arbeitslosenkasse verlagert. «Ursächlich wird kein Problem gelöst.» Grüter setzt bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) an. Diese müssten die älteren Arbeitslosen bei der Jobsuche viel intensiver unterstützen und ihre Aufgabe als Arbeitsvermittler wahrnehmen. Auch FDP-Ständerat Philipp Müller übt Kritik an den RAV. Ein Teil der Mitarbeiter sei überfordert, und das oberste Führungspersonal verweigere die Arbeit. Müller verweist auf die Kritik der RAV-Spitze an der Einführung des Arbeitslosenvorrangs, weil die RAV angeblich überfordert seien. Müller anerkennt, die Absicherung von Ausgesteuerten auf Sozialhilfeniveau sei stossend, wenn diese ein Leben lang gearbeitet hätten und gleich viel erhielten wie jemand, der erst kurze Zeit in der Schweiz sei.

SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini hält den Skos-Vorschlag für einen Schritt in die richtige Richtung. Allerdings sei die Absicherung auf EL-Niveau zu tief. Pardini fordert eine Verlängerung der ALV-Bezugsdauer. Auch müsse die Beitragsdauer, um die maximale Bezugsdauer zu erhalten, wieder reduziert werden. Vor 2011 waren dafür 18 Beitragsmonate nötig, heute 24.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 07:44 Uhr

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