Mit grossen Plänen gestartet – hats geklappt?

Neu und besser als alle wollte es die «Republik» machen. Was das Medien-Start-up nach einem Jahr erreicht hat – und wo es scheiterte.

Journalismus als ästhetisches Gesamterlebnis: Constantin Seibt, Mitbegründer der «Republik». Foto: Keystone

Journalismus als ästhetisches Gesamterlebnis: Constantin Seibt, Mitbegründer der «Republik». Foto: Keystone

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Als das Onlinemagazin «Republik» vor einem Jahr an den Start ging, konnten die Erwartungen nicht hoch genug geschraubt werden: Neu und besser als alle wollte man es machen – vom Geschäftsmodell über die Organisationsstrukturen bis zu den Inhalten. Heute liest man von überhöhten Kosten, unproduktiven Redaktoren, überlangen Texten, die niemand liest, und einem erheblichen Defizit. Wo aber steht die «Republik» wirklich? Im Hotel Rothaus an der Langstrasse, wo das Medien-Start-up untergebracht ist, gibt man sich entwaffnend ehrlich. «Anfangs war uns nicht klar, was unser Produkt eigentlich ist», sagt Constantin Seibt, der die «Republik» zusammen mit Christof Moser gegründet hat. Das klingt wesentlich bescheidener als vor einem Jahr. Denn angetreten sind die «Republik»-Gründer, um den Journalismus in seiner grössten Krise zu retten, ihn neu zu erfinden.

Inzwischen haben Seibt und Moser für sich geklärt, was sie verkaufen können. «Das Produkt ist das Unternehmen», sagt Moser. «Unser Medium sind nicht nur die Artikel, die wir liefern. Die «Republik» ist auch ein Club», fügt Seibt hinzu. «Klar, ohne leistungsfähigen Journalismus braucht es den Club nicht. Aber bei uns kauft man ein ästhetisches Gesamterlebnis – und die Teilnahme an einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang.» Vom ursprünglichen Anspruch ist also vor allem eines übrig geblieben: ein Club, der zurzeit primär der Selbstfindung einiger Journalisten dient.

An der Gewinnschwelle

Finanziell befindet sich der Club auf gutem Weg. «Auf dem Höhepunkt hatten wir im ersten Jahr bereits 24'500 Abonnenten», sagt Christof Moser. Mit diesem Abo-Stamm hätte die «Republik» nach ihrem ursprünglichen Budget bereits schwarze Zahlen geschrieben. «Wir nahmen an, dass wir diesen Punkt erst in vier oder fünf Jahren erreichen», sagt Moser. Erreicht hat man die Gewinnschwelle bereits kurz vor der Erneuerungsphase, die heute abgeschlossen wird. Mit an Bord sind aktuell mindestens 17'000 Abonnenten. Ein Erfolg.

Andere Ansprüche mussten aufgegeben werden. «Wir bauen auf, wo andere abbauen», war ein «Republik»-Slogan. Aufgebaut hat man vor allem ein Erste-Hilfe-Team, das die Leser betreut. Im nächsten Jahr will das Start-up ins Marketing investieren, um schneller wachsen zu können. Und es will sparen. Wo und wie viel genau, will man nicht sagen. Aber 10 Prozent der Ausgaben sollen es sein, die sich im Jahr 2018 auf monatlich 467'000 Franken beliefen – bei Einnahmen von 433'000 Franken. Heute beschäftigt die «Republik» 50 Mitarbeiter auf 36 Vollzeitstellen. Begonnen hat man mit rund der Hälfte.

Warum ist man so schnell gewachsen, dass man nun schon wieder sparen und nach Sponsoren suchen muss? Weil es den Machern der «Republik» nötig schien, um das Magazin gehaltvoll zu machen. Und weil sie alles anders, alles besser machen wollten. So war es der Ehrgeiz, dass die IT-Abteilung der «Republik» alles selbst programmiert. Eine Investition in die Unabhängigkeit und in die Zukunft. Bei der «Republik» soll der Journalismus mit der IT «verschmelzen», hiess es, also neue digitale Erzählformen entstehen. Bisher blieb dies ein weitgehend uneingelöstes Versprechen.

Ein Transparenzproblem von Anfang an

«Wir müssen Hektoliter Hoffnung verkaufen und sie dann in kleinsten Fläschchen zurückstottern», hat Constantin Seibt mal gesagt. Konkrete Versprechen gab die «Republik» viele. Etwa jenes, nicht den «ersten, aber den definitiven Artikel» zu liefern. Veröffentlicht wurden im ersten Jahr lange, oft mehrteilige Artikel. Jüngst etwa ein Dreiteiler zur Krise der Migros, der im letzten Teil ins 19. Jahrhundert zurückspringt – zwecks Analyse der aktuellen Situation des Grossverteilers, der 1925 gegründet wurde. Das sind Momente, in denen selbst freundliche Leser genervt ihre Smartphones aus der Hand legen.

Gewiss, die «Republik» hatte in ihrem ersten Jahr einige tolle Stücke, die auf Resonanz stiessen. Aber allzu oft verlor man jegliches Mass, jeglichen Bezug zur Schweizer Aktualität. Einige Journalisten – wie Constantin Seibt – hatten bei der «Republik» bei weitem nicht die Dringlichkeit und Qualität, für die sie bei anderen Medien bekannt wurden. Wie können erfahrene Journalisten über so lange Zeit unter ihren Möglichkeiten bleiben? Spricht man mit «Republik»-Insidern, ist von Problemen die Rede, die zwar durchaus typisch für Start-ups sind, aber den Output geschmälert haben. So soll es nach einer Anfangsphase Streit gegeben haben, welche Prioritäten man bei der Organisation der «Republik» setzen will: Ruhe in den Redaktionsalltag zu bringen – oder die Anfangseuphorie nutzen und eine Vision entwickeln, wie man das Projekt auf ein neues Level pushen könnte? Im Oktober wurde dann bekannt, dass vier Gründungsmitglieder die «Republik» verlassen. Versucht man, solche Vorgänge zu besprechen, geben sich die Gründer abweisend und ausweichend. Wie normale Unternehmer.

Unsere Journalisten müssen sich selbst und den Journalismus neu erfindenChristof Moser, Gründervater der «Republik»

Ein Transparenzproblem hat die Firma seit Beginn: 2 Millionen Franken des Anfangskapitals stammen von Spendern, deren Namen nur die «Republik»-Gründer kennen. Für Christof Moser ist das kein Problem. Er räumt aber ein, dass die «charmante Idee» einer «Jahreszeiten-Chefredaktion», die alle drei Monate wechseln sollte, eine «Schnapsidee» war. Auch der Verzicht auf Ressortstrukturen hat sich nicht bewährt. Heute organisieren sich die Journalisten in «tribes», in Stämmen. Als grösstes Problem im Alltag erwies sich ausgerechnet die Freiheit, alles schreiben zu können, was die Journalisten wollten: Von Schreibblockaden ist die Rede und vom Problem, eine eigene Form und Identität zu finden, mit der man sich gegenüber anderen Medien abgrenzen kann.

War der Anspruch, den «endgültigen Artikel» zu liefern, nicht völlig vermessen? «Nein, der ‹definitive Artikel› ist eine Art Richtungsanweisung», sagt Seibt. Also ein Ideal, an dem man sich orientieren will, auch wenn man es wiederholt verfehlt. Im zweiten Jahr soll man aber lässiger und dringlicher werden. «Journalisten, die zu uns an Bord kommen, müssen sich selbst und den Journalismus, den sie gemacht haben, neu erfinden», sagt Christof Moser. Klingt charmant, erweist sich im Redaktionsalltag aber offensichtlich als Problem. Qualität liefern aktuell jene, die so schreiben, wie sie es bei anderen Medien bereits erfolgreich taten – etwa die Gerichtsreporterin Brigitte Hürlimann, der Kolumnist Daniel Binswanger oder der Reporter Carlos Hanimann.

Was gibt der Markt noch her?

Die Leser zu Chefs zu machen, war einer der Ansprüche der «Republik»: Was tatsächlich gelesen wird und wie lange die Leser an einer Geschichte dranbleiben, will man aber nicht wissen, obwohl die «Republik» über die nötigen Daten verfügt. Intern hat auch dies zu Diskussionen geführt. Aber die «Republik»-Gründer bleiben dabei: «Wir setzen ganz auf den Dialog und das qualitative Feedback der Community», sagt Moser. Gemeint sind die Rückmeldungen der Leser. Im «Republik»-Forum sind am meinungsstärksten hauptsächlich Männer zwischen 40 und 60 Jahre, die auch bei anderen Onlinemedien in den Kommentarbereichen sehr präsent sind; bei der «Republik» heissen sie nur linksliberale Positionen gut, die mit ihrer eigenen Biografie zur Deckung gebracht werden können. An emanzipatorischen Aufbrüchen oder an allzu grosser politischer Vielfalt sind sie nicht interessiert, auch wenn sich die Redaktion darum bemühen wollte. «Wir dachten eigentlich, dass wir eine sehr diverse Truppe in Sachen Geschlecht, Alter und Temperament an Bord haben», sagt Seibt. «Aber es ist klar, dass man nicht unbedingt den politisch neugierigsten Kurs fährt, wenn man sich gerade noch am Finden ist.»

Ob es der «Republik» gelingt, sich selbst zu finden und die gewünschte Vielfalt zu erreichen, wird sich zeigen. Erreicht werden müsste die Vielfalt nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen: 17'000 – die Zahl der «Republik»-Abonnenten entspricht ziemlich genau dem, was die linke «Wochenzeitung» und die Schweizer Seiten der «Zeit» verkaufen. Ist da ein Wachstum noch möglich? Sicher ist, dass journalistische Start-ups meist an der mangelnden Überzeugungskraft ihres Produkts scheiterten, nicht am Marketing und an der Finanzierung. So war es zuletzt bei der Basler «Tageswoche», die im Oktober eingestellt wurde. Allzu oft wird es nicht möglich sein, Sponsoren und Abonnenten für ein journalistisches Start-up zu begeistern, vielleicht nur alle zehn Jahre. Die Macher der «Republik» wissen das.

Erstellt: 31.01.2019, 09:52 Uhr

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