Auslandschweizer – 20 Mal pro Jahr von Berlin nach Bern

Wie nachhaltig ist denn das? Ex-Botschafter Tim Guldimann reist künftig von weit her ins Parlament. Den Ökokritikern gab er vor der Wahl einen Rat.

Mit 102'756 Stimmen komfortabel gewählt: Ex-Botschafter Tim Guldimann (SP).

Mit 102'756 Stimmen komfortabel gewählt: Ex-Botschafter Tim Guldimann (SP). Bild: Keystone

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Tim Guldimann hatte auf Platz 10 der Zürcher SP-Liste kandidiert. Die Wahl in den Nationalrat schaffte er am Sonntag ohne Probleme, als viertbester von neun gewählten Zürcher Genossinnen und Genossen. Damit ist der frühere Spitzendiplomat und politische Quereinsteiger auch der erste Auslandschweizer, der je als solcher ins eidgenössische Parlament gewählt worden ist. Guldimann wirkte bis Ende Mai als Botschafter in Berlin, und in Deutschland will er auch bleiben.

Am gestrigen Wahlabend bekräftigte Guldimann auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA, dass ein Umzug in die Schweiz für ihn nicht zur Debatte stehe. «Ich bin Auslandschweizer, und Auslandschweizer wohnen im Ausland.» Guldimann ist mit der deutschen «Spiegel»-Journalistin Christiane Hoffmann verheiratet, und er ist Vater von zwei schulpflichtigen Kindern. Weil Berlin sein Lebensmittelpunkt bleibt, wird Guldimann als eidgenössischer Parlamentarier regelmässig nach Bern pendeln. Ob er sich in Bern ein Pied-à-terre – also eine kleine Wohnung – zulegen wolle, wo er während der Sessionen wohnt, konnte er noch nicht sagen, wie die SDA berichtet. Für das Reisen in die Schweiz hat Guldimann genügend Zeit, da er mittlerweile Rentner ist.

Jährlich vier Sessionen und zehn Kommissionssitzungen

Für die vier Sessionen und zehn Kommissionssitzungen muss Guldimann rund 20-mal pro Jahr nach Bern reisen – entweder mit der Bahn oder mit dem Flugzeug. Teile der SP-Basis und des links-grünen Lagers hatten Kritik geäussert, nachdem Guldimann im letzten Frühling seine Nationalratskandidatur angekündigt hatte. Das Fliegen zwischen Berlin und Bern widerspreche den ökologischen Ansprüchen der SP, zitierte damals der «Tages-Anzeiger» die Kritiker des Wahlberliners. Guldimann antwortete, dass er im Fall einer Wahl in das Bundesparlament sowohl mit der Bahn als auch mit dem Flugzeug in die Schweiz kommen werde. Er räumte ein, dass er mit den Flugreisen aus Umweltsicht nicht sehr konsequent sei. «Wenn man das ökologisch nicht akzeptiert, soll man mich nicht wählen», sagte Guldimann der «Schweiz am Sonntag». Guldimann trat explizit als Auslandzürcher zu den eidgenössischen Wahlen an.

Wie das gestrige Wahlergebnis im Kanton Zürich zeigt, hat ihm die geplante Pendlerei zwischen Berlin und Bern nicht geschadet. Auf seiner Website erklärte Guldimann, der seit 33 Jahren der SP angehört, sein sehr gutes Abschneiden wie folgt: «Der Erfolg zeigt, dass meine Anliegen für eine weltoffene Schweiz, für die Bilateralen und für einen anständigen Umgang mit den Flüchtlingen auf Zustimmung gestossen sind.» Gleichzeitig zeigte er sich besorgt über den Vormarsch des Rechtspopulismus. Angst und Verunsicherung zu bewirtschaften, untergrabe die Zukunft der Schweiz, schrieb Guldimann. «Trotzdem: Ich stehe ein für den Dialog mit anderen Positionen. Wir müssen recht bekommen, recht haben allein nützt nichts.»

Ein 167-jähriges Recht für Auslandschweizer

Dass im Ausland lebende Schweizer das passive Wahlrecht auf Bundesebene haben, ist nichts Neues: Das Recht besteht seit der Gründung des Bundesstaates 1848. Erst 2003 stellte erstmals eine Partei eine separate Auslandschweizer-Liste auf: die SVP Basel-Landschaft. Von den 59 Auslandschweizern, die auf 16 Listen zu den diesjährigen Wahlen angetreten waren, war Guldimann als Einziger erfolgreich. Er ist nicht der erste Auslandschweizer im Parlament, aber der erste, der als Auslandschweizer gewählt wurde. In der Legislaturperiode 1999–2003 sassen zwei Auslandschweizer im Nationalrat: Ruedi Baumann (Grüne, BE) und seine Frau Stephanie Baumann (SP, BE). Sie waren während der Amtszeit nach Frankreich ausgewandert.

Ein prominenter Auslandschweizer war Bundesrat Traugott Wahlen. Der Vertreter der damaligen BGB, einer Vorläuferin der SVP, wurde 1958 in die Regierung gewählt. Der ETH-Professor war für die UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO in Rom tätig. Nach seiner Wahl kam er in die Schweiz zurück.

Artikel mit Material der Nachrichtenagentur SDA. (vin)

Erstellt: 19.10.2015, 16:59 Uhr

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