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«Autobahnen haben bei höheren Tempi weniger Kapazitäten»

Tempo 140 auf den Schweizer Autobahnen: Das fordert eine Facebook-Initiative. Verkehrsingenieur Andreas Kaufmann sagt, warum das kaum umzusetzen wäre.

Schneller am Ziel dank Tempo 140? Ein kilometerlanger Stau vor dem Gotthard-Nordportal. (Archivbild)
Schneller am Ziel dank Tempo 140? Ein kilometerlanger Stau vor dem Gotthard-Nordportal. (Archivbild)
Keystone

Herr Kaufmann, zurzeit wollen mehrere Initiativen das Tempolimit auf den Schweizer Autobahnen auf bis zu 140 km/h erhöhen. Was ist aus verkehrstechnischer Perspektive von diesen Vorschlägen zu halten? Dieses populäre Thema kommt zwar in der Bevölkerung gut an. In der Diskussion müssen jedoch zwei Aspekte berücksichtigt werden: die Sicherheit und die Kapazität. Das Unfallrisiko und die -schwere nehmen mit höherer Geschwindigkeit zu. Und die Kapazität auf den Autobahnen nimmt mit höheren Tempi ab. Das Optimum bezüglich Kapazität wird bei einer Geschwindigkeit zwischen 80 und 90 km/h erreicht. Denn wenn die Fahrzeuge langsamer unterwegs sind, können sie näher auffahren. Bei grösseren Abständen werden die Kapazitäten dagegen geringer. Gerade in Hauptverkehrszeiten ist das aber nicht erwünscht. Höhere Tempolimiten bringen den einzelnen Autofahrer folglich nur schneller vorwärts, wenn das Verkehrsaufkommen gering ist.

Sie plädieren also dafür, in die vom Bundesrat vorgeschlagene Richtung zu gehen: Verkehrsministerin Leuthard will die Geschwindigkeit auf den Autobahnen während Stosszeiten auf 80 km/h reduzieren. Mit dem dichteren Verkehr soll Stau verhindert werden. Ja, die Tendenz, fixe Geschwindigkeitsregimes aufzulösen, erachte ich als positiv. Dynamische Signalisationen halten den Verkehr flüssiger – und verringern gleichzeitig das Unfallrisiko. Häufig sind Unfälle für massive Staus verantwortlich. In Nebenverkehrszeiten könnte eine Erhöhung der Tempolimite auf 140 km/h allenfalls in Betracht gezogen werden, aber auch dies nicht generell und erst nach Klärung zahlreicher technischer Aspekte.

Auf Deutschlands Autobahnen gilt ein unbegrenztes Tempolimit. Als SPD-Chef Sigmar Gabriel letztes Jahr eine Debatte über die Reduzierung auf 120 km/h anstiess, schlug ihm eine Welle der Empörung entgegen. Denn trotz hoher Geschwindigkeiten gebe es nicht mehr Verkehrstote als anderswo, argumentieren Befürworter. Über die Korrelation von Unfällen und Tempo herrscht Uneinigkeit. Ich kenne die Details der deutschen Unfallstatistik nicht. Aber schon längst hat man in Deutschland nicht mehr auf allen Autobahnen freie Fahrt. Stattdessen ist die Geschwindigkeit auf vielen Abschnitten auf 100 km/h begrenzt. Auch unsere Nachbarn haben die Reduzierung an neuralgischen Punkten im Verkehrsnetz eingeführt, um die Kapazitäten besser auszuschöpfen und das Unfallrisiko zu reduzieren. Die Entwicklung geht also ebenfalls in die von der Schweiz angestrebte Richtung.

Gegner einer Tempoerhöhung verweisen darauf, dass grössere Geschwindigkeitsdifferenzen zu mehr und gefährlicheren Bremsmanövern führen. Eine begründete Befürchtung? Das ist tatsächlich problematisch. Grössere Tempounterschiede bringen mehr Unruhe in den Verkehrsfluss und erschweren beispielsweise Überholmanöver. So dürfte etwa ein Lastwagen nach wie vor nur 80 km/h fahren. Wenn ihn Personenwagen gleichzeitig mit verschiedenen Tempi überholen, wird der Verkehrsfluss rasch behindert.

In diesem Zusammenhang wird ein Überholverbot für Lastwagen diskutiert. Wäre das Problem damit gelöst? Das würde nur auf gewissen Streckenabschnitten Sinn machen. Ein flächendeckendes Verbot wäre kaum praktikabel, weil nicht alle Lastwagen gleich schnell fahren. Auf diese Weise ergäben sich auf der rechten Seite sehr lange Lastwagenkolonnen. An Autobahnein- und -ausfahrten würde dies beispielsweise zu Problemen mit den ein- und ausfahrenden Personenwagen führen.

Die Befürworter höherer Tempi monieren, die Begründungen für die Limiten variierten je nach aktuellen ideologischen Bedenken. Sei es früher das Waldsterben gewesen, so seien es heute der Energieverbrauch und falsche Sicherheitsbedenken. Beurteilen Sie das ebenso? Auf beiden Seiten stecken immer auch Ideologien hinter der Argumentation. Der Energieverbrauch ist jedoch nicht aus der Luft gegriffen: Nur weil man schneller am Ziel ist, braucht das Auto nicht weniger Benzin – entscheidend sind die Kilometer. Und pro Kilometer benötigt ein Fahrzeug in diesem Geschwindigkeitsbereich mehr Energie, je schneller es fährt. Falsche Sicherheitsbedenken sind insofern als Argument gerechtfertigt, als Fahrzeuge diesbezüglich in den letzten 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht haben. Gleichzeitig sind aber auch die Anforderungen an die Verkehrsteilnehmenden gestiegen: Mehr Verkehr auf den Strassen bedeutet eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit.

Die Initianten machen zudem geltend, unsere Autobahnen seien auf Tempo 130 ausgerichtet. Ist dem tatsächlich so? Ich frage mich, worauf diese Einschätzung beruht. Grundsätzlich gibt es auf Schweizer Autobahnen viele Kurven und Einmündungsbereiche, die nicht einmal auf 120 km/h ausgelegt sind. Es kann also keine Rede davon sein, dass alle geometrischen Elemente auf den Autobahnen flächendeckend auf 130 km/h ausgelegt wären.

Dann geben Sie den Gegnern recht, die argumentieren, das enge Autobahnnetz mit den vielen Zu- und Ausfahrten eigne sich gar nicht für eine solche Erhöhung? Ja, denn sie bringt zumindest in den stark belasteten Hauptverkehrszeiten Unruhe in den Verkehrsfluss. Etwa wenn Fahrzeuge, welche die Autobahn verlassen wollen, bereits auf der Fahrspur massiv abbremsen müssen. Die knappen Strecken bei den Ausfahrten reichen bei hohen Tempi nicht mehr zur Geschwindigkeitsreduktion. Höhere Geschwindigkeiten verlangen nach grösseren Radien und geometrischen Verhältnissen.

Sie plädieren für eine flexible Handhabung der Tempi. Welche Strecken sind im Schweizer Autobahnnetz besonders dafür geeignet? Dafür kommen vor allem hoch belastete Abschnitte infrage, die in den Hauptverkehrszeiten an den Kapazitätsgrenzen laufen. Sie liegen meist im Umfeld von Agglomerationen und rund um die grossen Städte. Das ist eine effiziente Methode, weil sie technisch vergleichsweise einfach umzusetzen ist. Sensoren können die Fahrzeuge erfassen und je nach Verkehrsaufkommen die Signale umschalten. Die Alternative wäre eine Kapazitätssteigerung mit Ausbauten. Diese Variante ist jedoch sehr kosten- und platzintensiv.

Begehren, die eine Erhöhung der Tempolimiten fordern, erfahren in der Bevölkerung viel Zuspruch. Wie beurteilen Sie die politischen Chancen für die aktuellen Anliegen? Sie sind sicherlich sehr populär. Bei einer fachlichen und technischen Betrachtung stösst man jedoch auf einige Probleme bei der Umsetzung. Ich schätze die Chancen daher als gering ein, dass Automobilisten in absehbarer Zukunft mit 140 km/h über die Autobahnen fahren dürfen.

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