Velofahrer fordern Abstand von 1,5 Metern

Schwere Unfälle wegen enger Überholmanöver: Nun sollen Autofahrer mehr Distanz halten.

Zwei Drittel der Velofahrer fühlen sich durch zu nahe Überholmanöver bedrängt. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Zwei Drittel der Velofahrer fühlen sich durch zu nahe Überholmanöver bedrängt. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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In den 80er-Jahren gehörte die orange Distanzkelle am Gepäckträger zur Grundausstattung Velo fahrender Schulkinder und vorsichtiger Erwachsener. Mittlerweile ist der einklappbare Plastikarm wieder verschwunden. Der Distanzhalter würde mit seinen 50 Zentimetern Länge auch kaum mehr den heutigen Sicherheitsanforderungen im Strassenverkehr genügen. So müssen in Frankreich Velos mit einem seitlichen Abstand von 1,5 Metern überholt werden, innerorts genügt 1 Meter. In Deutschland, Spanien, Portugal und Irland gilt der Überholabstand von 1,5 Metern generell. Lastwagen müssen in Deutschland zu Velos sogar 2 Meter seitliche Distanz einhalten. In der Schweiz verlangt das Gesetz hingegen von den Auto- und Lastwagenfahrern nur einen «ausreichenden Abstand». Was ausreichend in Zentimetern heisst, ist unklar.

Viele Unfälle beim Überholen

Zwei Drittel der Velofahrer in der Schweiz finden, dass sie von Autos oft zu nahe überholt werden. Dies ergab eine 2016 durchgeführte repräsentative Umfrage im Auftrag von Pro Velo, VCS, TCS, Suva und der Beratungs­stelle für Unfallverhütung (BfU). Jeder zehnte Velounfall ereigne sich, wenn Radfahrer von anderen Fahrzeugen überholt oder passiert würden, sagt SP-Nationalrat Matthias Aebischer, Präsident von Pro Velo. Er plant deshalb einen verbindlichen parlamentarischen Vorstoss, damit auch in der Schweiz der 1,5-Meter-Überholabstand im Gesetz festgelegt wird.

Umfrage

Mindestabstand zum Velo auf der Strasse: Brauchts das?




Bereits vor einem Jahr wurde Aebischer mit einer Interpellation vorstellig und forderte den Bundesrat auf, sich zur Gefährdung der Velofahrer zu äussern. Der Bundesrat liess durchblicken, dass er von einem konkreten Überholabstand wenig hält: «Der gebotene Abstand beim Überholen von Fahrrädern ist von Fall zu Fall und unter Einbezug der konkreten Umstände zu beurteilen.» Das Bundesgericht habe sich schon mehrfach mit den Seitenabständen beim Überholen von Velofahrenden beschäftigt, heisst es in der Bundesratsantwort weiter. Dass sich die Rechtsprechung nicht auf einen konkreten Mindestabstand festgelegt habe, sei sinnvoll. Die Einhaltung wäre schwierig zu kontrollieren, so der Bundesrat.

Dem widerspricht Pro Velo. In den USA und in Grossbritannien setze die Polizei Radargeräte zur Kontrolle ein. Die Thurgauer Pro-Velo-Sektion hat eine Website eingerichtet (www.1m50.ch), auf der Polizisten in Aktion zu sehen sind. So sind in britischen Städten Polizisten per Velo und mit einem Messgerät unterwegs. Fehlbare Autofahrer werden registriert und gebüsst.

Kampagne statt Bussen

Ihm gehe es nicht darum, dass die Polizei reihenweise Bussen an Autofahrer verteile, versichert Aebischer. Aber eine klare gesetzliche Regelung werde bei den Autofahrern das Bewusstsein schaffen, dass sie mit genügend Abstand überholten. Gleichzeitig könnte mit einer Kampagne auf die notwendige Überholdistanz hingewiesen werden.

Aebischer hat bewusst die Abstimmung über den Veloartikel abgewartet, um seinen Vorstoss zu lancieren. Die gleichzeitige Debatte über Mindestabstände beim Überholen hätte nur für Verwirrung gesorgt. Aebischer will auch bürgerliche Parlamentarier für sein Anliegen gewinnen. Bereits seine Interpellation hatten Vertreter aller Parteien unterschrieben. Aebischer räumt allerdings ein, dass es sich bei den beiden Vertretern von SVP und FDP um «Gümmeler», also Rennvelofahrer, gehandelt habe. Aber auch TCS-Vizepräsident und FDP-Nationalrat Thierry Bur­kart, der für den Veloartikel in der Bundesverfassung gekämpft hat, zeigt sich gesprächsbereit. Bisher habe er sich ablehnend zu einem fixen Überholabstand geäussert. Er sei jedoch bereit, das Anliegen nochmals zu prüfen.

SVP-Nationalrat Roland Büchel, selbst ein passionierter Velofahrer, hält hingegen eine fixe gesetzliche Regelung für unnötig. Er zählt auf die Vernunft und die Verantwortung der Autofahrer. Die 1,5 Meter Abstand liessen sich in der Schweiz nicht überall einhalten. Eine fixe Regelung würde dazu führen, dass Velos auf Nebenstrassen und schmalen Bergstrassen kaum mehr überholt werden könnten.

Video: Veloland Schweiz

Die Zweirad-Nation in Zahlen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.10.2018, 06:39 Uhr

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