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Barmherzig mit den Tätern

In der Schweiz sind die meisten übergriffigen Kleriker versetzt, aber nicht verurteilt worden.

22 Kinder wurden in der Schweiz und in Frankreich Opfer eines heute 77-jährigen Mannes, dessen Übergriffe vor einem Jahr das Missbrauchsopfer Daniel Pittet (vorne links) in einem Buch enthüllte. (27. März 2018)
22 Kinder wurden in der Schweiz und in Frankreich Opfer eines heute 77-jährigen Mannes, dessen Übergriffe vor einem Jahr das Missbrauchsopfer Daniel Pittet (vorne links) in einem Buch enthüllte. (27. März 2018)
Jean-Christophe Bott, Keystone
Der Orden und die katholische Kirche schauten jahrelang weg.
Der Orden und die katholische Kirche schauten jahrelang weg.
Jean-Christophe Bott, Keystone
Daniel Pittet (links) und Agostino del-Pietro geben sich die Hand. Der Provinzial der Schweizer Kapuziner bat im Namen seines Ordens um Entschuldigung und kündigte an, ab sofort Fragen zur Sexualität in Aus- und Weiterbildungen zu integrieren.
Daniel Pittet (links) und Agostino del-Pietro geben sich die Hand. Der Provinzial der Schweizer Kapuziner bat im Namen seines Ordens um Entschuldigung und kündigte an, ab sofort Fragen zur Sexualität in Aus- und Weiterbildungen zu integrieren.
Jean-Christophe Bott, Keystone
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«Sein Martyrium hat mich tief bewegt», schrieb Papst Franziskus im Vorwort zum 2017 erschienenen Buch des Opfers Daniel Pittet. Der Westschweizer Vorzeigekatholik schildert darin, wie er zwischen 1968 und 1972 als Ministrant der Kathedrale St. Nikolaus in Freiburg von einem Kapuzinerpriester 200-mal missbraucht worden war: «Die Penetration nach der Messe gehörte gleichsam zur Liturgie.»

Schon in den 70er-Jahren waren Vorwürfe gegen den Kapuziner laut geworden. Doch der Orden wie auch das Bistum Lausanne-Genf-Freiburg verdrängten sie und versetzten den Priester. So konnte er sich an unzähligen Kindern vergehen. Gemäss einer letztes Jahr veröffentlichten Untersuchung wurden insgesamt 22 Opfer identifiziert. 2012 wurde der Kapuziner in Grenoble zu einer zweijährigen Haft bedingt verurteilt. Ansonsten waren seine Taten verjährt. Erst 2017 wurde er aus Priesterstand und Orden ausgeschlossen.

Einer unter vielen Fällen

In der Schweizer Kirche war das in den letzten Jahren der wohl spektakulärste Fall von Kindsmissbrauch. Und trotzdem ist es nur einer unter vielen Fällen, in denen die Kirche weggeschaut und die Täter bestenfalls versetzt hat. Das zeigt die Statistik der Schweizer Bischofskonferenz, die sie unter Druck der Missbrauchsdebatte 2010 erstmals vorlegte: Damals sprach sie von 150 Missbrauchsfällen seit 1950, die ihr bekannt seien. Von den 72 Tätern – Weltpriester und Ordensmänner – waren nur 6 strafrechtlich verurteilt worden.

Die damals ausgesprochene bischöfliche Entschuldigung samt Aufruf an die Opfer, sich zu melden, zeitigte Wirkung. Im letzten September konnten die Bischöfe neue Zahlen präsentieren: Seit 2010 erfuhren sie von weiteren 300 sexuellen Übergriffen, die meisten Jahrzehnte zurückliegend. Nur 5 Übergriffe fanden in den Jahren 2011 bis 2017 statt, 56 bereits vor 1990. Die Bischöfe verschärften die Anzeigepflicht: Sexuelle Übergriffe sollen bei Hinweisen auf ein Offizialdelikt in jedem Fall zur Anzeige bei der Justiz führen. Schon zuvor hatten sie einen Genugtuungsfonds für Opfer von verjährten Übergriffen eingerichtet. Mit den getroffenen Massnahmen zeigen sie sich zufrieden.

Delikates Thema geblieben

Dennoch ist die Bewältigung des Missbrauchs ein delikates Thema geblieben. Der Basler Bischof Felix Gmür, der als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz am Missbrauchsgipfel in Rom teilnimmt, geriet Anfang Jahr in die Schlagzeilen. Er wollte einem Priester eine zweite Chance geben, der wegen sexueller Handlungen mit Kindern verurteilt worden war. Mehreren Jugendlichen soll er die Füsse massiert haben. Seit 2015 in Riehen als Aushilfe beschäftigt, wurde er dort Ende 2018 als Pfarrer vorgeschlagen. Gmür hatte zur Bedingung gemacht, dass er nicht in der Jugendarbeit tätig sein dürfe und seine Vergangenheit transparent machen müsse. Der Priester jedoch verschwieg weitere Belästigungen und zog schliesslich unter Druck seine Kandidatur zurück.

Kurz zuvor hatte diese Zeitung einen Fall publik gemacht, bei dem Rom einen Westschweizer Priester schonte. Mehrere Männer warfen dem heute 84-jährigen Geistlichen vor, sie vor über 50 Jahren im Kindesalter sexuell belästigt zu haben. 2016 suspendierte der Westschweizer Bischof Charles Morerod den Priester von allen Funktionen und beantragte eine kanonische Untersuchung durch die römische Glaubenskongregation. Diese hat dann die vorläufige Suspendierung rückgängig gemacht mit der Begründung, bei einem alten Priester hebe man bei sexuellen Übergriffen die Verjährung nicht auf. Betroffene werfen Rom nun vor, Missbrauchspriester weiterhin zu schützen und gegen die eigene Null-Toleranz-Politik zu handeln.

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