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Befreit euch! Arbeitet länger!

Der Kampf gegen die Überregulierung geht jeden Arbeitnehmer etwas an, sagt der Gewerbeverband – und fordert die 50-Stunden-Woche bei Bedarf.

Wenn es viel zu tun gibt, schuften sie halt länger: Bauarbeiter beim Errichten eines Eisengeflechts. Foto: Patrick Pleul (DPA, Keystone)
Wenn es viel zu tun gibt, schuften sie halt länger: Bauarbeiter beim Errichten eines Eisengeflechts. Foto: Patrick Pleul (DPA, Keystone)

Zum Schweizer Selbstverständnis gehören Pünktlichkeit, Diskretion, Sauberkeit – und Fleiss. Ein Schweizer, sagen wir uns selber, lässt die Arbeit ungern liegen, bleibt lieber etwas länger im Büro. Dass ein Schalter wirklich wie angeschrieben Punkt 11.15 Uhr schliesst und den letzten Wartenden dumm stehen lässt – es geschieht, aber seltener als anderswo. «Dann kommen sie halt noch schnell.» Arbeit wird erledigt, wenn sie anfällt.

Der Gewerbeverband darf deshalb mit viel Verständnis rechnen für seine neue Kampagne zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Sie zielt auf unseren Erledigungsstolz: Bei Bedarf sollen Schweizer Arbeitnehmer mehr arbeiten dürfen, als das Gesetz bis jetzt erlaubt – beim Geschenkeeinpacken im Warenhaus, im Service während der Weihnachtsessen, am Skilift bei Neuschnee. Klingt pragmatisch. Schweizerisch.

Um das zu ermöglichen, soll das Gesetz geändert werden, das Arbeitsgesetz von 1966 von «unnötigen und veralteten Regulierungen entschlackt werden», wie Verbandspräsident und SVP-Nationalrat Jean-François Rime es formuliert. Konkret soll die wöchentliche Höchstarbeitszeit auch in Industrieberufen sowie in Büro und Verkauf von derzeit 45 auf 50 Stunden die Woche hochgesetzt werden. Statt wie bisher nur sechs Tage am Stück soll das Personal auch länger en bloc arbeiten dürfen. Pikettdienste und Ruhezeiten sollen flexibler werden.

Das alles funktioniert ohne mehr Verdienst, denn alle mehr geleisteten Stunden sollen in Flautezeiten kompensiert werden. Es gehe nicht darum, die Zahl der Arbeitsstunden im Jahr zu steigern, so der Gewerbeverband – das wäre auch schwer möglich, da die Schweizer schon heute europaweit am meisten arbeiten, 42 Stunden und 48 Minuten pro Woche bei den Vollzeiterwerbenden. Nein, es gehe um Stosszeiten, gezielte Einsätze: dann arbeiten, wenn Arbeit anfällt.

Die Forderung kommt nicht aus dem Nichts. Das Arbeitsgesetz stammt tatsächlich aus einer anderen Zeit – einige Vorschriften sind überholt. Doch der Gewerbeverband will keine Feinjustierung, sondern eine Komplettlockerung. Das sei unverzichtbar, behauptet er, um «wettbewerbs­fähig» zu bleiben, um die Schweiz zu sichern.

Das ist Angstmacherei. Für Unternehmen ist die Schweiz im europäischen Vergleich weiterhin das Land der Freiheit. Wo sonst kann man Arbeitnehmer ohne Begründung entlassen mit einer Kündigungsfrist von wenigen Monaten? Wo sonst sind Betriebsräte und Gewerkschaften in so vielen Branchen irrelevant? Gemäss einer OECD-Liste bieten in Europa nur Grossbritannien, Irland und das kleine Estland noch weniger Arbeitnehmerschutz als die Schweiz. Das zahlt sich durchaus aus. Die Arbeitslosenquote liegt tief, Firmen wie Google ziehen hierher, und in der WEF-Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit belegt die Schweiz Platz 1. Die Wirtschaft hier sei «hochflexibel», so das WEF im September.

Dumme Vorschriften gesucht

Die Überregulierung der Schweiz ist eine fixe bürgerliche Idee. Doch sie ist ein Mythos. Als die FDP 2015 breit dazu aufrief, der Partei unsinnige Vorschriften zu melden, war der Rücklauf sehr bescheiden. «Es hat noch viel Platz im Briefkasten für Bürokratiebeschwerden», kommentierte die im Grunde klar regulierungsempfindliche NZZ.

Selbstverständlich ist dem Staat auf die Finger zu schauen, natürlich soll auch das Arbeitsrecht angepasst werden können. Aber es ist etwas anderes, ob ein Emmanuel Macron sich mit weltfremden Gewerkschaften anlegt, um sein Land wenigstens ein bisschen fitter im globalen Wettbewerb zu machen – oder ob man in der kompetitiven Schweiz die wenigen Paragrafen zum Arbeitsschutz ohne grosse Not kippen will.

Die Schutzbedürftigkeit des Arbeitnehmers wird in Zeiten der Uberisierung eher zunehmen. Falsches Vertrauen in einen massvollen Umgang mit neuen Arbeitgeberkompetenzen ist nicht angebracht: Wenn der Chef die Mannschaft per Gesetz 50 Stunden arbeiten lassen darf, so wird er das immer wieder tun – auch dann, wenn das Personal einmal nicht mehr mag oder Kinder und Angehörige zu betreuen hätte. Die Schweizer, wirklich, sie arbeiten gern. Entrechten muss man sie deswegen nicht.

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