Bei den Frauen regt sich Widerstand

Während das Parlament noch um die Rentenreform ringt, wächst in linken Frauenorganisationen die Opposition gegen das Rentenalter 65.

Früher brachte der Pöstler die Rente: Eine Pensionierte erhält Bargeld. Aufnahme von 1980.<br />Foto: Photopress-Archiv, Keystone

Früher brachte der Pöstler die Rente: Eine Pensionierte erhält Bargeld. Aufnahme von 1980.
Foto: Photopress-Archiv, Keystone

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Die Mammutreform Altersvorsorge 2020 reisst im linken Lager immer tiefere Gräben auf. Während SP und Grüne im Bundeshaus geschlossen für eine Erhöhung der AHV-Renten um 70 Franken kämpfen, braut sich ausserhalb des Parlaments unter Frauen Widerstand zusammen. Er entzündet sich an der Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre, die im Parlament unbestritten ist. Der Widerstand führt nun bei wichtigen Organisationen zu Störgeräuschen.

Am Dienstag wollte die Frauenkommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ihre Position zur Rentenreform festlegen. Dabei stiess das Frauenrentenalter 65 auf grosse Ablehnung. Nach intensiven Debatten resultierte ein Patt: Sieben Vertreterinnen von Gewerkschaften votierten dafür, selbst dann das Referendum zu ergreifen, wenn sich die von Mitte-links erarbeitete Ständeratslösung durchsetze. Sieben Kommissionsmitglieder lehnten dies ab, zwei Anwesende enthielten sich. Regula Bühlmann, die zuständige Zentralsekretärin beim SGB, bestätigt entsprechende Recherchen.

Kippen die Gewerkschaften?

Die Position der Gewerkschaftsfrauen ist von Bedeutung: Am 24. März entscheidet der SGB an einer Delegiertenversammlung über die Altersvorsorge 2020. Einzelne Gewerkschaftssektionen aus der Romandie haben angekündigt, dass sie jede Rentenaltererhöhung per Referendum bekämpfen werden. Auch die Frauenkommissionen der Grossgewerkschaften Unia und VPOD haben sich bereits gegen die Ständeratslösung ausgesprochen, wie die «NZZ am Sonntag» vermeldete.

Hätten sich die SGB-Frauen für die Altersreform ausgesprochen, hätte dies die Position der Referendumsbefürworter geschwächt. So aber mögen selbst Gewerkschaftsinsider nicht mehr ausschliessen, dass am 18. März die Unia oder der VPOD ins Referendumslager kippen. Oder noch gravierender: dass am 24. März sogar der SGB, die Dachorganisation der Gewerkschaften, die Reform ablehnen könnte. Und dies, obwohl SGB-Präsident und SP-Ständerat Paul Rechsteiner einer der Baumeister der Ständeratslösung ist.

«Jetzt reicht es!»

Doch nicht nur in den Gewerkschaften brodelt es. Nur einen Tag nach dem SGB werden auch die SP-Frauen ihre Position festlegen. So wie die SGB-Führung befürwortet auch das Präsidium der SP-Frauen die Ständeratslösung — «aus Realismus», wie Co-Präsidentin Cesla Amarelle sagt. Doch ob die Basis folgen werde, sei «völlig offen», sagt Amarelle. Die Waadtländer SP-Nationalrätin konstatiert bei den Frauen einen «wachsenden politischen Unmut». Seit zwei Jahrzehnten, sagt Amarelle, «warten die Frauen vergeblich auf politische Massnahmen zur Lohngleichheit». Immer noch seien viele Frauen im Alter finanziell schlechter gestellt als die Männer. Zudem seien typische Frauenjobs, etwa im Verkauf, durch die Automatisierung besonders stark bedroht. Und jetzt komme zu alledem auch noch der Sexismus eines Donald Trump dazu, sagt Amarelle. «All das fördert unter Frauen den Frust und die Lust, aufzubegehren und zu sagen: Jetzt reicht es!». Sie fürchte, dass dieser Moment mit der Rentenreform erreicht werden könnte.

Für mehrere Frauenorganisationen ist das bereits jetzt der Fall. Schon nächste Woche wollen sie den Kampf gegen das Rentenalter 65 auf die Strasse tragen. Zum Internationalen Tag der Frau am 8. März finden in mehreren Städten Protestaktionen statt. Die welschen Sektionen des VPOD etwa rufen zur «Mobilisierung» gegen die Reform auf. «Durch die Anhebung des Rentenalters findet die Reform einseitig auf Kosten der Frauen statt», sagt die VPOD-Zentralsekretärin Michela Bovolenta.

«Pussyhats» gegen die Reform

Andere Gewerkschafterinnen hingegen verteidigen die Reformvorlage des Ständerats. Die 70 Franken mehr AHV kämen besonders den Frauen zugute, weil diese oft stärker als Männer auf die AHV angewiesen seien, sagt Maria Bernas­coni, die Generalsekretärin des Personalverbands des Bundes. Deshalb sei sie «im Sinne eines Kompromisses» für die Ständeratsvorlage, so Bernasconi.

Für jene Frauen, die das anders sehen, vermischt sich der Kampf gegen das Rentenalter 65 mit den Demonstrationen, die am 8. März in vielen Ländern unter dem Motto «We can’t keep quiet» stattfinden. Sie bilden die Fortsetzung der grossen Frauenproteste vom 21. Januar, als in Washington und anderen Städten mehrere Millionen Menschen gegen US-Präsident Donald Trump auf die Strasse gingen. Die Schweizer Website von «We can’t keep quiet» schlägt jetzt einen überraschenden Bogen: Sie nennt den Kampf gegen den «Trumpismus» in einem Zug mit dem Widerstand gegen das Rentenalter 65.

Dabei ist der 8. März für viele Aktivistinnen erst der Anfang. Den ganz grossen Protest planen sie mit einem «Women’s March» am 18. März in Zürich — just einen Tag nach der Schlussabstimmung im Parlament über die Altersreform. Auch am «Women’s March» will ein Teil der Organisatorinnen das Rentenalter 65 angreifen. Und wie schon am 21. Januar sollen die Frauen als Zeichen ihres Protests pinkfarbene Mützen tragen. Damit werden die «Pussyhats», die einst gegen Trump gestrickt wurden, jetzt auch zum feministischen Symbol gegen die Altersvorsorge 2020.

Erstellt: 01.03.2017, 23:59 Uhr

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