«Bei speziellen Persönlichkeiten hat Roger Schawinski Mühe»

SRF Ombudsmann Roger Blum rügt den Moderator. Dieser habe die Prostituierte Salomé Balthus in ihrer Menschenwürde verletzt.

«Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen?»: Die beanstandete Stelle im Talk zwischen Salomé Balthus und Roger Schawinski. (SRF)

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Der Ärger überkam sie erst auf dem Heimweg. Während der Sendung liess sie sich nichts anmerken. Alice Schwarzer hatte in einem Einspieler gesagt, überdurchschnittlich viele Frauen, die freiwillig sexuelle Dienstleistungen anbieten, seien als Kind missbraucht worden. Schawinski wandte sich an seinen Gast, die 34-jährige Philosophin und Prostituierte Salomé Balthus: «Ist das auch bei Ihnen der Fall?» Sie verneinte.

Verächtlicher Tonfall

Nicht nur mit dieser Frage, sondern generell mit seinem Interviewstil habe Schawinski in seiner Sendung vom 8. April die Menschenwürde von Salomé Balthus verletzt. Zu diesem Schluss kommt Roger Blum, Ombudsmann der SRG Deutschschweiz, in seinem gestern publizierten Bericht. Als Balthus in der Sendung sagte, sie sei keine Ware, entgegnete Schawinski: «Sondern?» Als sie sagte, sie sei Feministin, lachte er verächtlich.

«Während Salomé Balthus in dem Gespräch offen und ehrlich wirkte und durch ihre gescheiten, schlagfertigen, teilweise auch lustigen Antworten beeindruckte, behielt Roger Schawinski einen leicht verächtlichen Tonfall durch die ganze Sendung hindurch», schreibt Blum. Man werde den Eindruck nicht los, dass er das Interview nicht aus einem Erkenntnisinteresse geführt habe, sondern den Lebensentwurf seines Gastes als «schlechten» von einem «guten» abgrenzen wollte. «Das hatte eine diskriminierende Tendenz. Das war auch gegenüber dem Publikum nicht fair.»

Elf Beanstandungen

In Bezug auf die Frage nach dem Missbrauch in der Kindheit heisst es im Schlussbericht, Schawinski habe zu wenig berücksichtigt, dass die Öffentlichkeit an dem Gespräch teilnimmt und diese sehr persönliche Frage nicht an die Öffentlichkeit gehöre. Auch habe Schawinski nicht bedacht, dass der vor sechs Jahren verstorbene, prominent gezeigte Vater von Salomé Balthus posthum ebenfalls in seiner Menschenwürde verletzt werden konnte, weil der Zuschauer einen Konnex macht vom Vater-Tochter-Aspekt zum wenig später aufgegriffenen Missbrauchsthema.

Roger Blum erörtert auf 15 Seiten die Vorgeschichte von Schawinski und Balthus und zitiert die Beanstandungen der elf SRF-Zuschauer, von denen die meisten Schawinskis Absetzung beim SRF fordern. Sache des Ombudsmannes ist aber lediglich, zu eruieren, ob die Anforderungen im Radio- und Fernsehgesetz eingehalten wurden. Es geht dabei um die Grundrechte der Beteiligten und den Schutz des Publikums vor Manipulation.

SRF entschuldigt sich

Schawinski sei eigentlich ein guter und verdienter Moderator, sagt Roger Blum. «Bei leitenden Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik ist er oft zu recht angriffig. Da geht es um handfeste Interessen und Sachverhalte. Doch bei speziellen Persönlichkeiten hat Roger Schawinski Mühe, sie richtig zu nehmen.» Hier brauche es eine andere Interviewtechnik. Eine mitfühlende, raumgebende.

Schawinski sieht keine Verletzung der SRG-Konzession. SRF reagierte mit einer Medienmitteilung und entschuldigte sich, die Gefühle von Salomé Balthus und vielen Zuschauern verletzt zu haben. Abgesehen davon betonte SRF, dass Schawinski die Frau nie gefragt habe, ob sie von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sei – mit expliziter Nennung des Vaters in dieser Frage. Dies hatte Balthus so in ihrer «Welt»-Kolumne geschrieben, weshalb sie nach der Intervention Schawinskis als Kolumnistin abgesetzt wurde.

Der Ombuds-Entscheid ist nicht juristischer Natur. Wer von den Beanstandern ein gerichtliches Verdikt will, kann nun an die Unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI) gelangen.

Erstellt: 28.05.2019, 23:33 Uhr

Balthus' Reaktion

«Mit Solidarisierung nicht gerechnet»

Salomé Balthus reagiert auf den Schlussbericht des SRG-Ombudsmanns dankbar, wie 20min.ch berichtet: Sie sei überwältigt, mit welchem Engagement und welcher Solidarität sich die Schweizer Öffentlichkeit für sie eingesetzt hätte. «Nicht nur Frauen, auch Männer haben sich für mich stark gemacht. Das bedeutet mir sehr viel.» Ohne dieses unterstützende Publikum wäre es ihr ganz anders ergangen, so Balthus.

«Es fühlt sich deshalb nicht mehr wie die Verletzung meiner Menschenwürde an, sondern eher wie ein Sieg», sagt Balthus weiter. «Mit einer solch starken Solidarisierung habe ich sowohl als Prostituierte, als auch als Frau nicht gerechnet.»

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