«Beim nächsten Wechsel lässt das Tessin seine Stimme hören»

Der frühere FDP-Präsident Fulvio Pelli spricht im Interview über die bevorstehenden Bundesratswahlen und verrät, warum das Tessin allmählich nervös wird.

«Die FDP ist insgesamt solider geworden»: Der ehemalige Nationalrat und frühere FDP-Präsident Fulvio Pelli. Bild: Keystone

«Die FDP ist insgesamt solider geworden»: Der ehemalige Nationalrat und frühere FDP-Präsident Fulvio Pelli. Bild: Keystone

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In der Verfassung ist verankert, dass alle Regionen regelmässig im Bundesrat vertreten sein müssen. Wie lange kann das Tessin noch übergangen werden?
In der Verfassung gibt es lediglich eine Art Ratschlag, nicht einen eigentlichen Anspruch. Mit sieben Bundesräten kann man nicht alle Bedürfnisse befriedigen. Deshalb akzeptiert die italienischsprachige Schweiz, nicht vertreten zu sein. Je länger dieser Zustand dauert, desto komplizierter wird es natürlich. Langsam kommen wir in eine Phase, in der im Tessin eine gewisse Nervosität herrscht.

Umfrage

Braucht das Tessin einen Bundesrat?

Ja

 
73.6%

Nein

 
13.7%

Egal

 
12.7%

1084 Stimmen


Weckt der Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf im Tessin keine Hoffnungen auf einen «eigenen» Bundesrat?
Im Moment herrscht die allgemeine Überzeugung, dass dieser Sitz der SVP gehört. Das macht es für das Tessin kompliziert, da die SVP hier relativ klein ist. Hinzu kommt, dass der einzige Tessiner Parlamentarier der SVP, Marco Chiesa, neu gewählt ist. Deshalb ist es sehr schwierig, einen Anspruch in diesem Sinne geltend zu machen. Aber beim nächsten Wechsel wird das Tessin seine Stimme hören lassen.

Die nächste Chance bietet sich an, wenn Doris Leuthard zurücktritt. Dann könnte Filippo Lombardi (CVP) zum Zug kommen.
Darüber spricht man. Die Kandidatur von Filippo Lombardi ist die eines guten und fähigen Politikers.

Sie trauen ihm das Amt also zu?
Ja, Lombardi könnte ein guter Bundesrat sein.

Welche anderen Tessiner Kandidaten gibt es sonst noch?
Im Tessin gibt es viele jüngere, weniger erfahrene Politiker als Lombardi. Ob die innerhalb ihrer Parteien eine Chance haben, kann ich nicht einschätzen. Zum Beispiel Marina Carobbio, eine typische SP-Vertreterin. Ich weiss aber nicht, ob Frau Carobbio überhaupt Ambitionen hätte und ob die SP bereit wäre, für einen Tessiner Sitz auf einen welschen zu verzichten. Aber das wäre sicher eine Option. Bei den Freisinnigen gibt es drei Leute, die alle eine vielversprechende Karriere gestartet haben. Dies sind Ständerat Fabio Abate, Nationalrat Giovanni Merlini und Regierungsrat Christian Vitta. Aber wir haben nie über eine Kandidatur gesprochen. Es wird sich zeigen, ob FDP-Nationalrat Ignazio Cassis eine Chance mit dem Fraktionspräsidium hat. Wenn ja, dann wäre er sicherlich ein möglicher Kandidat. Die CVP hat ebenfalls gute junge Leute. Und auch der neu gewählte SVP-Nationalrat Marco Chiesa ist ein guter Parlamentarier. Aber auch er ist neu. Deshalb muss man noch prüfen, ob die guten Voraussetzungen auch zu einem guten Ergebnis führen.

Sie hätten es in der Hand gehabt, einen Tessiner FDP-Kandidaten aufzubauen. Was ist schiefgelaufen?
Es gab drei Nachteile. Der erste war mein Alter. Als ich die Chance hatte, war ich schon fast 60 Jahre alt. Wenn wir mit einer durchschnittlichen Dauer im Bundesrat von zehn Jahren rechnen, dann wäre ich mit 70 definitiv zu alt gewesen. Für mich wäre sechs, sieben Jahre früher besser gewesen. Zweitens muss man als Parteipräsident aufpassen, nicht als Konkurrenz zu anderen valablen Kandidaten innerhalb der Partei wahrgenommen zu werden, sonst gibt es Reklamationen gegen einen. Präsident zu sein, ist bei dieser Thematik nicht unbedingt ein Vorteil. Und drittens war es damals eine schwierige Situation: Wir konnten nicht zwischen zwei FDP-Kandidaten wählen, sondern zwischen einem FDP- und einem CVP-Kandidaten. Es gab also eine direkte Attacke auf unseren Sitz. Deshalb habe ich eine Analyse mit meiner Partei gemacht und am Ende entschieden, zu verzichten. Es ist schade für meinen Kanton. Im Tessin haben auch nicht alle verstanden, dass es nötig war, so zu handeln. Aber ich bin sicher, den richtigen Entscheid getroffen zu haben.

Die FDP ist wieder erfolgreicher, seit sie eine neue Nähe zum Volk herstellt. Wie viel Platz hat es in der Partei noch für den klassischen, intellektuellen Freisinn?
Man muss etwas aufpassen mit der Begründung, wieso wir wieder gewinnen. Das hat nicht sehr viel mit der vermuteten Nähe zur Bevölkerung – die wir nie verloren haben – zu tun, sondern mit einer viel grösseren Stabilität innerhalb der Partei. Die Parteilinie der letzten Jahre war gut. Geschätzt von den Wählerinnen und Wählern der Partei und geschätzt in allen kantonalen Sektionen. Das hat dazu geführt, dass die FDP insgesamt solider geworden ist und auch gegen aussen überzeugender wirkt. Dazu gehört natürlich auch die Persönlichkeit des Präsidenten. Der Gewinn ist aber ein Gesamterfolg der Partei und nicht von einzelnen Personen.

Im Moment treten FDP und SVP als geeinte Kraft auf. Wie lange wird diese Einheit halten?
Diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Es gibt Themen, bei denen wir gemeinsam mit der SVP kämpfen. Es gibt aber auch andere Themen, zum Beispiel die Beziehungen zur EU, wo es grosse Unterschiede gibt. Eine Einigkeit ist hier undenkbar. Bei innenpolitischen Themen wie Finanzen, Steuern und Wirtschaft, teilweise auch die Wissenschaft, stehen sich die beiden Parteien aber nahe. Insgesamt ist die heutige Situation aus meiner Sicht viel besser für die Schweiz als noch vor einigen Jahren.

Erstellt: 05.11.2015, 11:39 Uhr

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