Bequemer? Bitte gern!

Der Konsument des 21. Jahrhunderts sieht nur den eigenen Vorteil – und der rechtfertigt alles.

Natürlich wird das Leben einfacher, wenn man sich nicht mehr ums Billet kümmern muss. Doch wir zahlen einen Preis. Foto: Reto Oeschger

Natürlich wird das Leben einfacher, wenn man sich nicht mehr ums Billet kümmern muss. Doch wir zahlen einen Preis. Foto: Reto Oeschger

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Das Leben ist flauschig, das Leben ist gut, das Leben ist angenehm. Mag es politisch noch so kompliziert sein, irgendwo da draussen – bei uns wird alles immer einfacher. Nie mehr anstehen für Kinotickets; Einzahlungen nicht mit dem Büchlein am Postschalter, sondern per App; die Musik der ganzen Welt in der Hosentasche. Nie mehr auf ein Taxi warten. Ranziges Hotelzimmer in der Nähe einer Baustelle? Nicht mit uns. Alles transparent, alles kommentiert, alles geratet. Alle Macht dem Konsumenten.

Wenn Unternehmen ihren Kunden heute ein neues Produkt verkaufen wollen, dann ist dieses immer schneller, einfacher und besser zu bedienen. Erhöhte «usability».

Aktuellstes Beispiel: Diese Woche haben die SBB ihren Pilotversuch zum Billett der Zukunft vorgestellt. «Einfach» soll dieses Billett sein und natürlich «kundenfreundlich». Eine App zeichnet per GPS auf, wo der Passagier ein- und wo er wieder aussteigt. Abgerechnet wird dann nur der tatsächlich gefahrene Weg. Gleichzeitig haben die Bundesbahnen angekündigt, den Swisspass ab kommendem Jahr ganz in die SBB-App auf dem Smartphone zu integrieren.

Als ein Schweizer Tourismusprofessor auf Radio SRF zum Pilotversuch befragt wurde, antwortete er ganz begeistert: wie viel bequemer das doch sei! Er ist nicht der Einzige, der so reagiert. Es ist ja auch eine verständliche Reaktion: Natürlich wird das Leben einfacher, wenn man sich nicht mehr aktiv um ein Billett kümmern muss.

Die SBB wissen, wo wir sind

Doch was die Konsumenten und schliesslich wir alle im Gegenzug für diese neue Einfachheit aufgeben, ist viel zu selten ein Thema. So wie es den Leuten offensichtlich egal ist, dass die Schweizer Internetprovider den Internet- und Handyverkehr jedes einzelnen Bürgers für ein halbes Jahr aufzeichnen und aufbewahren (was nur halb zur Sache passt, aber nicht oft genug wiederholt werden kann), spielt es offenbar auch keine Rolle, wenn man für ein bisschen Bequemlichkeit seine eigenen Daten preisgibt.

Im Fall der SBB sind das ziemlich entscheidende Daten: Wenn der Test erfolgreich verläuft und die SBB die neue Technik tatsächlich einführen, wird das Unternehmen bald ein Bewegungsprofil eines jeden ÖV-Benutzers besitzen.

Was damit plötzlich alles möglich wird! Warum soll die Fahrt in einem überfüllten Zug zur Stosszeit nicht etwas teurer verkauft werden als jene im Bummelzug zwei Stunden später? Lassen sich Touristenströme nicht viel besser lenken, wenn man ihnen kurzfristige Zeitfenster für die Fahrt in die Skiferien mit extrem günstigen Preisen anbietet? Könnte man die lustigen Wandervögel nicht noch konsequenter von den Pendlerzügen fernhalten? Und ihnen für jede Fahrt von Zürich nach Bern um 7.30 Uhr das Doppelte berechnen? Braucht es da tatsächlich noch ein Generalabonnement?

Für ein paar Prozent Rabatt auf Dinge, die sie wahrscheinlich gar nicht brauchen, geben Schweizer Konsumenten Einblick in ihr Leben.

Reale Ansätze für diese konsumoptimierte Preispolitik gibt es bei den SBB schon länger. Die Einführung des Swiss Pass war der erste Schritt in diese Richtung – auch wenn das Einlesen des Passes durch den Kondukteur nur rudimentäre Hinweise auf den Aufenthaltsort des Benutzers gibt. Das ändert sich, sobald der Swiss Pass tatsächlich auf dem Smartphone integriert wird.

Den Kunden scheint das alles nicht wirklich zu kümmern. Er erspart den SBB im konkreten Fall sogar die mühselige politische Diskussion über Mobility-Pricing – weil er aus freien Stücken beim neuen Modell mitmacht. Der Konsument von heute scheint zu allem bereit, wenn man ihm ein schnelleres, bequemeres und nur minimal günstigeres Produkt verspricht. Für ein paar Prozent Rabatt auf Dinge, die sie wahrscheinlich gar nicht brauchen, geben die Schweizer Konsumenten den Grossverteilern bereitwillig Einblick in den eigenen Warenkorb. In ihr Leben. Für gesparte zehn Rappen pro Tag lassen die Leute ihre Krankenkassen wissen, wie viele Schritte sie pro Tag machen (die gleichen Krankenkassen kosten dann trotzdem jedes Jahr mehr). Um dreissig nervenaufreibende Wartesekunden in der Schlange bei der Migros zu vermeiden, scannen viele die Sachen lieber selber. Dass man dabei oft langsamer ist, dass die Technik oft nicht funktioniert: egal. Auf das Gefühl kommt es an.

Die Konsequenzen unseres Tuns

All die Annehmlichkeiten für uns selbst trüben den Blick für die Konsequenzen dieses Wandels. Es ist ja auch verständlich: Der Fortschritt ist für uns ganz konkret spür- und fassbar. Per App auf unserem Smartphone. Die möglichen Folgen sind das nicht. Sie sind komplex und weit weg. Dass das Selberscannen der Produkte in der Migros über kurz oder lang die Kassiererinnen den Job kosten wird, ist noch einigermassen begreiflich. Doch es ist nicht der eigene Job, der verloren geht. Also scannen wir weiter.

Welche Macht aber die Unternehmen durch unsere Daten erhalten, ist noch viel schwieriger zu begreifen. Warum also sollte es uns kümmern?

Diese Abstraktheit erschwert es, eine entscheidende Frage unserer Zeit zu beantworten: Wann führt Fortschritt in eine blühende Zukunft? Wann in den Abgrund? Und woran erkennen wir den Unterschied?

Misstrauen angebracht

Dem Datenwahn der Unternehmen, der immer ungehemmter wird, und unserer Bereitwilligkeit, diese Daten preiszugeben, darf man durchaus misstrauisch begegnen. Dabei geht es nicht um Kritik am eigentlichen Fortschritt (der Technik), sondern um den Missbrauch davon.

Natürlich trauert niemand dem Fax nach, dem ratternden Geräusch einer Telefonwählscheibe oder dem Postbüechli für die Einzahlungen. Technischer Fortschritt hat unsere Welt besser gemacht. Aber eben nicht nur. Das Mindeste, was man vom bequemen Konsumenten des 21. Jahrhunderts verlangen sollte, ist ein minimales Bewusstsein für die möglichen Gefahren des Wandels. Seine Anonymität gibt man nur einmal preis. Und wer die Kontrolle über seine Daten verliert, verliert sie für immer.

Erstellt: 08.07.2017, 15:07 Uhr

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