Über 3000 neue Windräder für den Atomausstieg

Der Bundesrat will den Ausbau der erneuerbaren Energien bis ins Jahr 2035 vorantreiben. Die Ziele scheinen sehr ambitioniert zu sein. Trotzdem kritisieren die Grünen, es wäre noch mehr möglich.

Atomstrom ersetzen: So viele Windräder oder Fotovoltaikanlagen bräuchte es.

Atomstrom ersetzen: So viele Windräder oder Fotovoltaikanlagen bräuchte es.

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Die neuste Zielsetzung des Bundes lässt die Hoffnung schmelzen, dass die Schweiz den Atomausstieg tatsächlich wie geplant bewerkstelligen kann. Der Bundesrat will bis ins Jahr 2035 die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien gegenüber heute um rund 13 Terawattstunden erhöhen. Etwas weniger abstrakt aber umso erstaunlicher wird die Zahl, wenn man sie auf die einzelnen Energieformen herunterbricht: Würde die Schweiz die 13 Terawattstunden nur mit Windturbinen produzieren, so müssten hierzulande in den nächsten 20 Jahren 3250 neue Windräder gebaut werden. Zum Vergleich: Heute stehen in der Schweiz erst 30 Windturbinen.

Schier unerreichbar scheint die Zielsetzung des Bundesrats, wenn man die 13 Terawattstunden auf die Sonnenenergie überträgt: Um diese Strommenge zu bekommen, müssten 4,3 Millionen neue Fotovoltaikanlagen von der Grösse, wie sie auf einem Einfamilienhaus üblich sind, installiert werden (siehe Grafik). Es ist natürlich kein Thema, dass die Schweiz beim Ausbau der Erneuerbaren auf nur einen Energieträger setzt. Diese Zahlenspielerei zeigt aber anschaulich auf, wie weit die Schweiz heute noch davon entfernt ist, den dereinst wegfallenden Atomstrom auf erneuerbarem Weg zu ersetzen.

Ohne Gas geht nichts

Wichtig zu wissen ist auch: Die zusätzlichen 13 Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien bis 2035 entsprechen erst einem Zwischenziel. Bis 2050 soll der Anteil der Erneuerbaren nochmals steigen. Heute liegt dieser Anteil bei 57 Prozent, den allergrössten Teil trägt die Wasserkraft bei. Mit vereinfachten und beschleunigten Bewilligungsverfahren möchte der Bund diesen Anteil zusätzlich erhöhen.

Energieministerin Doris Leuthard stellte gestern vor den Medien die konkretisierte Energiestrategie 2050 des Bundes vor. Dabei fand sie auch deutliche Worte dafür, was passiert, falls die Schweiz die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien nicht erreicht: «Je weniger wir bei den Erneuerbaren ausbauen, desto mehr Gas brauchen wir.» Leuthard wiederholte damit etwas, was nicht zuletzt die Umweltverbände gar nicht gerne hören: Zumindest in einer Übergangsphase wird die Schweiz kaum umhin- kommen, den wegfallenden Atomstrom durch Gaskombikraftwerke zu ersetzen. Diese sind aber wegen ihres hohen CO2-Ausstosses verpönt.

Plan B wird teuer

Trotz konkretisierter Energiestrategie: Es fehlen auch ein halbes Jahr nach der Verkündung des Atomausstiegs zuverlässige Antworten darauf, wie schnell und in welchem Umfang die Schweiz dereinst den Atomstrom wird substituieren können. Und: Zu welchem Preis das gelingen wird, ist ebenfalls nicht abschliessend beantwortet.

Sollte es mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht wie geplant vorwärtsgehen, hat der Bundesrat bereits einen Plan B in der Hinterhand: Dieser wird zulasten des Portemonnaies der Stromkonsumenten gehen – entweder in Form einer Lenkungsabgabe oder aber der Einführung einer ökologischen Steuer.

Das Ziel heisst: Strom sparen

Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien will der Bund vor allem eines: den Energieverbrauch senken. Damit will er mit gutem Beispiel vorangehen. In der Bundesverwaltung und den bundesnahen Unternehmen soll der Energieverbrauch um 25 Prozent sinken. Bezeichnend: Nicht einmal für seine eigenen Bauten zeigt der Bundesrat konkret auf, wie das Stromsparen funktionieren soll. Er schreibt nur: «Dazu sollen entsprechende Leistungsaufträge definiert werden.»

Insgesamt geht der Bundesrat davon aus, dass bis 2035 der Stromverbrauch um 21 Terawattstunden gesenkt werden könnte. Zum Vergleich: Das AKW Gösgen produziert pro Jahr rund 8 Terawattstunden Strom. Aufgestockte Förderprogramme sollen zudem dazu beitragen, dass der Energieverbrauch in den Gebäuden sinkt.

Kritik von allen Seiten

Der Bundesrat erntete für seine Energiestrategie Kritik von allen Seiten. Für die Grünen und den WWF sind die Ausbauziele für die Erneuerbaren zu zaghaft formuliert. Die SVP bemängelt, dass für den Atomausstieg nach wie vor «klare und plausible» Zahlen fehlten.

Erstellt: 02.12.2011, 07:27 Uhr

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Endlager für Radioaktive Abfälle

Die Suche nach Standorten für geologische Tiefenlager für radioaktive Abfälle geht in eine neue, zweite Runde. Dabei wird die Sicherheit der sechs von der Nagra vorgeschlagenen Standorte vertieft geprüft. Gleichzeitig wird nun auch die Bevölkerung in das Auswahlverfahren einbezogen.

In der ersten Etappe seien nur sicherheitstechnische Überlegungen berücksichtigt worden, sagte Umwelt- und Energieministerin Doris Leuthard am Donnerstag vor den Medien. Nun kämen auch politische Überlegungen hinzu. In einem partizipativen Verfahren solle sich die betroffene Bevölkerung auch zu den Auswirkungen auf die Region und Entwicklungsfragen äussern können, sagte Leuthard. 190 Schweizer und 13 deutsche Gemeinden werden mitwirken.

Geklärt wird in der zweiten Etappe auch, wie die oberirdischen Anlagen gestaltet würden. Die zweite Etappe wird vier Jahre statt wie ursprünglich geplant zweieinhalb Jahre dauern. Ziel der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) ist es, in der zweiten Etappe aus den derzeit zur Diskussion stehenden sechs Standorten mindestens zwei Standorte für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und mindestens zwei Standorte für hochradioaktive Abfälle auszuwählen.

Der Bundesrat hatte die Standortsuche im April 2008 eingeleitet. Nach Abschluss der ersten Etappe kommen als mögliche Tiefenlagerstandorte zurzeit noch die Gebiete Jura-Ost (ehemals Bözberg AG), Jura-Südfuss (AG), Nördliche Lägern (AG/ZH), Südranden (SH), Wellenberg (NW) und Zürich Nordost (ZH) infrage.

Der Bundesrat hat nun diese Standorte in den Sachplan geologische Tiefenlager aufgenommen und das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation beauftragt, die Etappe 2 der Standortsuche zu starten.

Die definitive Standortwahl erfolgt in der Etappe 3, in der das Rahmenbewilligungsverfahren eingeleitet wird. Die Rahmenbewilligung wird vom Bundesrat erteilt. Sie untersteht dem fakultativen Referendum. Laut Leuthard soll der Entscheid spätestens in zehn Jahren gefällt werden. (sda)

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