Steuergelder für Hypnotiseur und Migrations-Propaganda

Mit 2,5 Millionen Franken finanziert der Bund eine Plattform, die sich für Migration starkmacht. Nun droht dem Projekt das Aus.

Die Migrationsplattform will vor allem die Vorteile der Migration aufzeigen: Flüchtlinge im Asylzentrum Embrach.  Foto: Urs Jaudas

Die Migrationsplattform will vor allem die Vorteile der Migration aufzeigen: Flüchtlinge im Asylzentrum Embrach. Foto: Urs Jaudas

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Das Büro der Plattform für Migration und Entwicklung befindet sich gleich gegenüber dem Berner Bahnhof. Bei drei Besuchen dieser Zeitung an unterschiedlichen Wochentagen und Tageszeiten war in dem kleinen Raum im ersten Stockwerk nie jemand anzutreffen. Rund um die Uhr wird dort wohl nicht gearbeitet.

Auch der Blick auf den Briefkasten unten am Eingang irritiert, denn immerhin handelt es sich bei der Migrationsplattform um ein Projekt mit einem Gesamtbudget von etwa 2,5 Millionen Franken. Handschriftlich ist am Briefkasten neben der englischen Abkürzung «mdplatform» noch «THAC GmbH – Trauma Healing» vermerkt. Was hat ein Millionenprojekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) mit einer privaten Firma gemeinsam, die sich mit Trauma-Heilung beschäftigt?

Steuerbefreiung und Beraterhonorare

Die Antwort gibt Peter Urs Aeberhard. Der 55-Jährige ist nicht nur Chef von «mdplatform», sondern quasi in Personalunion auch Alleininhaber der THAC GmbH. Der Berner ist eine sympathische Erscheinung, gross gewachsen, kräftiger Händedruck. Mit einem gewinnenden Lächeln bietet er gleich das Du an und bittet dann in sein Büro.

Mehrere Rollen: Peter Urs Aeberhard. Foto: Axel Voss

Auf die Frage, was seine private GmbH denn mit der vom Steuerzahler finanzierten Migrationsplattform zu tun habe, sagt Aeberhard zuerst einmal, dass es bezüglich Zielsetzung und Ausrichtung keinen Zusammenhang gebe. Dabei lässt schon ein Blick auf die Facebook-Seite der «Trauma Healing and Creative Arts Coalition» (THAC) eine Verbindung vermuten. Zudem weist die THAC GmbH in ihrer Jahresrechnung 2016 einen Bruttolohn inklusive Reisespesen von mehr als 111'000 Franken fürAeberhards 45-Prozent-Pensum bei der Migrationsplattform aus. Damit konfrontiert, krebst der Besitzer der GmbH zurück. Nun erklärt Aeberhard, dass die Caritas als federführende Organisation der Migrationsplattform ihm in der Anfangsphase des Projekts ein Beraterhonorar über seine Firma ausbezahlt habe.

Daran gäbe es nichts Anrüchiges, wäre die THAC GmbH zu diesem Zeitpunkt nicht vom Kanton Bern steuerbefreit gewesen. Das Berner Steuergesetz sieht aber vor, dass Firmen nur dann keine Steuern zahlen müssen, wenn sie öffentliche oder gemeinnützige Ziele verfolgen. Unternehmerische Zwecke seien grundsätzlich nicht gemeinnützig, hält das Gesetz fest. Vom Jahresertrag der Firma in Höhe von knapp 150'000 Franken wurde aber der Löwenanteil als Beraterhonorar direkt an Aeberhard abgeführt.

Büro wird auch für private Firma benutzt

Die Deza betreibt die Migrationsplattform in einem Konsortium, dem neben der Caritas auch die Helvetas angehört. Von den 2,5 Millionen Franken haben die beiden Hilfswerke für ihre Arbeit bis Ende 2018 mehr als 0,7 Millionen Franken erhalten. Zwischen 2015 und 2018 wurden Beraterhonorare von rund 611'000 Franken für insgesamt vier Personen verrechnet. Erst seit 2017 laufen die Zahlungen an Aeberhard nicht mehr über die THAC GmbH. Der Projektleiter benutzt das Büro der Migrationsplattform auch für seine private Trauma-Firma. Für die Caritas ist dies kein Problem, wie sie auf Anfrage schreibt. Die THAC GmbH habe einen Untermietvertrag, und der Zweck dieser privaten Nutzung stehe Aeberhard frei.

Was aber macht der Projektleiter eigentlich mit seiner Firma? Er bietet etwa Trauma-Behandlungen an. In mindestens einem Fall hat Aeberhard im Büro der Migrationsplattform einen traumatisierten Migranten mittels Hypnose gegen Bezahlung «behandelt». Nach eigenen Angaben verfügt er über eine Hypnose-Ausbildung und hat an der amerikanischen Harvard-Universität­ – zum Teil online – einen viermonatigen Kurs über psychische Probleme und Traumata von Flüchtlingen belegt. Einen Abschluss in Psychologie oder Medizin kann Aeberhard aber nicht vorweisen. Hypnose bei der Trauma-Behandlung soll aber gemäss der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) zwingend durch psychotherapeutisch ausgebildete Psychologen oder Ärzte durchgeführt werden. Gemäss Gesundheitsgesetz brauchen Psychotherapeuten im Kanton Bern eine Berufsausübungsbewilligung. Die Frage, ob er über eine solche Genehmigung verfüge, liess Aeberhard unbeantwortet.

Staatlich finanzierte Propaganda?

Was bezweckt die Migrationsplattform? Gemäss ihrer Charta soll sie Organisationen aus verschiedenen Bereichen vertreten, die am positiven Beitrag von Migration und Entwicklung interessiert sind und sich dafür engagieren. Die Caritas wehrt sich gegen den Vorwurf der Propaganda. Auf Anfrage schreibt sie, es würden auch negative Aspekte aus dem Bereich thematisiert. Negatives wie «Brain Drain» – also Abwanderung von Know-how aus den Herkunftsländern –, die Tausenden von ertrunkenen Migranten im Mittelmeer oder den Aufstieg der Rechtspopulisten in den Zielländern als Folge der Flüchtlingswelle von 2015 sucht man auf der Website der Plattform jedoch vergeblich.

Dort wird fast nur das Positive an der Migration hervorgehoben. Interne Dokumente der Plattform zeigen, dass die Einseitigkeit gewollt ist. Dort heisst es zum Beispiel, dass Fakten und gute Beispiele dazu benutzt werden sollten, um die Vorteile der Migration für die Entwicklung zu illustrieren und Alternativen zu einer restriktiven Einwanderungspolitik vorzuschlagen. Organisationen der Schweizer Zivilgesellschaft sollten die Wahrnehmung des Parlaments und der Öffentlichkeit beeinflussen. Das ist ziemlich genau das, was der Duden unter «Propaganda» versteht. Die Deza hat inzwischen Abklärungen wegen diverser Vorwürfe eingeleitet und erwägt eine Sistierung des Projekts.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 06:12 Uhr

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