Bergtäler sich selbst überlassen?

Die Forderung des obersten Schweizer Hoteliers, ganze Täler aufzugeben, kommt in Bergkantonen schlecht an.

Mit dem ÖV in jede Ecke: Ein Postauto fährt über die Passstrasse am Ofenpass im Engadin.

Mit dem ÖV in jede Ecke: Ein Postauto fährt über die Passstrasse am Ofenpass im Engadin. Bild: Keystone

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Die Bergregionen leiden: Die Touristen bleiben weg, die Stromproduktion aus Wasserkraft ist nicht mehr kostendeckend, und die Baubranche wird durch die Zweitwohnungsinitiative zurückgebunden. Für Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig braucht es deshalb einen Marshallplan für die Bergregionen und eine Konzentration der Mittel. «Wir können nicht mehr jedes Tal mit dem öffentlichen Verkehr erschliessen, Brücken bauen für 200 Einwohner», sagte er der «SonntagsZeitung». Für den Hotelier aus Lenzerheide gibt es etwa in Graubünden noch vier Entwicklungsräume: Davos / Klosters, Flims / Laax, Arosa / Lenzerheide und das Engadin.

Umfrage

Soll die Schweiz gewisse Bergtäler wegen der hohen Kosten aufgeben?

Ja, und zwar im grossen Stil

 
32.8%

Ja, aber nur ein paar wenige

 
17.3%

Nein, Geld spielt hier keine Rolle

 
6.5%

Nein, die Vielfalt macht die Schweiz aus

 
43.5%

2347 Stimmen


Bei den politisch Verantwortlichen stösst Züllig auf Unverständnis. «Ganze Talschaften sich selber zu überlassen, entspricht nicht unserer Politik», sagt der Bündner Volkswirtschaftsdirektor Jon Domenic Parolini. Wer die Förderung der Randregionen zur Diskussion stelle, stelle letztlich auch die Solidarität in der Schweiz und den eidgenössischen Finanzausgleich infrage. Für Parolini erweckt Züllig den falschen Eindruck, sein Kanton fördere unbesehen Grossprojekte in Randregionen. Grosse Projekte stünden in der Regel in kleineren Tourismusorten kaum zur Debatte, weil oft die Akteure und das Potenzial fehlten, sagt Parolini. Dennoch dürften nicht nur grosse Destinationen gefördert werden.

«Wir müssen uns konzentrieren»

Das Wallis halte mit seiner Regionalpolitik explizit an der dezentralen Besiedelung fest, sagt Eric Bianco, Chef der Stelle für wirtschaftliche Entwicklung. Er lehnt die von Züllig geforderte Verzichtsplanung ab. «Aus unserer Sicht haben auch kleinere Ortschaften Entwicklungspotenzial.» Im Oberwallis werde zurzeit ein flächendeckendes Glasfasernetz erstellt, was neue Arbeitsmodelle ermögliche. «Dieses Projekt ist ein Beispiel für die Solidarität zwischen Talzentren und Berggemeinden.»

Markus Schmid, Präsident des Walliser Hoteliervereins, unterstützt hingegen die Stossrichtung Zülligs, bezieht dessen Aussagen aber nur auf die Tourismusbranche. «Wir müssen uns konzentrieren.» So hätten die 63 Destinationen im Wallis noch heute eigene Verkehrsvereine. Auch die Tourismusförderung von Bund und Kantonen sei verzettelt. Schmid wünscht sich etwa die Gründung einer Servicegesellschaft für kleinere Hotels in der Schweiz, die Informatik, Buchungssysteme, Marketing oder Finanzierungen zur Verfügung stelle.

Wichtige Diskussion

Daniel Müller-Jentsch vom Thinktank Avenir Suisse hält die Debatte für wichtig. Die Kantone müssten die Mittel einsetzen, wo die grössten Wachstumsimpulse erzielt würden. «Falsch ist es, den Schrumpfungsprozess in peripheren Lagen durch blindes Ansubventionieren aufzuhalten.» Aber wenn kleinere Tourismusdestinationen gute Konzepte vorlegten, sollten diese gefördert werden, sagt Müller-Jentsch. Die Erschliessung kleiner Dörfer könne kostengünstig erfolgen: mit einem Rufbus statt mit einer Postautolinie. Die Strasse müsse nicht den gleichen Ausbaustandard haben wie in dichter besiedelten Gebieten. Statt mit Glasfaserkabel könne die Datenverbindung per Funk hergestellt werden.

Verärgert reagiert Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Der Bund stelle für das Berggebiet in seiner Regionalpolitik zusätzlich 200 Millionen Franken zur Bewältigung des Strukturwandels im Tourismus zur Verfügung. «Züllig gibt den Schwarzen Peter dem Bund weiter, dabei ist seine Branche gefordert, die Bundesmittel zu nutzen – etwa für Kooperationen unter Hotels.» Zudem sei der Fokus auf grosse Destinationen falsch. Touristen suchten in den Bergen das Ländliche, nicht verstädterte Orte.

Erstellt: 27.07.2016, 07:12 Uhr

Andreas Züllig ist Präsident von Hotelleriesuisse. (Bild: Keystone )

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