Bericht deckt sexuelle Übergriffe in Asylzentren auf

Viele Flüchtlingsfrauen fühlen sich in den Unterkünften nicht sicher. Ein Problem ist die Dominanz von männlichem Personal.

Flüchtlingsfrauen fehlt es an Ansprechpartnerinnen: Durchgangszentrum Enggistein in Worb BE. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Flüchtlingsfrauen fehlt es an Ansprechpartnerinnen: Durchgangszentrum Enggistein in Worb BE. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine junge Flüchtlingsfrau hat Angst vor dem Sozialarbeiter, der in ihrem Asylzentrum arbeitet. Er sucht ständig aufdringlich Körperkontakt. Sie weiss nicht, wie sie sich wehren soll. Eine andere weigert sich zum Hausarzt zu gehen, der ihre Unterkunft betreut. Er verlange von ihr, dass sie sich ausziehe, bevor sie ihm überhaupt ihre Symptome geschildert habe. Diese Fälle werden in einem am Mittwoch vom Bundesrat veröffentlichten Bericht beschrieben. Eine Psychiaterin hatte ihn den Autoren in einer Befragung geschildert.

Verfasst wurde der Bericht vom Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte im Auftrag des Bundesrates. Die Autoren kommen zum Schluss, dass sexuelle Belästigung in vielen Asylzentren zum Alltag gehören. Bei den Untersuchungen seien auch Fälle von Übergriffen und Gewalttaten bekannt geworden – durch Mitbewohner, aber auch durch Betreuungspersonen, medizinisches Personal und externe Personen. Dies habe zur Folge, dass viele Flüchtlingsfrauen ihre Unterkünfte «nicht als sichere Räume wahrnehmen». Einige Frauen, insbesondere solche, die in ihrer Heimat oder auf der Flucht Gewalt erlebt hatten, fühlten sich hier sogar bedroht. 

Hinweise auf Gewalt führten zu Vorstoss im Parlament

Mit dem Bericht hat der Bundesrat einen Auftrag des Nationalrats erfüllt. Er hatte 2017 einen Vorstoss von Yvonne Feri (SP) angenommen, der eine umfassende Analyse der Situation von Flüchtlingsfrauen in der Schweiz verlangte. Sie sei von verschiedenen Frauenorganisationen wiederholt auf Gewalt in Asylunterkünften hingewiesen worden, erklärte Feri gestern ihren Vorstoss. 

Der Bundesrat erteilte dem Kompetenzzentrum für Menschenrechte nur den Auftrag, die kantonalen Asylunterkünfte zu untersuchen. Die Untersuchung zu den Bundeszentren führte das zuständige Staatssekretariat für Migration (SEM) gleich selber durch.

In diesem zweiten Bericht des SEM finden sich keine Angaben zu vergleichbaren Missständen. Die Zentren des Bundes seien grundsätzlich auf gutem Weg, heisst es im Bericht vielmehr. Als Massnahmen für mehr Sicherheit empfiehlt das SEM die obligatorische Installation von «Schliess-Drehknöpfen», damit auch alle Schlafräume in den Asylunterkünften von innen abgesperrt werden können. Oder dass die Beleuchtung des Zugangs zu sanitären Anlagen verbessert werde. Dies könne «im Rahmen der bestehenden finanziellen Mittel umgesetzt werden», teilte der Bundesrat am Mittwoch mit.

«Ich getraue mich nicht, um fünf oder sechs Uhr morgens rauszugehen und auf die Toiletten zu gehen.»Asylbewerberin

Simone Eggler von der Organisation Terre des Femmes Schweiz widerspricht der Darstellung des SEM: «Auch in Unterkünften des Bundes fühlen sich Frauen nicht sicher. Wir erhalten die gleichen Rückmeldungen von Flüchtlingsfrauen – unabhängig davon, ob sie in Unterkünften der Kantone oder des Bundes wohnen.»  Das Installieren von Türknöpfen sei sicher wichtig, sagt Eggler. Aber das alleine reiche nicht. Das Sicherheitsproblem für Frauen in Asylunterkünften sei viel grösser.

Terre des Femmes hat 2014 selbst einen Bericht zur Situation von Frauen in Asylunterkünften veröffentlicht. Während das Kompetenzzentrum für Menschenrechte wegen fehlender Ressourcen für seinen am Mittwoch veröffentlichten Bericht nur mit Betreuern, medizinischem Personal und Fachpersonen sprechen konnte, hatte Terre des Femmes damals auch Flüchtlingsfrauen interviewt. So erzählte eine Bewohnerin im Bericht von 2014: «Ich habe mir kürzlich ein Gefäss gekauft, um in der Nacht zu urinieren. Ich getraue mich nicht, um fünf oder sechs Uhr morgens rauszugehen und auf die Toiletten zu gehen.»

Dominanz von männlichem Personal

Ein Problem im Zusammenhang mit Gewalt gegen Flüchtlingsfrauen in Schweizer Asylunterkünften ist die Dominanz von männlichem Personal. In keiner der jetzt untersuchten Unterkünfte besteht ein systematischer Zugang zu weiblichen Ansprechpartnerinnen – weder beim Betreuungspersonal noch bei den Gesundheitsverantwortlichen, dem Sicherheitspersonal oder dem medizinischen Erstversorgungspersonal. Der Anteil der Männer ist in allen Bereichen höher, beim Nacht- und Sicherheitspersonal gar viel höher. In der Schweiz stammt rund ein Drittel aller Asylgesuche von Frauen.

Was der fehlende Zugang zu Ansprechpartnerinnen für Folgen haben kann, zeigt ein Fall, den Simone Eggler von Terre des Femmes schildert: In einer kantonalen Asylunterkunft sei vor einigen Jahren eine Flüchtlingsfrau vergewaltigt worden, erzählt sie. Danach sei es der Frau körperlich und psychisch schlecht gegangen. Sie wurde deshalb von einem männlichen Arzt im Beisein eines männlichen Dolmetschers untersucht. Zu diesem Zeitpunkt verschwieg die Frau die Vergewaltigung, weil sie gegenüber den Männern nicht sprechen konnte. Erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche wurde festgestellt, dass die Frau schwanger war. Darauf kam die Vergewaltigung ans Licht.

Auch im Bericht des Kompetenzzentrums für Menschenrechte wird darauf hingewiesen, dass es in Schweizer Asylunterkünften viel zu wenige Dolmetscherinnen gibt. Eine Folge ist, dass die Frauen nicht genügend informiert werden. Weder über medizinische Angebote – zum Beispiel während der Schwangerschaft – noch über die eigentlichen Behandlungen. Deshalb komme es immer wieder zu Behandlungen ohne Einwilligungserklärungen, in einigen Fällen auch bei Sterilisationen oder Abtreibungen.

Erstellt: 16.10.2019, 23:04 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher Asyl-Organisation erhält Millionen-Auftrag vom Bund

Bis zu 50 Millionen Franken werden pro Jahr für die Betreuung von Migranten bereit gestellt. Der Dienstleister aus Zürich erhält nun ein Mandat dafür. Mehr...

Sexuelle Übergriffe in Flüchtlingsheimen nehmen zu

SonntagsZeitung Eine nationale Auswertung beziffert erstmals die Kriminalität in Asylzentren. Auch Angestellte sind unter den Beschuldigten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Mehr Freizeit dank iRobot

Diese intelligenten Alleskönner übernehmen das Reinigen für Sie: gründlich, zuverlässig und vollautomatisch.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...