Bericht zur Geheimarmee liest sich wie ein Agententhriller

Überraschend hat der Bundesrat ein zentrales Dokument zur Geheimarmee P-26 publiziert. 27 Jahre lang war der Bericht unter Verschluss.

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Knapp 27 Jahre hat sich der Bundesrat Zeit gelassen. Aber dann ging es plötzlich überraschend schnell: Am späten gestrigen Nachmittag publizierte die Landesregierung ein zentrales, bisher unter Verschluss gehaltenes Dokument zur Geheimarmee P-26. Es betrifft die 1991 abgeschlossene Untersuchung von Pierre Cornu über die Beziehungen der P-26 zu Widerstandsorganisationen im Ausland. Ein brisantes Thema: je enger die Kooperation, desto grösser der Schaden für die Glaubwürdigkeit der schweizerischen Neutralität im Kalten Krieg.

Wie also stand es wirklich um das Auslandnetz der P-26? Diese Frage muss in Teilen offen bleiben. Denn der Bundesrat hat nicht den eigentlichen Cornu-Bericht veröffentlicht. Publiziert wurde lediglich eine Version, die schon 1991 als «Fassung für die Medien» erstellt wurde, damals aber vom Bundesrat aus nicht näher bekannten Gründen zurückgehalten und in den Giftschrank gesperrt wurde. Veröffentlicht wurde damals nur eine rudimentäre Zusammenfassung.

«27 Jahre sind eine extrem lange Zeit. Es gibt keinen Grund mehr für Geheimniskrämerei.» Josef Lang, Historiker

Auch das jetzt veröffentlichte Dokument enthält teilweise die grossflächigen Schwärzungen aus dem Jahr 1991. Zudem hat das Verteidigungsdepartement (VBS) vor der gestrigen Publikation zusätzliche Passagen geschwärzt — darunter fast alle Namen der damaligen Verantwortlichen. Der Grund dafür sei der Persönlichkeitsschutz, so das VBS.

Grossbritanien wusste Bescheid

Dennoch liest sich der Cornu-Bericht teilweise wie ein Agententhriller: Er offenbart auf 126 Seiten, dass zwar damals weder die Schweizer Öffentlichkeit noch das Parlament über die P-26 Bescheid wussten, dafür aber ein ausländischer Staat: Grossbritannien. Zu den britischen Geheimdiensten pflegten die P-26 und ihre Vorgängerorganisation eine «besondere Vertrauensbeziehung», wie Cornu schreibt.

Der Einfluss der Engländer war ab 1967 enorm. Die Schweizer Geheimtruppen seien von den Briten so beeinflusst worden «wie ein Schüler von seinem Lehrer»: Die Schweizer reisten — teils mit gefälschten Identitätskarten — nach England und wurden dort etwa in der Sabotage ausgebildet. Sie lernten, wie man eine Ölraffinerie sprengt und absolvierten teilweise bizarre Mutproben – etwa, indem sie über dem Meer aus einem Helikopter auf ein aufgetauchtes U-Boot abspringen mussten.

P-26 bunkerte Material in Irland

Britische Instruktoren kamen auch in die Schweiz, beobachteten Übungen der P-26 und durften sogar ihre Geheimanlagen besuchen. Ab etwa 1970 nahm der Spezialdienst – die Vorgängerorganisation der P-26 – in Grossbritannien und später in Irland Vorbereitungen für eine Exilbasis auf. Zu diesem Zweck wurden Namenlisten, Uniformabzeichen und Übermittlungsgeräte in einem Panzerschrank in der Botschaft in London sowie in Irland eingelagert.

Nach Lektüre der 126 Seiten ist der Schluss eindeutig: Die britischen Geheimdienste wussten über die P-26 sehr viel besser Bescheid als selbst der Bundesrat. Trotz dem starken britischen Einfluss kommt Cornu zum Schluss, dass die P-26 operativ unabhängig war. Cornu fand auch keine Hinweise, dass die P-26 im Kalten Krieg in das Netzwerk von vergleichbaren «Stay behind»-­Widerstandsorganisationen in der Nato eingebunden gewesen wäre.

Allerdings stiess Cornu bei seinen akribischen Recherchen – er befragte 61 Personen – auch auf grosse Probleme. Viele wichtige Dokumente waren vernichtet oder verschwunden, darunter auch ein «Joint Working Agreement» –eine Vereinbarung, in der die P-26 und die britischen Dienste 1984 ihre Zu­sammenarbeit regelten. Ein P-26-Verantwortlicher behauptete gegenüber Cornu, er habe das einzige vorhandene Exemplar dieses Schlüsseldokumentes den Engländern zurückgegeben.

VBS schützt tote P-26-Kader

Der ehemalige Grünen-Nationalrat Josef Lang kritisiert den gestrigen Bundesratsentscheid. Er erinnere an die Fichen­affäre, als die Behörden auch immer nur gerade so viel enthüllt hätten, wie sie mussten, so Lang. Die Behörden hätten die Schwärzungen 1991 mit dem Hinweis auf schützenswerte Geheimnisse der ausländischen Partnerdienste verteidigt. Aber in den letzten 27Jahren seien viele dieser Geheimnisse publik geworden. «Zudem sind 27Jahre eine extrem lange Zeit. Es gibt keinen Grund mehr für Geheimniskrämerei», so Lang. Er erwarte, dass der Bundesrat den ungeschwärzten Cornu-Bericht veröffentliche.


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Diese Forderung jedoch lehnt der Bundesrat ab. Er sehe keinen Grund für eine frühzeitige Veröffentlichung des bis 2041 gesperrten Berichts, erklärt er in einer Antwort auf einen Vorstoss. Viele noch lebende Personen hätten dem Untersuchungsrichter Pierre Cornu damals Informationen anvertraut. «Diese Personen haben immer noch ein Recht auf den Schutz ihrer Information.»

Historiker und FDP-Politiker Titus Meier, dessen Dissertation zur P-26 Ende Juni erscheint, begrüsst zwar die Veröffentlichung des Berichts. Er werde wohl zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen, so Meier. Weniger Verständnis hat er aber für die neuen Schwärzungen im Bericht von 1991. «Ich habe den Eindruck, dass man sehr grosszügig mit Schwärzungen war.» Es seien ja praktisch alle Namen geschwärzt worden, selbst jener eines ehemaligen Generalstabschefs der Armee. «Das ist für mich nicht nachvollziehbar», sagt Meier. Die meisten erwähnten Personen seien ohnehin bereits verstorben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 22:07 Uhr

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