Berliner Prostituierte Salomé Balthus klagt gegen «Weltwoche»

Die Frau behauptet, ein Journalist des Magazins habe sich als Kunde ausgegeben, um über sie zu schreiben. Später schickte er ihr eine Karte – die will ihr Anwalt gegen ihn verwenden.

«So etwas habe ich noch nie erlebt.» Salome Balthus sagt, dass die «Weltwoche» sie arglistig getäuscht habe. Foto: Uwe Hauth

«So etwas habe ich noch nie erlebt.» Salome Balthus sagt, dass die «Weltwoche» sie arglistig getäuscht habe. Foto: Uwe Hauth

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Am 6. Dezember erhält die Berliner Prostituierte Salomé Balthus eine Weihnachts- und Neujahrsglückwunschkarte des «Weltwoche»-Journalisten Roman Zeller. Darin beteuert Zeller, wie sehr er sich darüber freue, Balthus kennengelernt zu haben. «Du hast mich beeindruckt, weshalb ich unbedingt darüber schreiben wollte – ich hoffe, Du bist mir nicht böse», schreibt Zeller auf einer vorgedruckten Karte der «Weltwoche».

Offensichtlich ist Balthus aber ziemlich böse. Denn sie hat den Zürcher Anwalt Pablo Bünger damit beauftragt, gegen die «Weltwoche» zu klagen. «Zellers Karte ist ein Schuldeingeständnis», sagt Bünger. Er werde noch diese Woche wegen Persönlichkeitsverletzung zivilrechtlich gegen das Wochenblatt vorgehen und eine Entschuldigung verlangen, die in der «Weltwoche» zu veröffentlichen sei. Ausserdem fordere er die Löschung des Artikels aus digitalen Archiven sowie eine Gewinnherausgabe.

Erhält Balthus vor Gericht Recht, müsste ihr die «Weltwoche» den mutmasslichen Betrag bezahlen, den das Blatt durch die Publikation von Zellers Artikel erzielt hat. Wie viel das genau wäre, müsste das Gericht festlegen.

Salomé Balthus, die mit bürgerlichem Namen Klara Johanna Lakomy heisst, ist in der Schweiz im vergangenen April bekannt geworden. Damals liess sie sich im «Schweizer Fernsehen» von Roger Schawinski in dessen wöchentlicher Talkshow interviewen. Danach beklagte sie sich, Schawinski habe einen verbalen Übergriff begangen, als er die 34-jährige Deutsche fragte, ob sie als Kind missbraucht worden sei.

Treffen für 1000 Euro

Mehrmals bittet Roman Zeller danach bei der Agentur der Prostituierten um ein Treffen. Er will ein Porträt über die junge Frau schreiben. Balthus lehnt ab, lässt den Journalisten aber wissen, er könne sie wie jedes andere Mitglied der «Weltwoche»-Redaktion über die Homepage ihrer Agentur als normaler Kunde für 1000 Euro buchen. Zeller willigt ein und trifft Balthus am 23. November in der Paris Bar in Berlin.

Aufgrund des mehrstündigen Treffens schreibt er ein Porträt. Unter dem Titel «Rendezvous mit Salomé Balthus» erscheint es am 5. Dezember in der «Weltwoche» Darauf behauptet die Deutsche, Zeller habe mit keinem Wort auf seine Absicht hingewiesen, das Treffen für einen Artikel zu verwenden. In einem Telefongespräch mit dieser Zeitung versichert Balthus, nicht nur ihre Agentur habe das Ansinnen des Journalisten vorgängig per Mail abgelehnt. Sie selber habe ihn auch während des Gesprächs im Berliner Lokal mehrmals daran erinnert, dass sie es keinesfalls wünsche, in der «Weltwoche» porträtiert oder zitiert zu werden.

Der Herausgeber und Chefredaktor der «Weltwoche», Roger Köppel, hat dies bereits am 5. Dezember bestritten: «Die ‹Weltwoche› widerspricht der Darstellung von Frau Balthus. Nicht nur gab sich Herr Zeller von Anfang an als ‹Weltwoche›-Journalist zu erkennen. Er machte auch deutlich, dass er in journalistischer Mission unterwegs sei und das Gespräch journalistisch verwenden werde.»

«Wenn Zeller auf seine Absicht hingewiesen hat – warum hat er dann diese Karte geschrieben?»Anwalt Pablo Bünger

Es steht offensichtlich Aussage gegen Aussage. Wie wollen Zeller oder Balthus nachträglich beweisen, was während eines Abendessens gesagt oder nicht gesagt wurde? Darauf antwortet Balthus’ Anwalt Pablo Bünger: «Wenn Zeller auf seine Absicht hingewiesen hat – warum hat er dann diese Karte geschrieben? Warum hofft er, dass ihm Balthus nicht böse sei?»

«Dass ich mich mit einem Journalisten treffe, habe ich zwar gewusst», sagt Balthus am Telefon. «Aber ich dachte, er wolle mich als Privatperson kennenlernen. Nie und nimmer hätte ich es für möglich gehalten, dass er das Treffen missbrauchen würde, um sich ein Porträt zu erschleichen. So etwas habe ich noch nie erlebt.» Viele Zitate in Zellers Text seien falsch oder verdreht.

Zum Beispiel die Stelle, bei der die beiden zum Du übergehen. «Wenn ich dich jetzt duze, habe ich weniger Respekt, und das macht mich nur noch schärfer», sagt Balthus in Zellers Porträt. In Wirklichkeit sei das nicht sexuell, sondern politisch gemeint gewesen. Sie hätten über die Rechtslastigkeit der «Weltwoche» diskutiert und sie habe gemeint: Wenn sie Zeller duze, würde sie den politischen Kurs des Blattes noch schärfer kritisieren.

«Arglistig getäuscht»

Zum Gegenlesen, wie es eigentlich üblich und anständig sei, habe ihr Zeller die Zitate natürlich nicht vorgelegt, sonst wäre ja seine Absicht aufgeflogen. Laut Bünger verletzen mehrere Schilderungen in Zellers Text die Privatsphäre seiner Klientin. Etwa, dass sie schon als Studentin gerne und oft Affären mit älteren Männern gehabt habe. Oder dass die «tierische Geilheit» ihrer Kunden «bei der Penetration plötzlich über sie hereinbreche». Oder dass sie beim Sex «das Triebhafte, das Perverse liebe» – was Balthus laut eigenen Angaben so nicht gesagt hat.

Salomé Balthus sagt: «Die ‹Weltwoche› hat mich arglistig getäuscht und zu ihrer Trophäe gemacht. Das ist keine Kleinigkeit, das akzeptiere ich nicht. Nur weil ich als Prostituierte arbeite, lasse ich mich nicht als journalistische Trophäe missbrauchen.»

Am 10. Dezember schlägt Bünger dem «Weltwoche»-Herausgeber Roger Köppel eine gütliche Einigung vor. Bezahle das Wochenmagazin Balthus 25'000 Franken, werde sie auf rechtliche Schritte verzichten. Dieses Angebot hat Köppel offensichtlich ausgeschlagen.

Auf Anfrage wollten sich weder Roman Zeller noch der Anwalt der «Weltwoche» zur angekündigten Klage äussern.

Erstellt: 23.12.2019, 18:24 Uhr

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