Bern lässt neue Nationalhymne singen, Zürich nicht

Mehrere Gemeinden probieren am 1. August den inoffiziellen neuen Hymnentext aus – als zusätzliche Strophe. In Zürich kommt hingegen eine weitere Hymne zur Uraufführung.

Der Schweizerpsalm ist erst seit 1981 die offizielle Landeshymne: Festbesucher singen ihn während der Bundesfeier in Habkern BE. (1. August 2015)

Der Schweizerpsalm ist erst seit 1981 die offizielle Landeshymne: Festbesucher singen ihn während der Bundesfeier in Habkern BE. (1. August 2015) Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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«Weisses Kreuz auf rotem Grund»: So soll die Schweizer Nationalhymne beginnen, wenn es nach der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) geht. Die Organisation, die auch die Rütliwiese verwaltet, hatte 2014 einen öffentlichen Wettbewerb für eine neue Landeshymne ausgeschrieben. In einer Onlineabstimmung setzte sich schliesslich eine Version mit neuem Text und bisheriger Melodie durch.

Am Montag kommt es nun zu einer Premiere. Mehrere Gemeinden haben sich bereit erklärt, die neue Version neben der alten ins Programm ihrer 1.-August-Feier aufzunehmen. Die SGG hatte sie per Brief dazu eingeladen. Das prominenteste Beispiel ist die Stadt Bern. Für die dortige Bundesfeier ist geplant, zunächst zwei Strophen der offiziellen Nationalhymne zu singen und danach als dritte die inoffizielle neue Version. Was eine Nationalhymne brauche, um dem heutigen Lebensgefühl zu entsprechen, sei eine interessante Frage, sagt der Berner Stadtratspräsident Thomas Göttin (SP). «Da nun ein Vorschlag für einen neuen Text vorliegt, sind wir bereit, diesen auszuprobieren.»

Wurde in einer Onlineabstimmung aus sechs Vorschlägen ausgewählt: Der Vorschlag für eine neue Nationalhymne. (Video: CHymne/Youtube)

Zürich macht nicht mit

Das Stadtzürcher Bundesfeierkomitee hingegen hat sich entschieden, auf die neue Version zu verzichten. «Wir haben eine Nationalhymne, und diese singen wir», sagt Sprecher Andreas Hess. Geplant ist zudem die Uraufführung des Lobliedes «Hymne an die Schweiz» – komponiert von dem jungen Dirigenten und Komponisten Sven-David Harry. Dabei handle es sich aber nicht um einen weiteren Vorschlag für eine neue Nationalhymne, sagt Hess, sondern schlicht um ein weiteres Lied, das die Schweiz besinge.

Die neue Version singen wollen die Organisatoren der Bundesfeier in Hombrechtikon ZH. Der Text sei als fünfte Strophe der Nationalhymne vorgesehen, sagt Urs Frei, Präsident des örtlichen Verkehrsvereins. Sollte dies umstritten sein, werde man an der 1.-August-Feier darüber abstimmen.

Neben Bern und Hombrechtikon haben laut der SGG auch Menier GE und Muolen SG zugesagt, die neue Version neben der alten singen zu lassen. Etliche andere Gemeinden hatten an dem Vorschlag der SGG aber keine Freude. Sie halten es nicht für legitim, eine andere als die offizielle Version zu singen.

Kritik am fehlenden religiösen Bezug

Der vom Zisterzienserpater Alberich Zwyssig komponierte und mit dem Text des Zürcher Dichters Leonhard Widmer unterlegte Schweizerpsalm musste sich allerdings auch erst gegen das zur Melodie der britischen Nationalhymne gesungene Gedicht «Rufst du, mein Vaterland» durchsetzen, bevor der Bundesrat ihn 1961 provisorisch und 1981 definitiv zur Landeshymne erklärte. Damit argumentiert SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger. «Auch die jetzige Nationalhymne wurde 140 Jahre lang ohne bundesrätliche Genehmigung gesungen.»

Manche Gemeinden lehnen den neuen, vom Ökonomen Werner Widmer aus Zollikon ZH verfassten Text aber auch aus inhaltlichen Gründen ab. Der neue Text lässt die Religion aussen vor und thematisiert stattdessen Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit und Frieden, die der Präambel der Bundesverfassung entnommen sind. Dies passt jenen nicht, die die Schweiz als christliches Land sehen. Vielen Gemeinden hätten in ihren Antworten bemängelt, dass Gott nicht mehr vorkomme, sagt Niederberger. Für die Bundesfeier auf der Rütliwiese hat die SGG eine eigene Lösung gefunden: Gesungen wird zuerst die heutige Nationalhymne, und danach trägt der Schweizer Jugendchor die neue Version vor. «Wer will, kann mitsingen.»

Erstellt: 27.07.2016, 17:58 Uhr

«Wir werden sehen, ob es einen Stolperer drin hat»

Urs Frei ist Präsident des für die Bundesfeier verantwortlichen Verkehrsvereins von Hombrechtikon. Falls nötig, will er darüber abstimmen lassen, ob der neue Text gesungen wird.

Herr Frei, wie bauen Sie die neue Version der Landeshymne in die 1.-August-Feier ein?
Wir singen zunächst die vier traditionellen Strophen und danach die neue als fünfte. Es ist ja nichts anderes als eine neue Strophe.

Werden Sie die deutschsprachige oder die mehrsprachige Version singen?
Die deutschsprachige.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden?
Die Präsidentin unseres Frauenchors hat dies empfohlen. Und wir singen gerne in Hombrechtikon.

Also kommen die Hombrechtiker auch mit der offiziellen Hymne gut zurecht? Viele Leute kennen ja kaum die erste Strophe.
Wir haben den Text auf den Programmrücken gedruckt. Ohne Text ginge es kaum; ich wüsste nicht, wer die ganze Hymne auswendig kann. Bei uns singen jeweils diejenigen, die einigermassen singen können, auch mit.

Haben Sie Reaktionen auf Ihren Entscheid erhalten?
Bisher nicht. Wenn wir merken, dass das Singen der neuen Strophe umstritten ist, werden wir an der 1.-August-Feier kurz darüber abstimmen lassen – ganz demokratisch.

Was halten Sie von der neuen Strophe?
Ich bin noch nicht sicher, ob ich sie gut singen kann. Wir werden am Montag sehen, ob es einen Stolperer darin hat. Der alte Text hat aber auch zwei Stolperer drin.

Glauben Sie, der neue Text könnte sich als zusätzliche Strophe durchsetzen?
Das kann ich mir vorstellen. Der Text ist vernünftig. Wie es tönt, kann ich aber noch nicht sagen.

Text des Schweizerpsalms

Erste Strophe
Trittst im Morgenrot daher,
Seh'ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Zweite Strophe
Kommst im Abendglühn daher,
Find'ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Dritte Strophe
Ziehst im Nebelflor daher,
Such'ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Vierte Strophe
Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Ja, die fromme Seele ahnt,
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Text des «Vorschlags für eine neue Nationalhymne»

Deutschsprachige Version
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
woll'n wir nach Gerechtigkeit streben.
Frei, wer seine Freiheit nützt,
stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
singen alle wie aus einem Mund.

Mehrsprachige Version
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Ouvrons notre coeur à l’équité
et respectons nos diversités.
Per mintgin la libertad
e per tuts la gistadad.
croce bianca: unità,
campo rosso: libertà, equità.

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