Besser schweigen

Nach dem Stalking-Fall um Yannick Buttet heisst es: Frauen sollen Belästiger beim Namen nennen. Warum sie es kaum tun, zeigt sich am Beispiel der Grünen-Politikerin Aline Trede.

«Die Zeit war vielleicht noch nicht reif genug»: Alt-Nationalrätin Aline Trede vor dem Oppenheimbrunnen in Bern. Foto: Reto Oeschger

«Die Zeit war vielleicht noch nicht reif genug»: Alt-Nationalrätin Aline Trede vor dem Oppenheimbrunnen in Bern. Foto: Reto Oeschger

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Ein einsamer Ellbogen. Das Knie einer Frau, auf dem ungefragt die Hand eines Politikers ruht.

Der Ellbogen und das Knie: Die beiden Körperteile sind Symbole für eine Debatte geworden, die gerade intensiv geführt wird – in den USA wegen US-Filmproduzent Harvey Weinstein, in der Schweiz wegen CVP-Nationalrat Yannick Buttet.

Der Ellbogen, von dem man nicht weiss, wem er gehört: Er ist auf dem Cover des aktuellen «Time Magazine» zu sehen und steht für all die Frauen, die anonym ihre Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben. Das Magazin ehrt mit dem Cover, auf dem auch Schauspielerin Ashley Judd und Sängerin Taylor Swift abgebildet sind, jene Personen, die sich öffentlich gegen solche teilweise massiven Grenzüberschreitungen gewehrt haben. Die das «Schweigen gebrochen», mit #MeToo eine «kulturelle Revolution» ausgelöst haben.

Und das Knie: Es gehört der Bernerin Aline Trede, einst Nationalrätin der Grünen, die an einem Abendessen plötzlich die Hand des damaligen Berner Stadtpräsidenten auf ihrem Bein spürte. Zwei Jahre später erzählte sie in der Regionalsendung «TeleBärn News» davon.

Gewichtige Stimmen fehlen in der Schweiz

Jetzt, da der Fall des Walliser CVP-Nationalrats Buttet, der seine Ex-Geliebte mit unzähligen Nachrichten, Anrufen und nächtlichem Klingeln gestalkt haben soll, seit Tagen bekannt ist, muss man wieder an die Geschichte von Aline Trede denken. Im Unterschied zu den USA, wo prominente, mächtige und angesehene Frauen öffentlich machten, wie sie von Männern wie Harvey Weinstein bedrängt wurden, fehlen in der Schweiz so gewichtige Stimmen. Es fehlt die kritische Masse an Äusserungen, die dem Anliegen automatisch mehr Öffentlichkeit verleihen würde. Trede ist praktisch die einzige Schweizer Politikerin, die gewagt hat, was nun von den Parlamentarierinnen im Bundeshaus gefordert wird.

Sie sollen nicht nur sagen, dass auch sie Momente erlebten, in denen Männer gewisse Grenzen überschritten haben. Sondern ebenso offenlegen, wer es war, der diese Grenzen überschritten hat. Die Politikerinnen, laut FDP-Nationalrätin Doris Fiala alle «selbstbewusste und starke Frauen», sollen Namen nennen, wenn sie sich schon öffentlich zu dieser Diskussion äussern. «Wer, wenn nicht die gewählten Volksvertreterinnen? So verständlich ihr Schweigen ist – die Politikerinnen senden ein schlechtes Signal aus», schreibt der «Blick». Mit der Namensnennung würden die Frauen immerhin die Männer im Parlament vom Generalverdacht befreien, sagt BDP-Präsident Martin Landolt.

Ein Problem, das überall gilt

Bevor sich Aline Trede damals neben Alexander Tschäppät an den Tisch setzte, beide waren 2014 in der Jury des Gastro-Anlasses Kitchen Battle, dachte sie noch: Bei mir wagt er das nicht. Man wusste, dass Tschäppät an Apéros gerne trank und den Frauen nahekam. In der Stadt Bern kursierten viele solcher Geschichten über den damaligen Stadtpräsidenten. «Aber bei mir? Ich hatte ihn schon öffentlich für seine Politik kritisiert, er wusste, wer ich bin», sagt Trede. Auf einmal war da trotzdem seine Hand auf ihrem Bein. Trede nahm sie sofort weg und legte sie auf den Tisch. Sie erhob sich, packte ihren Stuhl und setzte sich auf die andere Seite. Tschäppät tat so, als sei nichts gewesen. Die übrigen Personen, die anwesend waren, fünf Männer, assen stumm weiter. Einer stellte sich später zwischen Trede und Tschäppät, um sie zu schützen.

Was Aline Trede erlebte, ist nicht nur ein Problem in der Politik oder im Bundeshaus. Frauen sind solchen unangebrachten Annäherungsversuchen und Belästigungen auch anderswo ausgesetzt: am Arbeitsplatz. Unterwegs, in der Öffentlichkeit.

«Ich hätte Tschäppät in diesem Moment vehementer stellen sollen», sagt Trede. Doch sie war überrumpelt. Im letzten Jahr protestierten Frauen unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei gegen Sexismus im Alltag, TeleBärn befragte Trede zu diesem Thema. Da war sie bereits nicht mehr Nationalrätin; 2015 verpasste sie die Wiederwahl. Frauen müssten sich täglich sexistische Kommentare gefallen lassen, sagte Trede im Beitrag. «Wenn man die Hand des Stapi auf dem eigenen Knie hat und sie wieder an den richtigen Ort bringen muss, dann wird es mühsam.»

Hilflos formulierte Witze

Danach geschah, was oft geschieht: Trede bekam, neben Kommentaren von Frauen, die Ähnliches erlebt hatten und ihr für den Mut und die Offenheit dankten, immer die gleichen Vorwürfe zu hören. Sie wolle sich mit dieser Tschäppät-Geschichte nur profilieren. Sie wolle, als abgesägte Politikerin, nur wieder einmal in der Öffentlichkeit erscheinen. Sie habe sich den Medien angeboten. «Darf man dir denn überhaupt noch drei Müntschi geben?» Solche Sätze hört Trede noch heute.

Wer mit seinem eigenen Namen hinsteht, schwächt sich.

Es sind Sprüche, manchmal hilflos formulierte Witze, die jetzt im Bundeshaus wieder fallen. Darf ich dir jetzt noch sagen, dass mir deine Schuhe gefallen? Darf ich dich noch an der Schulter berühren? Was darf ich denn jetzt überhaupt noch?

Nachdem Buttet vor laufender Kamera sagte, dass «ein bisschen Baggern» im Bundeshaus dazugehöre, meldeten sich verschiedene Politikerinnen zu Wort. SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz war eine der Ersten, die sich mit Namen zitieren liess, und die einzige Bürgerliche, die sich in dieser Sache überhaupt äusserte. Sie sagte, mit gewissen Parlamentariern wage sie sich nicht mehr in den Lift.

Die Frau ist im Dilemma

Die Reaktionen darauf folgten sofort. Roger Köppel schrieb im Editorial der «Weltwoche»: Eine Politikerin, «die ich noch nie ohne kurzen Rock oder hautenge Bluse gesehen habe», beschwere sich. Doris Fiala findet, es passe schlecht zu einer «Festnudel», dass sie sich angeblich nicht mehr mit einem Mann in den Lift traue. In der Wandelhalle raunen manche, Amaudruz habe sich mit dieser Aussage in der SVP-Fraktion geschwächt. Sie selbst will sich dazu nicht mehr äussern.

Bilder: Die #MeToo-Welle im Überblick

Etwas zu sagen, ist offenbar doch nicht erwünscht. Wer nur schon mit seinem eigenen Namen hinsteht, schwächt sich. Die Ständerätin Géraldine Savary (SP) beschreibt in einem Gastbeitrag in «Le Temps» die Situation der Frau so: «Sie befindet sich in einem Dilemma: Öffentlich bezeugen gilt als Übertreibung, anonym zu reden als Schwäche, Schweigen als Mitschuld.» Fabienne Amlinger vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung in Bern bestätigt das: «Frauen können es nicht recht machen.» Entweder müssten sie sich den Vorwurf gefallen lassen, mit der erzählten Geschichte zu dramatisieren, oder aber schwach zu sein, wenn sie nur anonym erzählen wollten. Dieser Mechanismus gilt generell und geht über das Bundeshaus hinaus.

«Das ist der patriarchale Disziplinierungsmechanismus, der einsetzt», sagt Amlinger. Es zeigt sich auch bei der Ex-Geliebten von Buttet: Die Walliserin soll in ihrer Gemeinde unter Druck gekommen sein, während Buttet nach wie vor Sympathie geniesst. Statt die Perspektive des Opfers einzunehmen, gehe man auf Abwehr, sagt Amlinger. Lieber die Aussagen der Frauen relativieren, belächeln oder die Aktion der Männer entschuldigen. «Es ist aber das Recht jeder Frau, mit dem Erlebten umzugehen, wie sie das für richtig hält.»

Die Geschichten bleiben haften

Für Nationalrätin Lisa Mazzone (Grüne) geht es um eine persönliche Entscheidung: Was liegt im öffentlichen Interesse? Wo beginnt die Privatsphäre, die man vor Medien schützen will? Sie selbst äussert sich insofern, als sie sagt, dass sie auch schon grenzwertige Situationen erlebt habe. Sie stehe für Anliegen von Frauen und die Gleichberechtigung ein, seit sie politisch aktiv sei. «Die Erwartung an Frauen, persönliche Details an die Öffentlichkeit zu tragen, grenzt aber an Voyeurismus.» Zu sehr würden solche Erlebnisse an Politikerinnen haften bleiben und ihre politische Arbeit überdecken, glaubt Mazzone. Jetzt müssten sich plötzlich Frauen dafür rechtfertigen, was sie sagen – statt der Männer, die eine Grenze überschritten haben.

Als Trede damals auf TeleBärn von ihrem Erlebnis erzählte, hoffte sie, dass manche Frau es ihr gleichtun würde. Es ging ihr um eine Debatte über Anstand, darüber, was sich gehört und was nicht. Sie blieb allein. «Die Zeit war vielleicht noch nicht reif genug», sagt Trede.

Nach der Nennung von Tschäppät musste sich Trede in den Medien wieder erklären. Tschäppät hingegen hatte lediglich ein schriftliches Statement herausgegeben: «Ich bin mir keiner solchen Situation bewusst. Sollte eine solche Berührung je stattgefunden haben, so hatte sie höchstens einen kollegialen, aber sicher keinen sexuellen Hintergrund.» Danach schwieg er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2017, 21:53 Uhr

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