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«Betroffene sind geschickt darin, Anzeichen zu vertuschen»

Laut Dr. Wettstein fühlen sich viele Senioren ohne Auto nicht mehr autonom.

Albert Wettstein war während 28 Jahren Zürcher Stadtarzt. Foto: Doris Fanconi
Albert Wettstein war während 28 Jahren Zürcher Stadtarzt. Foto: Doris Fanconi

Wie bringt man der eigenen Grossmutter bei, dass sie nicht mehr Auto fahren sollte?

Indem man Alternativen aufzeigt. Es gibt Freunde und Nachbarn, die fahren können. Oder Elektromobile, die maximal 12 Stundenkilometer fahren, was für den Einkauf gut reicht. Wer kein Auto mehr hat, der spart auch Geld und kann sich Taxis leisten oder Fahrdienste wie etwa vom Roten Kreuz.

So einfach lassen sich Senioren kaum vom Steuer fernhalten.

Tatsächlich sind viele hartnäckig. Was verständlich ist, weil die Abgabe des Führerscheins als grosser Eingriff in die Selbstständigkeit empfunden wird. Aktuell kommt eine Generation ins Rentenalter, bei der fast alle Männer und auch Frauen ihr ganzes Leben lang Auto fuhren. Auf diese Autonomie wollen sie nicht plötzlich verzichten.

Gibt es viele Ältere, die trotz Ausweisentzug weiterfahren?

Davon ist auszugehen. Ich hatte zumindest schon solche Fälle. Eine pensionierte Professorin etwa, der nach einem Bagatellunfall das Billett weggenommen wurde. Sie fuhr weiter, bis ich ihr den Schlüssel abnahm. Da ging sie zum Automechaniker und liess sich einen neuen anfertigen. Das Beispiel zeigt: Betroffene sind in der Regel clever darin, neue Wege zu finden, um doch weiter zu fahren.

Die meisten Ausweise werden wegen Krankheiten entzogen. Worum geht es konkret?

Allermeist um Demenz. Sie beeinträchtigt das Raumempfinden und die Entscheidungsfähigkeit, beides wichtige Faktoren für einen sicheren Strassenverkehr. Das Problem ist, dass diese Krankheit oft erst spät erkannt wird. Die Betroffenen gestehen sich selbst nicht ein, dement zu sein. Sie sind geschickt darin, Anzeichen zu vertuschen. Und Ausreden zu finden, wenn es zu einem Vorfall gekommen ist.

Sollten Angehörige solche Fälle beim Kanton melden?

Wenn es akut ist und man sich Sorgen macht, dann ist das sicher gut. Aber sonst wäre ich zurückhaltend. Betroffene können es als Vertrauensbruch empfinden, wenn sie ein Angehöriger beim Amt meldet. Ich finde es besser, sich an den Hausarzt zu wenden. Dieser kann die gängigen Tests durchführen. Und sich an das Strassenverkehrsamt wenden, wenn der Patient wirklich nicht mehr fahrtüchtig ist.

Auch Hausärzte wollen es sich nicht verscherzen mit der Kundschaft. Melden sie solche Fälle konsequent?

Gesichertes Wissen darüber gibt es nicht. Aus meinen Kontakten mit Hausärzten weiss ich jedoch, dass die meisten eine Gefährdung der Öffentlichkeit durch fahruntaugliche Betagte nicht auf die leichte Schulter nehmen und konsequent auf Rückgabe des Fahrausweises hinwirken. Und falls dies nichts fruchtet, diese den Strassenverkehrsämtern melden.

Roland Gamp

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