Beweise liefern statt verlangen

Ein NZZ-Journalist versucht, die Schweizer Terrorjahre neu zu deuten. Nun spürt er die hohen Ansprüche der Geschichtswissenschaft.

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Schloss die Schweiz im September 1970 mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ein geheimes Stillhalteabkommen ab, das die Attentäter von Würenlingen schützte? Nein, sagt die vom Bundesrat eingesetzte interdepartemen­tale Arbeitsgruppe 1970 (IDA 70), deren Recherchen seit Mittwoch publik sind. Nein, bekräftigt auch die Aufsichtsbehörde über die Bundes­anwaltschaft, deren Bericht dem TA bekannt ist.

Es gab ein Abkommen, versichert hingegen NZZ-Journalist Marcel Gyr. Er hat die Tatsachenbehauptung in seinem im Januar erschienenen Buch «Schweizer Terrorjahre» aufgestellt. Und er hält trotz Kritik und berechtigten Zweifeln an ihr fest. Doch der Autor kommuniziert heute vorsichtiger als noch vor ein paar Wochen. Das angebliche PLO-Geheimabkommen ist von einer historischen Tatsache zur «These mit breit abgestützter Quellenlage» geschrumpft.

Zurückhaltung ist angebracht. Die mit Historikern und Juristen besetzte IDA 70 hat innert weniger Wochen einen Bericht erstellt, der professionell daherkommt und transparent wirkt. Über 300 Seiten lang ist er und überrascht mit teils neuen Fakten über eine dramatische Zeit, in der palästinensische Terroristen auch die Schweiz ins Visier nahmen. Die IDA 70 scheint mit Hartnäckigkeit und einiger Leidenschaft recherchiert zu haben. Dabei war ihre Ausgangslage alles andere als einfach.

«Wer die Geschichte umschreibt, braucht mehr als Indizien.»

Aus dem Zivilrecht abgeleitet ist es so, dass derjenige eine Tatsache beweisen muss, der sie behauptet. Das wäre demnach die Rolle von Marcel Gyr. Doch in seinem Buch liefert er keine Beweise, sondern bestenfalls Indizien. Vom Bund nun zu verlangen, dass dieser Beweise für eine wacklige These findet, ist unwissenschaftlich. Ein Journalist, der das Ziel verfolgt, ein wichtiges Kapitel in der jüngeren Schweizer Geschichte umzuschreiben, muss sich gewissen Ansprüchen der Geschichtswissenschaft stellen. Wer sich wie Gyr auf die Aussagen anonymer Quellen stützt und sich dabei auf den journalistischen Quellenschutz beruft, bekommt Schwierigkeiten. Zur unklaren Quellenlage kamen noch unterlassene Recherchen dazu; so sprach Gyr etwa nicht mit dem Alt-Staatssekretär Franz Blankart.

Gyr hat nur eine Chance, sich aus dieser Situation zu befreien. Er muss für seine These Beweise finden. Sie können problemlos von sogenannt mündlichen Quellen stammen. Doch die Zeitzeugen müssen verlässlich sein und sich bereit erklären, der Öffentlichkeit oder zumindest berufenen Historikern Beobachtungen zu schildern oder Belege zu präsentieren.

Die Geschichtswissenschaft verlangt, dass Quellen und Thesen überprüfbar sein müssen. Die vom Autor vorgebrachten anonymen Quellen scheinen in diesem Kontext problematisch. Die IDA 70 schreibt: «Die Zuverlässigkeit der von einer Person zur Verfügung gestellten Informationen kann von Dritten erst beurteilt werden, wenn sich die Person identifizieren lässt.» Nur so lasse sich feststellen, ob die Person überhaupt über relevante Informationen verfüge.

Anonyme Quellen reichen nicht

Dass die IDA 70 Gyr als Autor nicht angehört hat, mag diesen verärgern. Doch die Arbeitsgruppe blieb konsequent. Sie konzentrierte sich ganz auf Primärquellen, also Zeitzeugen, und nicht auf Sekundärquellen, wie Gyr eine ist. Von den Primärquellen verlangte sie ausserdem, dass sie ihre schriftlichen Stellungnahmen signieren und damit offizialisieren.

Offen ist, warum sich Gyrs anonyme Quellen einer Anhörung durch die IDA 70 verweigerten. Welche Konsequenzen hätten Zeugen eines geheimen Stillhalteabkommens rund 50 Jahre nach dessen Abschluss zu befürchten? Es wäre als Schutzmassnahme wohl sogar möglich gewesen, ihre Identitäten nur gegenüber einem kleinen Kreis der IDA 70 zu lüften, um deren Zuverlässigkeit zu überprüfen. Diese einmalige Chance ist nun verwirkt.

Erstellt: 12.05.2016, 23:55 Uhr

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