Biel bleibt Sozialhilfehochburg der Schweiz

Städte wie Basel, Bern oder Winterthur verzeichnen besonders viele Sozialhilfefälle. Am stärksten betroffen ist eine Region – trotz Rückgang.

Die Stadt mit den meisten Sozialhilfefällen: Biel. (Archivbild) Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Die Stadt mit den meisten Sozialhilfefällen: Biel. (Archivbild) Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Obwohl die Sozialhilfequote im Jahr 2018 in Biel erstmals deutlich gesunken ist, bleibt die bernische Stadt am Jurasüdfuss diesbezüglich die Hochburg in der Schweiz. Entlang des Jurabogens ist das Risiko, in der Sozialhilfe zu landen, am grössten.

Die Sozialhilfequote in Biel BE ist 2018 um 0,5 Prozent auf 11 Prozent gesunken, wie den neusten Kennzahlen der Städteinitiative Sozialpolitik zu entnehmen ist. Biel, Lausanne und Basel, die drei Städte mit den höchsten Sozialhilfequoten, liegen alle am Jurabogen.

In Lausanne ist die Quote im Vergleich zum Jahr 2017 noch deutlicher gesunken als in Biel und liegt noch bei 7,8 Prozent. In Basel sind 6,6 Prozent der Bevölkerung auf Sozialhilfe angewiesen. Eine Sozialhilfequote von 5 Prozent und mehr haben auch die Städte Winterthur ZH (5,6 Prozent) und Bern (5 Prozent).

Am anderen Ende der Skala der 14 Referenzstädte befinden sich Uster ZH und Zug mit einer Quote von je 1,7 Prozent. Damit bestätigt sich 2018 insgesamt der Trend stabiler oder sinkender Sozialhilfequoten.

Alleinerziehende und geschiedene Männer mit grösstem Risiko

Pro Einwohner wendet die Stadt Biel mit netto 1100 Franken pro Jahr deutlich am meisten für die Sozialhilfe auf. In Winterthur sind es 741 Franken, in Basel 601 Franken pro Einwohner.

Das grösste Sozialhilferisiko haben Alleinerziehende und geschiedene Männer. Die Quote bei den Einelternhaushalten liegt in allen Städten über 10 Prozent. In Biel lebte 2018 eins von fünf Kindern in einer Familiensituation, die ganz oder teilweise auf Sozialhilfe angewiesen ist.

Den Löwenanteil der Sozialhilfebeziehenden machen Ausländerinnen und Ausländer aus. Am höchsten ist er in Schlieren (61 Prozent) und Biel (59 Prozent). Jeder fünfte Ausländer ist in Biel von Sozialhilfe abhängig, diese Quote ist mindestens fast doppelt so hoch wie in den anderen 13 Referenzstädten.

Sozialhilferisiko für über 46-Jährige hat stark zugenommen

Wer ohne Berufsabschluss oder über 46 Jahre alt ist, hat ein deutlich höheres Risiko, in der Sozialhilfe zu landen. 54 Prozent der Sozialhilfebezüger in den 14 Schweizer Referenzstädten haben keine Berufsausbildung. Generell waren die Sozialhilfequoten 2018 stabil.

Dies zeigt die Langzeitbetrachtung der Städteinitiative Sozialpolitik zum 20-jährigen Bestehen des Monitorings. Sie hat die neusten Kennzahlen zur Sozialhilfe in der Schweiz am Dienstag in Bern vorgestellt. In 8 der 14 Referenzstädte blieb die Sozialhilfequote im letzten Jahr stabil, in 6 Städten ging sie zurück.

Die Langzeitbetrachtung zeigt, dass es für Personen ohne Berufsabschluss immer schwieriger wird, ein sicheres Einkommen zu erzielen. Sie landen deshalb zunehmend in der Sozialhilfe. Die Wirtschaft verlangt vermehrt nach hoch qualifizierten Personen.

Im vergangenen Jahrzehnt hat das Sozialhilferisiko bei den 46- bis 55-Jährigen von 4,9 auf 5,7 Prozent zugenommen; bei den 56 bis 64-Jährigen sogar stark, von 3,3 auf 4,8 Prozent. Dagegen ist das Risiko für die 18- bis 35-Jährigen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gesunken.

Klumpenrisiko

Für die 46- bis 64-Jährigen kommen laut Städteinitiative verschiedene Problembereiche zusammen: sie fallen dem Strukturwandel in der Wirtschaft zum Opfer, finden generell nicht mehr so leicht eine Stelle in diesem Alter, haben keine oder eine nicht mehr passende Berufsbildung oder kämpfen mit gesundheitlichen Problemen.

Angesichts dieser Befunde begrüsst die Städteinitiative Sozialpolitik die vom Bundesrat vorgeschlagene Überbrückungsleistung für ausgesteuerte Personen ab 60 Jahren, wie sie in ihrer Mitteilung zum Medienanlass schreibt. Dies sei ein kleiner, aber wichtiger Schritt und könne eine Lücke im Sozialsystem schliessen.

Auch ein Vorstoss des Solothurner FDP-Nationalrats und Städteverbandspräsidenten Kurt Fluri zielt für die Städteinitiative in die richtige Richtung. Die Motion verlangt, dass der Bund 40 Millionen Franken zur Verfügung stellt, um Grundkompetenzen und berufliche Qualifizierung von Sozialhilfebeziehenden zu fördern.

Längere Bezugsdauer

Zwar sinkt der Anteil neuer Sozialhilfebezüger in den Städten tendenziell, wer aber Sozialhilfe bezieht, ist länger darauf angewiesen, wie die neusten Kennzahlen zeigen. Die durchschnittliche Bezugsdauer liegt bei 46 Monaten.

Neben Personen über 46 oder solche ohne berufliche Qualifikation ist das Sozialhilferisiko vor allem bei Alleinerziehenden und Familien mit mehreren Kindern hoch. Einelternhaushalte weisen in allen Städten ein Risiko von über 10 Prozent auf.

Die Städteinitiative Sozialhilfe vergleicht seit 20 Jahren die Kennzahlen der Sozialhilfe in den Städten Basel, Bern, Biel, Chur, Lausanne, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Schlieren ZH, Uster ZH, Wädenswil ZH, Winterthur, Zug und Zürich.

(oli/sda)

Erstellt: 22.10.2019, 09:35 Uhr

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