Big Business mit Gras aus Gstaad

Der griechische Milliardenerbe Alki David verkauft in Kalifornien Cannabis-Produkte – angeblich hergestellt in der «reinen Bergluft» des Berner Oberlands.

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Dass hier in Gstaad eine Firma ihren Sitz hat, verrät einzig die am Briefkasten angebrachte Thermo-Etikette: «Swissx Labs AG». Post wollen die Firmen­in­haber aber offensichtlich keine erhalten. Der Briefkastenschlitz ist mehrfach mit braunen Klebebandstreifen abgedeckt. Von aussen scheint das Chalet an diesem verregneten Dienstagnachmittag verlassen – kein Licht dringt nach draussen, eine Klingel fehlt.

Das besagte Haus steht am Fusse des Gstaader Hausbergs Wispile und gehört dem griechischen Milliardär Alkiviades David, von allen nur «Alki» genannt. Er entstammt der Unternehmerdynastie Leventis, die mit dem Vertrieb von Coca-Cola reich geworden ist. Die Zeitschrift «Rolling Stone» schätzte das Vermögen der Familie kürzlich auf 2,8 Milliarden Dollar.

US-Rapper Snoop Dogg über CBD-Öl «made in Switzerland»: «This shit is bomb, man». 

Alki David gilt als der Exzentriker der Familie. Sein Leben – schöne Frauen, wilde Partys, schnelle Autos – zelebriert er tagtäglich auf Instagram, 123'000 Menschen folgen ihm. Beruflich wie privat hat der Abgänger des Schweizer Eliteinternats Le Rosey bewegte Jahre hinter sich. Er versuchte sich als Schauspieler, gründete eine Modelagentur und machte sich zuletzt einen Namen als Käufer von Digitalrechten verstorbener Hollywoodstars, die er mit computergenerierten Hologrammen – quasi als Geister – wieder zum Leben erweckt.

Seit einigen Monaten beschäftigt sich der 51-Jährige aber vor allem um sein neustes Projekt: den Verkauf von legalen Cannabis-Produkten. Dank speziellem Anbauverfahren haben diese Erzeugnisse im Vergleich zu traditionellem Cannabis keine psychoaktiven Substanzen, sondern nur den Wirkstoff Cannabidiol (CBD). Ihm wird ein entkrampfender, entzündungshemmender und angstlösender Effekt nachgesagt – CBD-Produkte sind also gewissermassen alternative Medikamente. Analysten sagen dem legalen Cannabismarkt weltweit ein Milliardenpotenzial voraus. Und von seinem Gstaader Chalet mit dem verbarrikadierten Briefkasten aus will der griechische Milliardär diesen Markt nun erobern.

Tropfen, Blüten, Schokolade

Swissx: So heisst Alki Davids Marke. Das Sortiment umfasst Tropfen, Blüten und sogar Cannabis-Schokolade. Die Preise sind alles andere als bescheiden – ein Milliliter des Hanf-Öls kostet 30 Franken. Kein Wunder, jedes Erzeugnis von Swissx trägt das Versprechen, dass es «exklusiv im Schweizer Bergdorf Gstaad» produziert wurde. Das insinuieren die aufwendig gedrehten Werbespots der Firma.

In Südkalifornien, wo der griechische Lebemann in Malibu eine weitere Immobilie besitzt, stossen die diversen CBD-Produkte offensichtlich auf reges Interesse. Der US-Nachrichtensender Fox News besuchte Anfang Jahr die Neueröffnung einer Swissx-Verkaufsstelle in West Hollywood. «Trendy» und «hip» sei der Laden, schwärmte der Moderator im Beitrag. Der bekannte US-Rapper Snoop Dogg zeigt sich in einer Werbung der Firma kürzlich ebenfalls begeistert vom CBD-Öl «Made in Switzerland» (Zitat: «This shit is bomb, man»). Und Donatella Versace fährt besonders auf die Schokoladenpralinés mit dem CBD-Wirkstoff ab. Ein Foto auf Instagram zeigt die Designerin während einer Shoppingtour in einer Swissx-Filiale.

Exklusiver CBD-Hanf aus Gstaad? Wie kann es sein, dass ein solches Produkt in der Schweiz bisher noch keine Aufmerksamkeit erregt hat? Wie ein Besuch auf der Website von Swissx zeigt, konzentriert sich der Vertrieb aktuell vor allem auf Los Angeles. Dort kann man es in Dutzenden Läden in der Stadt kaufen. Per Onlinebestellung liefert das Unternehmen auch, allerdings erst ab einem Mindestbestellwert von 5000 Dollar. Auf Nachfrage beim in den USA beheimateten Swissx-Pressesprecher – einem Mann namens Owen Phillips – erfährt man allerdings, dass es auch in der Schweiz einzelne Verkaufsstellen gibt, wo man die CBD-Öle im Einzelhandel erstehen kann.

Alles nur ein Witz

Wieso Swissx ihr Zielpublikum vor allem in den USA wähnt, wird klar, wenn man die teils abstrusen Behauptungen auf der Website liest. Swissx gibt an, dass ihr «Masterlabor» im historisch ältesten Chalet von Gstaad beheimatet ist, 1740 erbaut von «einem Hanfzüchter namens Hans Bach». Die 300 Jahre andauernde Tradition sollen zwei Fotos beweisen: Eines zeigt Alki Davids Gstaader Chalet, das andere das vermeintliche historische Abbild von Hans Bach. Recherchen zeigen aber, dass es sich beim Bild dieses vermeintlichen Gstaader Hanfzüchters um den Genfer Theologen Jean Leclerc handelt.

Laut dem Pressesprecher von Swissx war dies die persönliche Idee seines Chefs. «Alki wusste natürlich, dass jeder mit einer Schweizer Ausbildung Leclerc erkennen würde», sagt Phillips. Da von Hans Bach aber kein Bild vorhanden gewesen sei, habe man sich halt doch mit Leclerc ausgeholfen. «Just a kind of joke», erklärt Phillips – alles nur ein Witz.

Fast nichts deutet darauf hin, dass hier jemand einer Geschäftstätigkeit nachgeht.

Ein «Tippfehler» sei laut Phillips eine weitere Ungereimtheit des Unternehmens in einer Anfang Jahr verschickten Medienmitteilung. Dort behauptet Swissx, dass neben einer Reihe von Hollywoodstars auch der Schweizer Ski-Champion und Trainer Peter Zercher auf ihre Produkte abfährt. Bei dieser Person handle es sich aber eigentlich nur um den Skiinstruktor des Internats Le Rosey, sagt Phillips auf Nachfrage. Dieser hat aber sowohl einen anderen Nach- wie Vornamen.

Unklar bleibt auch, wo im Saanenland die laut Firmenwebsite «an reiner Bergluft und reinem Wasser» angebauten Hanfpflanzen gedeihen. Trotz mehrfacher Nachfrage konnte Pressesprecher Phillips den Ort nicht exakt benennen. Recherchen in Gstaad lassen Zweifel aufkommen, dass es diesen Ort überhaupt gibt. «Ich habe keine Kenntnis ­davon, dass jemand hier Hanf anbaut», sagt Saanens Gemeindepräsident und Landwirt Toni von Grünigen (SVP). Auch liege am Standort der Firma keine Bewilligung für ein Labor vor.

In der Gstaader Apotheke, wo man die Swissx-Produkte tatsächlich kaufen kann, weiss der Verkäufer auch nichts von einer CBD-Hanfproduktion in Gstaad. Hier sei nur der Sitz der Firma, die Produktion und der Anbau befinde sich anderswo in der Schweiz, sagt er mit Blick auf die Verpackung. «Swiss made» steht deutlich da drauf. Aber wo genau dies sei, könne er nicht sagen. Da müsse man bei der Firma schon ­direkt anfragen.

«Spass am Arbeitsplatz»

Pressesprecher Phillips behauptet derweil felsenfest, dass in Alki Davids Chalet «Tausende Kilos» Schweizer Hanf mit entsprechender Dokumentation bunkern. Man könne jederzeit vorbeigehen und sich selbst ein Bild davon machen – was beim Besuch aber bekanntlich schiefging. Vor Ort deutet mit Ausnahme des verbarrikadierten Briefkastens nichts daraufhin, dass hier jemand einer Geschäftstätigkeit nachgeht.

Und Alkiviades David? Der griechische Geschäftsmann liess mehrere Anfragen unbeantwortet. Gemäss seinem Insta­gram-Kanal hält er sich derzeit in seiner 20-Millionen-Dollar-Villa in Malibu auf und muss dieser Tage mehrere Gerichtstermine wahrnehmen. Eine ehemalige Angestellte hat ihn angezeigt – sie wirft ihm sexuelle Beläs­tigung vor. Dass er in seinem Büro manchmal ohne Hose herumläuft, gab Alki David in einem Fernsehinterview kürzlich freimütig zu. Das nenne sich Spass am Arbeitsplatz, war sein Kommentar.

Erstellt: 26.08.2019, 06:04 Uhr

CBD – die rechtliche Situation

2016 erlaubte das Bundesamt für Gesundheit den Verkauf von Hanf mit dem Wirkstoff Cannabidiol (CBD). Dutzende Händler und Produzenten witterten in der Folgedas grosse Geschäft. In der ganzen Schweiz öffneten sie ihre Shops.

Im Gegensatz zu anderen Sorten enthält CBD-Hanf fast kein Tetrahydrocannabinol (THC). Dies ist der psychoaktive Wirkstoff, welcher «high» macht. Canna­bidiol-Hanf hingegen hat keinen berauschenden Effekt und fällt somit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Ihm werden vielmehr medizinische Eigenschaften zugeschrieben. Dennoch gelten CBD-Produkte nicht automatisch als Arzneimittel. Lediglich wenn sie als solche angeboten werden, brauchen sie eine Zulassung von Swissmedic. Viele Anbieter weisen auf ihren Websites jedoch aktiv darauf hin, dass ihre Güter aus gesetzlichen Gründen nicht für medizinische Zwecke verwendet werden dürfen. Denn als Produkt ohne medizinischen Zweck fallen sie unter das weniger restriktive Lebensmittelgesetz.

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