Bis das System zusammenbricht

Die Forderung nach Eigenverantwortung im Gesundheitswesen ist nicht zynisch.

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Gesundheit ist ein sehr sensibles Thema. Fast so sensibel wie Geld oder Gerechtigkeit. Kommt alles zusammen, fliegen schnell die Fetzen. Das konnte ich diese Woche erfahren. Etwas flapsig hatte ich auf Twitter beklagt, Bersets Franchisenreform bestrafe nun ausgerechnet jene, die mit der höchsten Franchise auch höchste Eigenverantwortung bewiesen.

Die folgende Diskussion zeigte, dass an dieser Frage ganze Ideologien hängen. «Eigenverantwortung ist nur ein Euphemismus für das Glück, gesund oder reich zu sein», schrieb ein Twitterer. Die Eigenverantwortungsapologeten wollten auf dem Rücken der chronisch Kranken sparen, meinte ein anderer. Einmal mehr siege Egoismus über Solidarität, zeige sich ein zynisches Menschenbild. Denn Eigenverantwortung, das insinuiere doch, chronisch Kranke seien selber schuld.

Ist das wirklich so? Über das Rabattsystem der Franchisen kann man tatsächlich diskutieren. Aber meinen wir «Eigenverantwortungsapologeten» wirklich, wer krank sei, solle selbst zahlen?

Was für ein Humbug. Ein funktionierendes Gesundheitssystem ist eine grossartige Errungenschaft. Die Frage ist, wie viel wir es uns kosten lassen wollen und welche Leistungen es erbringen soll. Am nächsten Tag wurde mir beim Anblick einer Plakatwerbung klar, was ich meine. «Nase frei! Mehr Lebensqualität durch modernere Behandlungen. Kostenübernahme durch die KK», stand da. Medizin als Lifestyle. Wer Leistungen nicht selbst bezahlen muss, dem ist egal, wie viel sie kosten. Oder ob sie nötig sind. Eigenverantwortung heisst, Verantwortung für das System zu übernehmen. Indem man es nur dann und nur dazu nutzt, wozu es gedacht ist.

Aber wer von einem System gezwungen wird, den Lifestyle der anderen zu finanzieren, nimmt es auch selbst in Anspruch. Bis es zusammenbricht. Da ist mir Eigenverantwortung lieber.

Erstellt: 21.08.2015, 10:45 Uhr

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