«Mir fehlen die ersten 20 Jahre meines Lebens»

Alle Macht der Familie, sagen Kesb-Kritiker. Hinsehen und eingreifen, fordert Anja Schär. Geschichte einer verpfuschten Kindheit.

Die Bernerin Anja Schär will ihren Kindern ermöglichen, was sie selbst nie hatte: Eine unbeschwerte Kindheit. Foto: Adrian Moser

Die Bernerin Anja Schär will ihren Kindern ermöglichen, was sie selbst nie hatte: Eine unbeschwerte Kindheit. Foto: Adrian Moser

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Die Welt, in der Anja Schärs Geschichte spielt, scheint weit weg. Wovon sie berichtet, nicht mehr von Belang. Kinderreiche Bauernfamilie in den 60er- und frühen 70er-Jahren. Lange Arbeitstage, kaum Maschinen, wenig Einkommen. Eltern, die fluchen, schimpfen und schlagen. Kinder, die auf dem Hof und Feld schuften. Was sie fühlen, denken, wünschen, niemand fragt danach. Niemand hört ihnen zu. Kinder ohne Kindheit.

Alles weit weg? «Ach was», sagt Annelies Münch, die Anja Schärs Geschichte kennt. Münch hat sich ein Berufs­leben lang für Kinder eingesetzt, als Sozialpädagogin, Leiterin eines Tagesheims, Hochschuldozentin und Kinderlobbyistin. Sie hat in viele Familien hineingesehen und beobachtet heute, wie beispielsweise in städtischen Familien viele Eltern ihr Kind als «Projekt» sehen. Und wehe, die Erwartungen werden nicht erfüllt. «Dann reagieren sie mit Druck, Bestrafung, Erniedrigung und Liebesentzug.»

Also so, wie es Anja Schär als Kind erlebt hat. In ihren kürzlich veröffentlichten Erinnerungen erkennt die Kinderlobby Schweiz ein «Lehrbuch über Kinderrechte».

Psychoterror, physische Gewalt

Viele Jahre nach den traumatisierenden Kindheitserlebnissen sagte ihr eine in Schweden lebende Tante: «Hier hätte ich deinen Vater angezeigt. Bei euch in der Schweiz konnte man einfach nichts tun.» Anja Schär weinte lange, als sie das hört. Viele müssen wissen, was los ist in der Familie, in die sie 1954 hineingeboren wird. Die drei Nachbarsfamilien im Weiler im Zürcher Oberland. Die Leute vom Freizeitclub, der hier ein Gebäude hat. Die reiche Familie aus der Stadt, die das frühere Kurhaus im Weiler als Wochenendhaus nutzt. Der Mann, der die Milch abholt. Der Lehrer, der Tierarzt, der Hausarzt. Wie traurig und eingeschüchtert die Kinder sind, das ist unübersehbar. Doch niemand reagiert.

Der älteste Bruder wird vom Vater unter «enormen Druck» gesetzt, so Anja Schär in ihrem Buch. Eine ältere Schwester weint häufig beim Einschlafen, eine andere am Tisch, wenn sie Schulaufgaben macht, im Rücken die hysterisch kreischende Mutter. Dem schwer behinderten Bruder, der mit 14 Jahren stirbt, sagt die Grossmutter einmal: «Was ist es für ein Glück, dass du gelähmt bist. So lassen sie wenigstens dich in Ruhe.» Pausenlos treiben die Eltern die Kinder zur Arbeit auf dem Hof an, beim kleinsten Missgeschick brausen sie auf. Psychoterror, physische Gewalt, Willkür.

Anja Schär hat als Kind Albträume. Sie schlägt in der Nacht mit den Fäusten gegen die Wand, bis die Finger aufgeschürft sind.

Anja schlägt in der Nacht mit den Fäusten gegen die Wand, bis die Finger aufgeschürft sind.

Lob gibt es nie, egal wie viel die Kinder leisten, es ist nie genug. Der Vater erträgt es nicht, die Kinder glücklich zu sehen. Die Mutter gönnt sich keine Ruhe und glaubt, auch die Kinder hätten kein Recht darauf. Anja und ihre Geschwister dürfen nicht zum Schulfest, Zeit zum Spielen wird ihnen kaum gelassen. Was sie ausserhalb der kleinen Welt des Hofs erleben, interessiert die Eltern nicht. Der Vater und die Mutter schwänzen alle Schulanlässe.

Trotzdem wagen es die Kinder immer wieder, ans Glück zu glauben. Obschon sie wissen, wie riskant es ist. Den Silvester, der so friedlich begonnen hat, vergisst Anja Schär nie: «Gell, Papa, das war jetzt ein schöner Abend.» – «Ja, er wäre ohne dich aber noch schöner gewesen.» Sie sind rar, die «Inseln der Herzlichkeit», wie Anja Schär die guten Momente ihrer Kindheit nennt. Geborgen fühlt sie sich bei der Frau von einem abgelegenen Hof, die sie zur Chilbi mitnimmt. Ein «Sonnenstrahl», der ihr «Mut macht zu leben». Die Sehnsucht nach Liebe nimmt bittere Formen an: Als der Bub der reichen Familie aus der Stadt im Swimmingpool ertrinkt und Anja Schär die «unaufhörlichen Schreie» seiner Mutter hört, «gefällt ihr etwas» an diesen Schreien. «Sie spürt, diese Mutter muss ihr Kind geliebt haben.»

Ein Bild der Eltern ertrug sie nicht

Geschundene Seele, kaputter Körper. Der Schmerz im Knie und linken Oberschenkel brennt seit über einem Jahr. Sie hinkt, doch von den Eltern wird sie nicht geschont, obschon der Lehrer ihnen ins Gewissen redet. In der Schule, im Dorf und auf dem Hof, alle sehen, dass sie kaum noch gehen kann. «Bitte, bitte helft mir», denkt sie, wagt aber nicht, die Worte auszusprechen. Erst als ihr vor dem Pöstler das linke Bein wegbricht, kann die Mutter nicht mehr anders und nimmt sie mit zum Arzt.

Wenigstens für die physische Seite der Tragödie gibt es jetzt eine Diagnose. Die Überanstrengung durch harte körperliche Arbeit hat ihre Probleme mit den Hüften verschärft. Es folgen Monate im Spital und Erholungsheim – die beste Zeit in ihrem noch jungen Leben. Nach der ersten Operation spürt sie die Hände einer Krankenschwester auf den Wangen, «ein intensives, ungewohntes Gefühl». Sie lernt im Spital eine «friedlichere und gerechtere Welt» kennen. Auf dem Nachttisch anderer Kinder steht eine Foto der Familie. Neben ihr ein Bild von Vater und Mutter, das hätte sie nicht ertragen.

«Man drückt dich auf den Boden»

Anja Schär, heute 64, stockt im Gespräch, knetet die Finger und lässt den Blick im Zimmer wandern. Was die Kindheit mit ihr gemacht habe? «Du bist niemand. Man drückt dich auf den Boden und tritt dann auch noch auf dir herum.» Zwischen jeder Formulierung ein paar Sekunden Stille: «Nichtzulassen einer Entwicklung» – «Zerstörung der Persönlichkeit» – «kein Aufbau von Selbstwert» – «Verunsicherung». Und so komme man dann als eine «Ministimme» in die Gesellschaft, wisse nicht, wie anderen Menschen in die Augen schauen, wohin mit den Händen, was reden. Anja Schär bezeichnet sich als «Schwerverletzte».

Mit 37 lässt sie sich umtaufen. Aus Anna wird Anja. Sie will vergessen, was Anna erlebt hat, sie will weniger verletzlich sein als dieses Mädchen, um im Leben zurechtzukommen. Noch einmal vergehen Jahre. Nun drängt es sie, sich Anna wieder zu nähern und über sie zu schreiben, um «den Druck im Kopf» loszuwerden. «Mir fehlen die ersten 20 Jahre meines Lebens. Meine Kindheit war ein Trauma. Trotzdem hat es mich gegeben.»

Damals, als sie als Dreizehnjährige im Spital liegt, hört sie im Radio, dass Gerichtsurteile ans Bundesgericht weitergezogen werden. Manchmal sogar noch weiter, an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Schon damals denkt sie: Und Kinder? Haben sie auch Rechte? Heute sagt sie dezidiert: «Kinderrechte sind Menschenrechte, sie gelten auch in der Familie.» Jedes Kind habe Anspruch auf Ermutigung und Bestätigung, nur so könne es sich entwickeln. Rund um die Familie einen Zaun hochzuziehen, das dürfe nicht sein.

«Wegsehen ist fatal für Kinder»

Das fordern heute aber immer noch einige. Hinter der Kritik an der Kesb steckt häufig die Vorstellung: In der Familie hat der Nachbar nichts zu schnüffeln und der Beamte nichts zu kontrollieren. Alle Macht und Verantwortung der Familie! «Um Gottes willen nein», sagt Anja Schär. «Wie blind muss man sein, um zu glauben, dass alle Eltern lieb sind?» Sie sei als Kind «verloren» gewesen, weil niemand eingegriffen und geholfen habe. «Die Gemeindebehörden haben versagt.» Ihre Eltern hätten dringend Hilfe benötigt. Der Hof, die viele Arbeit, ein schwer behindertes Kind: Es sei die Verantwortung der Gesellschaft und des Staates, überforderte Eltern und ihre Kinder nicht allein zu lassen.

«Wegsehen ist fatal für Kinder», darin sieht Kinderrechtsexpertin Annelies Münch die «stärkste Botschaft» von Anja Schärs Geschichte. Sie sagt aber auch: Hinsehen ja, aber bitte richtig. Münch engagiert sich in Weiterbildungen für die Umsetzung der Kinderrechte und hat dabei auch mit Mitarbeitenden der Kesb zu tun. Sie sei besorgt über den «häufig bürokratischen Geist» in der Behörde. Für diese schwierige Arbeit brauche es «Gespür und Anstand» im Umgang mit den betroffenen Eltern. «Auch Menschen, die sich nicht optimal verhalten, verdienen Respekt.»

Nur mit Medikamenten

Anja Schär selber hat in ihrem Leben nie weggeschaut. Vor vielen Jahren hat sie eine eigene Familie gegründet und zwei eigene Kinder und zwei Pflegekinder grossgezogen. Sie hat alles getan, um ihnen zu ermöglichen, was sie nicht hatte: eine unbeschwerte Kindheit.

Heute, nach vielen Operationen, hat sie künstliche Gelenke in den Hüften. Das Gehen sollte jetzt klappen, ganz normal. Aber ihre Schritte sind noch unsicher. Weil sie es nicht gewohnt ist, normal zu gehen.

Jahrelang war jeder Schritt, der schmerzte, eine Erinnerung an die Kindheit und die Eltern, die inzwischen gestorben sind. In ihren Kindheitsfantasien wollte sie die Eltern erwürgen, damit sie endlich schweigen.

Mit ihnen gebrochen hat sie nie. «Wegen mir, nicht wegen ihnen.» Die Mutter war schon im Altersheim, als Anja Schär versuchte, mit ihr über das Kindheitstrauma zu reden. Die Mutter verstand nicht, wovon sie sprach.

Jeweils an Weihnachten besuchte sie die Eltern zu Hause auf dem Hof. Möglich war das nur, weil sie vorher Medikamente nahm.

Anja Schär: Anna will leben, Verlag Einfach Lesen Bern, 2018.

Erstellt: 19.12.2018, 08:42 Uhr

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