«Frustration ist gross» – Bischöfe wollen heisse Eisen anpacken

Die Kirche diskutiert über Macht, Sexualmoral oder die Rolle der Frau. So soll nach der Missbrauchskrise das Vertrauen zurückgewonnen werden.

Eingreifen, wo es brennt: Bischof Felix Gmür spricht anlässlich einer Wallfahrt der Bischofskonferenz zum Flüeli-Ranft. Foto: Keystone

Eingreifen, wo es brennt: Bischof Felix Gmür spricht anlässlich einer Wallfahrt der Bischofskonferenz zum Flüeli-Ranft. Foto: Keystone

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Es waren zuerst die deutschen Bischöfe, die beschlossen, angesichts der massiven Glaubwürdigkeitskrise nach dem Missbrauchsskandal die Kirche mit einem Dialogprozess zu erneuern. Das Projekt heisst «Synodaler Weg». Doch nun befürchtet der Vatikan einen deutschen Sonderweg, der zum Schisma führen könnte. Die Wogen gehen hoch und drohen den Prozess zu beenden, ehe er begonnen hat. Darum wollen die Schweizer Bischöfe die gleiche Idee vorsichtiger und offener angehen. Wie am Donnerstag Felix Gmür, der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, in Bern vor den Medien erklärte, spreche man lieber von einem «gemeinsamen Erneuerungsprozess». Einen helvetischen Sonderweg schloss Gmür kategorisch aus: Die Einheit mit der Universalkirche bleibe gewahrt. Allerdings greift der Prozess die heissen Eisen der katholischen Kirche auf: sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch, Zölibat, die Rolle der Frau sowie Glaube und Glaubensweitergabe. Die Themen sollen innerhalb von fünf Plattformen mit jeweils zehn bis zwölf Leuten debattiert werden. Eine nicht bischöfliche Steuerungsgruppe wird den bald anlaufenden Prozess über zwei oder drei Jahre gestalten.

«Wir sehen, dass es an gewissen Orten brennt.»Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz

Gmür kann sich vorstellen, dass die Bischöfe am Schluss zu einem Text zuhanden des Papstes ermuntert werden. Ziel aber sei es, die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederzugewinnen, die wegen der Missbrauchsfälle massiv gelitten hat: «Wir sehen, dass es an gewissen Orten brennt. Die Kirchenaustritte erhöhen sich, mancherorts ist die Frustration gross», so der Basler Bischof. Das Schweizer Vorhaben steht im Windschatten des deutschen. Es will ebenfalls die systemischen Faktoren des Missbrauchs, also die heissen Eisen aufgreifen. Doch seit Tagen kommt der deutsche «Synodale Weg» nicht aus den Schlagzeilen heraus. Papst Franziskus hatte im Sommer in einem weitschweifigen Brief das «pilgernde Volk Gottes in Deutschland» zu einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntert. Zugleich warnte er, jede Erneuerung müsse im Einklang mit der Einheit der Weltkirche stehen.

In Deutschland gehen die Wogen hoch

Vor kurzem nun erhielten die deutschen Bischöfe einen scharfen Brief von Kardinal Marc Ouellet, dem Chef der römischen Bischofskongregation. Gestützt auf ein Gutachten des «Päpstlichen Rats der Gesetzestexte» mahnt er die deutsche Teilkirche, sie könne nicht über universalkirchliche Themen wie die Position der Frau entscheiden, die dem kirchlichen Lehramt vorbehalten seien – schon gar nicht mit Beteiligung von Laien.

Seither ist Feuer im Dach der deutschen Kirche. Einige prophezeien das Ende des Prozesses. Kardinal Reinhard Marx indes, Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, schrieb nach Rom ebenso scharf zurück: «Jedenfalls kann ich nicht erkennen, dass und wieso Fragen, zu denen das Lehramt Festlegungen getroffen hat, jeder Debatte entzogen werden sollen.» Auf den helvetischen Erneuerungsprozess hat der Vatikan bislang nicht reagiert.

Erstellt: 19.09.2019, 18:43 Uhr

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