Bitcoin ist für die Schweiz eine Chance

Die Blockchain-Technologie könnte das Internet in eine neue Ära des Vertrauens führen. Der Bundesrat hat das erkannt und befasst sich seriös mit dem Thema.

Crypto Valley: Die Zuger Stadtverwaltung war im Juli 2016 weltweit die erste, welche Bitcoin-Transaktionen zuliess. Bild: Keystone/Urs Flueeler

Crypto Valley: Die Zuger Stadtverwaltung war im Juli 2016 weltweit die erste, welche Bitcoin-Transaktionen zuliess. Bild: Keystone/Urs Flueeler

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Facebook hat uns gerade geschockt: Das soziale Netzwerk ist ein mächtiger Krake geworden, der die Daten der Nutzer kontrolliert. Wie wäre es, wenn es eine neue Generation des Internets gäbe, das dem Nutzer die Kontrolle zurückgibt? Wie wäre es, wenn wir im Internet ohne einen Mittelsmann Handel treiben und Geld tauschen könnten? Die Blockchain-Technologie bietet dieses Potenzial. Aber viele wollen diese Möglichkeiten gar nicht erforschen. Sie nehmen nur die Risiken wahr und werfen den zuständigen Bundesräten gar Naivität vor.

Blockchain funktioniert wie eine Datenbank, die Tatsachen an verschiedenen Stellen aufzeichnet. Zum Beispiel: Wer wem was bezahlt hat, aus welcher Fabrik ein Produkt stammt, wem was gehört. Die Blockchain-Technologie wird das Internet in eine neue Ära bringen; es wird nicht mehr ein Internet der Daten sein, sondern ein Internet der Werte oder des Geldes. Und ein Internet des Vertrauens.

Über eine solche Blockkette könnte ich Geld direkt, sicher und schnell überweisen, ohne Bank oder Kreditkartenunternehmen (die dabei an uns beiden auch noch verdienen würden).Es ist ein politischer und ökonomischer Anachronismus, wenn Rudolf Strahm bei der Blockchain, die als quelloffenes Geschenk an die Menschheit gedacht ist, den Intermediär Bank vermisst (in dieser Zeitung am 3. 4.). Und wenn er beim Versuch, über Bitcoin Kapital aufzunehmen, das grösste Missbrauchspotenzial sieht, weil primär getrieben durch kriminelle Energie.

«Das Thema wird mit grosser Seriosität bearbeitet.»

Wer heute Kapital auftreiben muss, braucht einen langen Atem. Im Falle eines Börsengangs sind viele regulatorische Hürden zu nehmen, was faktisch nur grosse Unternehmen können. Wer sich um private Investoren bemüht, ist genötigt, bei Geldgebern Klinken zu putzen.

Bei Bitcoin ist das anders. Hier wird die eigene Community zum Investor. Es sind somit nicht «Finanz- und Internet-Gambler», wie Strahm schreibt, es sind die künftigen Nutzer, die von Beginn an investieren und somit fest an diese Geschäftsidee glauben.

Crypto Valley in der Zentralschweiz

Ich bin sehr froh, dass wir mit Johann Schneider-Ammann und Ueli Maurer zwei Bundesräte haben, die das Potenzial der Blockchain-Technologie sehen und erst verstehen wollen, wie wir sie zu unserem Vorteil nützen können, bevor wir sie verteufeln. Die Schweiz hat sich in den letzten drei Jahren zum führenden Standort für Blockchain- und Cryptofinance-Technologie entwickelt. Im Crypto Valley zwischen Zug und Zürich, aber auch in anderen Teilen der Schweiz haben sich bereits über 350 Firmen aus dieser Branche niedergelassen. Anders als einst das Internet im Silicon Valley wird die Blockchain-Technologie heute mitten in der Schweiz erfunden. Es ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, dass das eine oder andere Start-up im Crypto Valley dereinst in der Liga von Google, Facebook oder Amazon spielen wird.

Wenn ich mich für die Bitcoin-Blockchain starkmache, dann orientiere ich mich nicht an ihren Blüten, sondern an ihren Wurzeln. Die Blockchain ist öffentlich, jeder kann sehen, wie die Transaktionen ablaufen. Die Bitcoin-Blockchain ist – entgegen den Vermutungen von Herrn Strahm – als radikal-transparentes System aufgebaut.

Grosse regulatorische Herausforderungen

Wir befinden uns aktuell in einer Experimentierphase. Wo die Reise genau hingeht, wissen wir nicht. Aber das wussten wir Mitte der 90er-Jahre in Bezug auf das Internet auch nicht. Strahm äussert sich mit rudimentärem Wissen zu einem Thema, das in der Schweiz von Bund und Branche mit grosser Seriosität, profundem Fachwissen und viel Engagement bearbeitet wird. Seine Aussagen sind destruktiv und stehen in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Vorgängen und Fakten.

In der Bundesverwaltung gibt es eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen, die sich den regulatorischen Herausforderungen der Blockchain annimmt. Parallel dazu hat sich aus privater Initiative eine Taskforce formiert, der über 50 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angehören. Weil der Bundesrat die Relevanz sowohl der Materie wie auch der Taskforce-Teilnehmer anerkennt, hat er sein Patronat über die Taskforce gestellt. Sie will ihre Vorschläge dem Bund bis Ende April unterbreiten.

Ich bin sehr froh über die unternehmerische und positive Einstellung unserer Bundesräte. Wir müssen die Blockchain-Technologie erst verstehen, bevor wir sie kleinreden. Neben dem Crypto Valley, das sich als eigenständiges Ökosystem entwickelt, sind es genau solche Positionsbezüge der Politik, welche der Schweiz ihren Platz als offener und innovativer Forschungs- und Technologiestandort in der Welt sichern werden.

Erstellt: 18.04.2018, 19:52 Uhr

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Ruedi Noser

Ständerat Zürich und Mitglied der Blockchain-Taskforce

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