Bitte durchgreifen, Herr ETH-Präsident!

Mobbing, sexuelles und wissenschaftliches Fehlverhalten: Die ETH muss die Macht der Professoren beschneiden.

Hat die Chance aufzuräumen: Der neue ETH-Präsident Joël Mesot. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Hat die Chance aufzuräumen: Der neue ETH-Präsident Joël Mesot. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die ETH ist bekannt für ihre Nobelpreisträger, die Spitzenforschung, ihre Start-ups, die Robotik. Die ETH ist aber auch bekannt für Mobbing, sexuelle Belästigung und wissenschaftliches Fehlverhalten. Mittlerweile kennt fast jedes Departement seinen eigenen Missbrauchsfall. Zuletzt traf es auch noch die Empa – eine Forschungsanstalt im ETH-Bereich. Insider sprechen noch immer «von der Spitze des Eisbergs».

Der «Tages-Anzeiger» und andere Medien haben einige Vorfälle aufgedeckt, derweil sich die ETH-Mediensprecher als Feuerlöscher betätigen. Es wird gerade so viel kommuniziert wie nötig, meistens ein bisschen weniger, vieles bleibt im Nebulösen. Dabei ist das Problem klar benennbar: Es geht um Machtmissbrauch und schädliche Imagewahrung.

Das Urteil des Doktorvaters entscheidet über die Karriere

Die Macht der ETH ballt sich bei den Professorinnen und Professoren. Sie werden mit den weltweit höchsten Hochschulgehältern und einer vorbildlichen Infrastruktur in die Schweiz gelockt. Ein Professor lehrt, forscht und leitet nicht zuletzt auch eine mittelgrosse Wissenschaftsproduktion. Deren Kerngeschäft sind Publikationen, die sich in möglichst vielen internationalen Journalen drucken und zitieren lassen. Publikationen sind der Diesel, der Hochschulen in den Rankings nach oben treibt.

Für eine optimale Ausschöpfung braucht es fleissige Doktorierende. Sie sind die preisgünstigen Arbeitskräfte der Professoren. Rund 4100 Personen absolvieren zurzeit an der Hochschule ihr Doktorat. Das entspricht einem Fünftel der Belegschaft, Tendenz steigend. Ihre Verträge sind oftmals befristet und dauern so lange, wie sie der Doktorvater für ein spezifisches Forschungsprojekt benötigt. In diesem Verhältnis ist der Professor mächtig. Er agiert als Chef, Mentor, Betreuer, Gutachter in Personalunion. Sein Urteil entscheidet über den weiteren Karriereverlauf, es entsteht eine gefährliche Abhängigkeit.

Mut zur Kündigung gefragt

Die bisherigen Massnahmen der ETH gegen Machtmissbrauch sind mutlos. Die Respekts-Kampagne, die eine korrekte Verhaltensweise propagierte, könnte gar schädlich sein. Sie gaukelte vor, dass Missstände durch das Verteilen von Flugblättern gelöst werden könnten. Die Hochschule sollte es vermeiden, von einzelnen schwarzen Schafen unter den Professoren zu sprechen. Damit verkennt sie die Situation, weil sie auf struktureller Ebene das Wirken der schwarzen Schafe überhaupt erst ermöglicht.

Die ETH sollte es auch nicht dabei belassen, ihre Professoren in Anti-­Mobbing-Kurse zu schicken. Sie sollte deren Macht beschneiden. Eine Mehrfachbetreuung für Doktorierende wäre kein visionärer Ansatz, aber ein effektiver. Er wird längst an anderen Hochschulen erfolgreich praktiziert. Gegen fehlbare Professoren braucht es transparente Untersuchungsverfahren, die diesen Namen verdienen. Das heisst: Keine juristische Bevorteilung mehr für den Beschuldigten, keine einseitige Einsicht ins Untersuchungsprotokoll durch die Professorinnen und ein garantierter Schutz für die Whistleblower.

Die ETH sollte zudem den Mut haben, einem fehlbaren Professor auch einmal zu kündigen, statt ihn nur zum Verlassen der Hochschule zu ermuntern. Das wühlt ein wenig Dreck auf und würde die wissenschaftliche Karriere des Betroffenen beenden. Doch Joël Mesot, der neue ETH-Präsident, hat nun die Chance, es richtig zu machen. Er wird um unbequeme Entscheide nicht herumkommen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 26.02.2019, 21:56 Uhr

Artikel zum Thema

Uni Basel bittet Doktorandin um Entschuldigung

Im Verfahren gegen einen Doktorvater räumt die Universität Mängel ein. Und informiert doch noch. Mehr...

Plagiat und Mobbing: Neue Vorwürfe erschüttern die ETH

Ein Professorenpaar soll an der Empa Mitarbeiter schikaniert haben. Zudem untersucht die Hochschule wissenschaftliches Fehlverhalten. Mehr...

ETH-Verfahren: «Das ist ein Schlag ins Gesicht der Frauen»

Die Betroffenen in der Untersuchung um sexuelle Belästigung an der ETH fühlen sich im Stich gelassen. Eine Anwältin will klagen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Sweet Home Oh, Olive!
Tingler Der Zauber der Deduktion
Geldblog Bell leidet wegen Schweinepest

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Schlamm drüber: Ein Goalie versucht einen Penalty beim Schlamm-Faustballturnier in Pogy, das 60 Kilometer hinter St. Petersburg liegt, zu halten (22. Juni 2019).
(Bild: Dmitri Lovetsky) Mehr...