Wegen Melkroboter: Walliser Käser lehnen seine Milch ab

Für Bauer Bregy sollte es eine Investition in die Zukunft sein. Doch nun misstrauen die Racletteure seinem Roboter. Qualitätskontrolle oder nur Markenpflege?

«Ich habe mehr Zeit für die Tiere, weil ich weniger mit Melken eingespannt bin»: Bauer Herbert Bregy mit Kühen in Turtmann im Oberwallis. Bild: Pedro Rodrigues

«Ich habe mehr Zeit für die Tiere, weil ich weniger mit Melken eingespannt bin»: Bauer Herbert Bregy mit Kühen in Turtmann im Oberwallis. Bild: Pedro Rodrigues

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Im Januar kamen die Monteure und installierten den Roboter. Die Vollversion, kein Sparmodell. «Ich wollte alles, was die Technik hergibt», sagt Herbert Bregy auf seinem Hof in Turtmann VS. Dampfreinigung der Zitzenbecher, Kontroll-App auf dem Handy. «Nicht dass ich in vier Jahren denke: hätte ich doch.»

Das hat etwas gekostet, eine Viertelmillion Franken. Der Vater sei erst misstrauisch gewesen, sagt Bregy – so viel Geld. «Aber ein Mitarbeiter im Stall kostet auf Dauer auch viel. Und der Roboter ist nie krank, muss nie ins Militär.» Das rechne sich. Man müsse am richtigen Ort investieren: «Viele Bauern wollen ja einen grossen Traktor, weil, den sehen die Leute.» Dabei sei die Molkerei im Stall viel wichtiger. «Wobei, ich habe auch einen ziemlich schönen Traktor.»

Herbert Bregy ist 44 Jahre alt, Familienvater. Sein markanter Kopf ist kurz geschoren, seine Statur athletisch, er spricht klar und selbstbewusst. Den Hof hat er vom Vater übernommen, auf Bio umgerüstet. Die Eltern wohnen noch da, er selber mit Familie etwas entfernt.

«Lely Astronaut» übernimmt

Seit Januar muss Bregy nicht mehr dabei sein, wenn seine 40 Kühe gemolken werden. Das besorgt der «Lely Astronaut», den ganzen Tag hindurch. Ist eine Kuh melklustig, betritt sie die Melkecke am Rand des Stalls. Der Roboter erkennt jedes Tier am Transponder, den es am Halsband trägt. Steht die Kuh richtig, fährt der Automat kleine Bürsten aus, reinigt ihr die Zitzen, zwecks Hygiene und Stimulation des Milchflusses. Dann docken vier rote Melkbecher an, lasergelenkt. Die Kuh lässt es geschehen, konzentriert sich auf die Portion Kraftfutter, die ihr der Roboter ausgibt. Ist das Euter leer, trottet sie durchs Gatter weg, die Anlage desinfiziert sich.

Eines wisse er, sagt Bregy, auch ohne Dauerpräsenz im Stall: Seine Milch sei hervorragend. «Das sagen alle meine Daten, und so viele Daten wie heute hatte ich nie.» Der Roboter melkt nicht nur die Kühe, sondern analysiert auch deren Milch. Die Zellzahlen stimmten, die Keime seien weit unter allen Richtwerten, wunderbar, weisse Pracht. Dass irgendwer denken könne, seine Milch stelle ein Risiko dar, sei absurd.

Doch genau so ist es. Bregys Stammkäserei in Turtmann will seine Milch nicht mehr zu Raclette verarbeiten, seit der Roboter in Betrieb ist. Denn die Sortenorganisation Walliser Raclette AOP schreibt vor: «Der Einsatz von Melkrobotern für ein kontinuierliches Melken ist verboten.» So haben es die Delegierten im April beschlossen. Nun muss Bregy seine 1000 Liter Biomilch am Tag als Industriemilch abgeben, manchmal kann die Käserei noch Tomme herstellen, Mutschli. Das bringt Bregy Verluste – für Bio-Raclette-Milch erhalte er fast einen Franken, sagt er, für Industriemilch nur die Hälfte. «Wir haben etwa 100'000 Franken Verlust im Jahr. Unsere Existenz ist bedroht.»

Ranziger Käse

Der Entscheid der Sortenorganisation hat mit Bregys Roboter zu tun. Früher seien Melkroboter «kein Thema» gewesen, sagt Urs Guntern, Direktor von Walliser Raclette. Als der Organisation aber zu Ohren kam, dass Bregy einen Automaten anschaffe, handelte sie: «Wir haben dem Bauern geraten, auf die Investition zu verzichten.» Dann fällte sie ihren Grundsatzentscheid, als Orientierungshilfe für weitere Robotik-Interessierte. Tu es nicht.

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Der Beschluss sorgt für Aufsehen – und Amüsement. Wer Melkroboter verbiete, sei ein «Ewiggestriger», spottete der einstige SP-Präsident Peter Bodenmann (ein Walliser) in der «Weltwoche». Die technophoben Racletteure behinderten innovative Unternehmer. Auch der Verband der Schweizer Milchproduzenten ist skeptisch: «Die Qualität muss stimmen, sicher, doch man sollte sich diesen neuen Systemen nicht verschliessen», sagt Sprecher Reto Burkhardt. Für einen jungen Bauern sei der Roboter «eine Perspektive, um effizient zu produzieren».

Das Problem an der Robotermilch: Sie kann beim Käsen ranzig werden. Je öfter eine Kuh innert 24 Stunden gemolken wird, desto höher wird die Fettspaltung in der Milch. «Das wissen wir schon von Handversuchen aus den 1970ern», sagt Ernst Jakob von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Das Resultat ist freie Buttersäure, was Geruch wie Geschmack beeinflussen kann.

Der Roboter dockt selber an und desinfiziert sich hinterher. Bild: Pedro Rodrigues

Agroscope nahm sich des Problems an, nachdem in der Gruyère-Produktion ranzig schmeckende Käse aufgetaucht waren. Man kam einem Bauern auf die Schliche, der zwei Melkroboter hatte und dessen Kühe teilweise alle vier oder fünf Stunden gemolken wurden. «Diese hohe Kadenz veränderte die Qualität der Milch», sagt Jakob.

Agroscope stellte versuchshalber einen Käselaib nur aus Kurzintervall-Robotermilch her – und dabei stank es nach Buttersäure. Nach einer Vergleichsstudie verbot die Sortenorganisation Gruyère im Jahr 2012 alle Melkroboter. Gruyère mache keine Kompromisse bei der Qualität, hiess es. Auch bei Emmentaler und Appenzeller gelten strenge Auflagen bezüglich Melkrobotern, und in Frankreich sowieso.

Dem schliesst sich Walliser Raclette nun an. «Die Milchqualität steht bei uns an oberster Stelle», sagt Urs Guntern. Gerade weil fürs Walliser Raclette Rohmilch zu Käse verarbeitet werde. Die Sortenorganisation betont aber, sie habe kein Verbot erlassen. Wer maximal zwei Gemelke in 24 Stunden einhole, dürfe weiter Roboter einsetzen. Doch Bauer Bregy reicht das nicht. Er hat ein Acht-Stunden-Intervall eingestellt: Will eine Kuh öfter gemolken werden, schickt der Roboter sie weg. Dieser Abstand genügt laut Hersteller, um Ranzigkeit zu verhindern. Bregys Kühe kommen im Durchschnitt 2,4-mal am Tag zum Melken. Weniger sei «nicht tierfreundlich», sagt er.

Der Natur immer ähnlicher

Das Tierwohl sei wichtig, sagen Roboterfans. Die Tiere wählen selber, wann sie gemolken werden. Hersteller Lely nennt es das «Prinzip des freien Kuhverkehrs», der Konkurrent DeLaval «Voluntary Milking System». Bregy denkt, dass seine Herde den Roboter schätze. «Zu pralle Euter gibt es nicht mehr», die Tiere seien ruhiger. Es gibt Leute, die den Melkroboter für natürlicher halten als bisherige Melkpraktiken. Kälber würden ja auch ständig gesäugt, nicht nur morgens und abends. Gute Roboter werden der Natur ähnlicher, nicht fremder.

Veränderungen nimmt Herbert Bregy aber auch an sich wahr. «13 Jahre lang bin ich jeden Morgen um 03.15 Uhr aufgestanden.» Beim Nachtessen sei er am Tisch eingeschlafen. Heute könne er auch um 6 Uhr zur Arbeit, öfter nach den Kindern schauen. «Ich bin freier.»

Melkroboter sind in der Schweiz seit bald 30 Jahren auf dem Markt. Der Start war zögerlich, doch im Moment seien die Bauern «kauffreudig», sagt Tiziano Ziliani von der Firma Lely. Total sind laut dem Verband der Milchproduzenten rund 800 Melkautomaten im Einsatz, das wären 4 Prozent der Milchbetriebe. In den Niederlanden sind bereits 25 Prozent der Betriebe roboterisiert.

Die gläserne Kuh kommt

Der Schweizer Konsument mag diese Entwicklung kritisch sehen. Unser Bild des Bauern ist das des aus der Zeit gefallenen Traditionsarbeiters, der die Kühe von Hand melkt und den Käse lustig zu Tal rollt. Dass die Realität von Milch und Fleisch industrieller ist, verdrängen wir.

Wie jede Industrie ist auch die Landwirtschaft im Griff der Digitalisierung. Der Sender an Herbert Bregys Kühen erhebt Daten, misst etwa die Wiederkäutätigkeit, Bregy zeigt es im Stall am Computerschirm. Verliert man ob all der Daten nicht das Gefühl für die Tiere? «Nein, ich habe jetzt mehr Zeit für sie.»

So viel Zeit muss sein

Ist Robotermilch nun schlecht oder nicht? «Wenn Melkpausen von acht Stunden eingehalten werden und der Roboter gut gewartet ist, spricht nichts gegen die Technologie», sagt Ernst Jakob von Agroscope. Tatsächlich sei ein gut betriebener Melkroboter alten Rohrmelkanlagen hygienetechnisch überlegen. Roboterverbote scheinen also eher der Markenpflege als der Qualitätskontrolle zu dienen. Man signalisiert den Bauern, dass sie beim Melken anwesend sein sollen. So viel Zeit für die Marke muss sein.

Für Herbert Bregy war Raclette immer wichtig, für den Vater auch. «Können Tradition und Innovation nicht zusammengehen?» Er sei gern Bauer und wolle es bleiben. «Aber nicht im Nebenerwerb. Ich will leben davon.»

Erstellt: 10.07.2018, 08:56 Uhr

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