«Blabla»-Frauen am Berg, Protest-Mails im Postfach

Die Chefredaktorin der SAC-Zeitschrift entschuldigt sich für einen Cartoon, der Frauen beim «Nordic-Talking» zeigt.

Die umstrittene Karikatur erschien in der Mai-Ausgabe der SAC-Zeitschrift.

Die umstrittene Karikatur erschien in der Mai-Ausgabe der SAC-Zeitschrift.

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Die Frauen schnattern und kichern, «Blabla» eben, ihre Körperformen sind teils überzeichnet, Stirnbänder und Mützen ins Gesicht gezogen, dazu der Satz: «Eine bei Frauen sehr beliebte Sportart: das Nordic-Talking.»

Ist das lustig? Nein – finden zumindest jene, die sich beim Schweizer Alpen-Club (SAC) beschwert haben, nachdem diese Zeichnung des deutschen Cartoonisten und Bergführers Georg Sojer in der Mai-Ausgabe der Vereinszeitschrift «Die Alpen» erschienen war. Der Tenor: «Frauenverachtend», «unterste Klischeeschublade», «hausfrauenabwertend».

Nun hat der SAC reagiert. In der jüngsten Ausgabe seiner Zeitschrift entschuldigt sich Chefredaktorin Alexandra Rozkosny. Sie könne den Ärger gut nachvollziehen, schreibt sie. Sojer kennt den Bergsport seit mehr als 30 Jahren, vom SAC hat er vor drei Jahren die Rolle des «Hofnarren» erhalten, der mit spitzer Feder die Phänomene des Bergsports darstellen soll.

«Es ist nicht in unserer Absicht, einzelne Bevölkerungsgruppen oder Frauen generell abzuwerten. Die Publikation war ein blöder Fehler.»Alexandra Rozkosny, Chefredaktorin «Die Alpen»

Dabei dürfe er sich, so Rozkosny, auch über einzelne Situationen oder Klischees «lustig machen», also auch über «eine Frau oder Frauen in einer bestimmten Situation». «Jedoch ist es nicht in unserer Absicht, dabei einzelne Bevölkerungsgruppen oder gar Frauen generell abzuwerten. Dies ist aber mit dem Cartoon leider passiert.» Rozkosny schreibt von einem «uralten Machoklischee».

50 Reaktionen – doch wie denkt der Rest?

Rund 50 schriftliche Reaktionen sind beim SAC eingegangen. Das sei unüblich viel, sagt Rozkosny. Normalerweise gebe es zu Heftinhalten eine bis fünf Rückmeldungen. Inwieweit die skizzierte Empörung über den Cartoon im Verein mit seinen 150'000 Mitgliedern geteilt wird, ist freilich unklar. Gibt der SAC dem Druck einer – womöglich kleinen, aber lauten – Gruppe nach und beschneidet unter dem Eindruck der Genderdebatte, die mit dem Frauenstreik am 14. Juni ihren vorläufigen Höhepunkt erfahren hat, vorschnell die künstlerische Freiheit seines Cartoonisten? Rozkosny findet nicht. Das Thema Frauen sei spezifisch im SAC und im Bergsteigen mit einer langen, belastenden Geschichte verbunden. «Verständlich also, dass die Mitglieder – auch viele Männer – hier ein speziell feines Sensorium haben», sagt Rozkosny.

Der SAC war über Jahrzehnte hinweg eine Männerbastion. Gegründet wurde er 1863 – von 35 Herren im Bahnhofbuffet Olten. Danach nahmen einzelne SAC-Sektionen auch Frauen auf – freilich zum Ärger des Central-Comités, das sich fortan weigerte, den Damen nationale Mitgliederausweise auszustellen. Ab 1907 schloss der SAC Frauen ganz aus. Elf Jahre später gründete die Frauen ihren eigenen Club, den Schweizerischen Frauen-Alpen-Club (SFAC), sahen sich aber noch Jahrzehnte teils als «Zirkusrösser», «Mannsweiber» oder «Kuriosum» tituliert. Es dauerte dann bis 1980, ehe Frauen dem SAC als vollwertiges Mitglied beitreten konnten. Heute liegt der Frauenanteil bei 38 Prozent, er steigt seit Jahren überproportional an.

Cartoon ohne Textzeile unproblematisch?

Sojer eckt mit seinen Zeichnungen offenbar nicht zum ersten Mal an. Bereits 2006 hat er in einem Interview mit einer Bergzeitschrift von einem Vorfall erzählt. Dabei war umstritten, ob er eine Frau im Rahmen einer Reanimation mit entblösstem Oberkörper darstellen darf. Er durfte – bis auf die «Vitalcheck»-Zeichnung, da ja zu diesem Zeitpunkt der Brustkorb noch nicht freigelegt sein muss. Er habe, so erzählte Sojer, der Dame «das T-Shirt wieder dezent über die Steine des Anstosses gezogen».

Rozkosny übernimmt die volle Verantwortung für die Publikation des Cartoons. Bleibt die Frage, warum sie ihn überhaupt veröffentlicht hat? «Es war ein blöder Fehler», sagt Rozkosny. Sie habe in der Hektik der Produktion die Textzeile übersehen. «Der Cartoon an sich wäre in meinen Augen nicht problematisch gewesen.» Ohne Text könne man ihn auch gegenteilig auffassen: dass es Frauen lustiger in den Bergen hätten.

«Kein Maulkorb»

Rozkosny will künftig «noch genauer hinschauen» und sich bei Sojer melden, wenn «wir das Gefühl haben, der Cartoon unterschreite eine ethische Linie». Aber nein, sagt Rozkosny, «es gibt keinen Maulkorb» für den Mann, der in Interviews auch schon für seine «genialen Cartoons und technisch perfekten Illustrationen zu allen Bergsportthemen» Lob erhielt.

Was Sojer vom Vorgehen des SAC hält, lässt sich nicht aus erster Hand erfahren, auf eine schriftliche Anfrage dieser Zeitung hat er nicht reagiert. Rozkosny sagt, sie habe Sojer vorgängig über die Stellungnahme informiert, er sei damit einverstanden gewesen.

Erstellt: 24.07.2019, 10:43 Uhr

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