Blackbox Menschenhandel

Am europäischen Tag gegen Menschenhandel wird einem einmal mehr bewusst, wie wenig man über das Thema weiss – gerade in der Schweiz.

Wie viele Menschen in der Schweiz als moderne Sklaven ausgebeutet werden, ist völlig unklar. Bild: Demonstration gegen Menschenhandel vom vergangenen Wochenende in Bern.

Wie viele Menschen in der Schweiz als moderne Sklaven ausgebeutet werden, ist völlig unklar. Bild: Demonstration gegen Menschenhandel vom vergangenen Wochenende in Bern. Bild: Peter Schneider/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als «Tatort» funktioniert Menschenhandel fast immer, zuletzt bei den grossartigen Wienern. Dort beschäftigte der schmierige Zuhälter in «Kunst des Krieges» gleich ein ganzes Heer von Zwangsarbeitern aus dem Osten. Putzfrauen, Hausabwarte, Prostituierte.

Es war ein Wiedererkennen: Menschenhandel, ja klar. Ein Problem in Österreich, ein Problem in der Schweiz. «Nicht nur irgendwo im fernen Ausland werden Menschen verkauft, es passiert auch hier in der Schweiz», hiess es in einem Text auf SRF.ch zum heutigen europäischen Tag gegen Menschenhandel.

Nur, was das genau heisst, dass «in der Schweiz Menschen verkauft werden», wird nicht ganz klar. Vor vier Jahren hat die Schweiz einen Aktionsplan gegen Menschenhandel gestartet, diese Woche veranstaltet Interpol eine Konferenz zum Thema im Tessin, Gast wird auch Justizministerin Simonetta Sommaruga sein.

Das Thema ist präsent, und ist es doch wieder nicht. Denn zwischen Wahrnehmung und Fakten klafft eine ziemlich grosse Lücke. Ein paar Fragen und nur wenige Antworten zum Menschenhandel:

Wie läuft das ab?

Ziemlich banal: Menschen in einer Notlage werden unter Vortäuschung von falschen Tatsachen («Du darfst studieren, du arbeitest in einem Restaurant») in die Schweiz gelockt. Wo sie dann ganz etwas anderes machen müssen. Sich als Prostituierte verkaufen, in einem Haushalt putzen, auf dem Bau arbeiten.

Wann redet man von Menschenhandel?

Gemäss dem «Palermo-Protokoll», einem Zusatzprotokoll zum UNO-Abkommen gegen Menschenhandel von 2006, braucht es dazu drei Faktoren:

  • Aktion (Anwerben von Menschen – meist in einer Notlage)
  • Mittel (Gewalt, Täuschung, das Ausnutzen der Hilflosigkeit der Menschen)
  • Zweck (sexuelle Ausbeutung, Ausbeutung der Arbeitskraft, Entnahme von Organen)

Wie viele Menschen werden in die Schweiz verkauft?

Das weiss niemand genau. Es gibt Schätzungen des Bundesamts für Polizei (Fedpol) aus dem Jahr 2000, die aber niemand mehr benutzt, sagt Rebecca Angelini von der Schweizer Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) – zu wenig aussagekräftig. In ihrer Fachstelle werden jährlich 230 Fälle unterstützt, zu 90 Prozent sind das Frauen, zu 90 Prozent werden sie in der Prostitution ausgebeutet. «Das hat damit zu tun, dass in den vergangenen Jahren in diesem Bereich viel besser hingeschaut wurde.» In verschiedenen Kantonen gibt es speziell ausgebildete Polizisten, die bei Kontrollen im Milieu auf die Thematik achten. Extrapolieren lässt sich diese Zahl nicht. Es ist eine Dunkelziffer im Wortsinn. Angelini: «Wir wissen schlicht nicht, wie gross das Phänomen ist.»

Gibt es weltweite Zahlen?

Ja, die sind aber ähnlich nichtssagend wie jene aus der Schweiz. In einem Bericht vom November 2014 spricht die UNO von weltweit 40’000 registrierten Fällen von Menschenhandel, die EU weist für das Jahr 2010 knapp 10’000 Fälle aus.

Woher kommen diese Frauen, die in die Schweiz verkauft werden?

Die meisten stammen aus Osteuropa und arbeiten darum nicht schwarz in der Schweiz – sondern ganz legal. Hauptherkunftsländer sind, nach dem Osten Europas, Thailand, Brasilien, der Westen Afrikas. Angelini: «Bei diesen Menschen kommt erschwerend hinzu, dass sie meist in der Illegalität arbeiten müssen.»

Warum melden sich nicht mehr bei den Behörden?

Weil sie unter Druck stehen. Weil sie nicht genau wissen, wo sie sich melden sollen. Weil sie sich selber nicht als Opfer definieren – weil sie die hiesige Rechtslage nicht kennen. «Es ist mit extremem Glück verbunden, wenn diese Menschen als Opfer erkannt werden», sagt Angelini.

In welchen Bereichen ausser der Prostitution gibt es in der Schweiz Menschenhandel?

Belegt sind vom FIZ einzelne Fälle in der Hausarbeit. Vermutet werden viele in der Baubranche, der Gastronomie und der Landwirtschaft. In einer vom Fedpol in Auftrag gegebenen Studie der Universität Neuenburg vom Frühling 2016 werden diese Branchen als jene identifiziert, in denen die Gefahr von Arbeitsausbeutung am grössten ist. Quantitative Angaben werden in der Studie allerdings nicht gemacht. «Die Studie verdeutlicht, dass es an theoretischen Instrumenten zur Opferidentifikation mangelt.»

Sind auch Männer und Kinder betroffen?

Ziemlich sicher ja. In der Baubranche vor allem und in der Landwirtschaft. Nationalität und Geschlecht korrelieren mit den betroffenen Wirtschaftsbranchen, heisst es in der Studie der Universität Neuenburg. Nur ist das Problem auch hier: Weil nicht genau hingeschaut wird, weiss man nicht genau, wie viele Männer und Kinder in die Schweiz verkauft werden, um auf dem Bau oder einem verlassenen Bauernhof irgendwo im Prättigau zu arbeiten.

Erstellt: 18.10.2016, 19:00 Uhr

Artikel zum Thema

Ex-Sexsklavin wird Botschafterin der UNO

Eine 23-jährige Jesidin wurde im Irak sexuell ausgebeutet und verkauft. Nun ernannte die UNO sie zur Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel. Mehr...

Schlepperei ist profitabler als Drogenhandel

Mit Menschenhandel wird weltweit mehr Geld gemacht als mit illegalen Drogen und Waffen. Zu diesem Schluss kommt die EU-Grenzschutzagentur Frontex. Mehr...

Schweizer Hilfe fällt bulgarischen Intrigen zum Opfer

Die Schweiz will in Bulgarien den Menschenhandel bekämpfen. Doch das mit Bundesgeldern finanzierte Projekt droht zu scheitern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...