«Berlusconisierungs»-Angst in der Schweiz

Mit dem Kauf von 25 Gratis-Wochenzeitungen weckt Christoph Blocher Bedenken im Land.

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Millionen Haushalte erhalten regelmässig Post von der grössten Schweizer Partei – ob sie wollen oder nicht. Das Extrablatt der SVP landet seit 2012 im Schnitt mehr als einmal jährlich in den Briefkästen von Herrn und Frau Schweizer. In Zukunft werden rund 720 000 Haushalte deutlich regelmässiger ein von Christoph Blocher finanziertes Medienerzeugnis zugeschickt bekommen – so hoch ist die kombinierte Auflage der 25 Gratis-Wochenzeitungen des Ostschweizer Zehnder-Verlags. Dieser wurde gestern von der BaZ Holding übernommen, die zu einem Drittel Christoph Blocher gehört. Die anderen beiden Drittel gehören Verwaltungsratspräsident Rolf Bollmann sowie Markus Somm, dem Chefredaktor der «Basler Zeitung» (BaZ). Wie zu erfahren war, wurde die Übernahme durch Blochers Firma Robinvest finanziert.

Blocher erklärte in einer Mitteilung des Zehnder-Verlags, dass er mit der Übernahme keine politischen Ziele verfolge. Die Gratiszeitungen gehörten zu einem Segment, in dem die politische Berichterstattung nur einen kleinen Stellenwert habe. «Die Redaktionen sind unabhängig», betonte Blocher. Als neuer Chef des Zehnder-Verlags ist Rolf Bollmann vorgesehen. Dieser verneint im Gespräch mit dem TA eine politische Mission: «Wir verfolgen kein politisches Ziel.»

Infografik: Medientitel im Besitz der BaZ HoldingGrafik vergrössern

Vielmehr argumentiert der Medienmanager ökonomisch. Die Nachfrage nach Inseraten sei in lokalen Zeitungen nach wie vor gross. «Wir glauben an die Kraft des gedruckten Worts in der Zeitung», sagt Bollmann. Mit der Übernahme könne auch die BaZ geschützt werden. Es sei zwar keine Querfinanzierung geplant, aber die Holding stehe dank der Übernahme neu auf einer breiteren Basis. Zum Kaufpreis machte Bollmann keine Angaben.

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Was hat Christoph Blocher mit den gekauften Gratiszeitungen vor?






Laut Bollmann ist nicht vorgesehen, dass BaZ-Chefredaktor Somm in den Gratistiteln zu lesen sei. Man werde zwar versuchen, die Blätter qualitativ zu verbessern. «Aber wenn wir sie jetzt zu SVP-Kampfblättern oder SVP-Extrablättern umbauen würden, hätten wir ein Problem bei den Werbekunden.»

Dramatisch geschrumpft

Ein Problem hat die BaZ derweil an ihrem Hauptsitz. Rund sieben Jahre sind vergangen, seit die Zeitung unter Chefredaktor Markus Somm einen stramm rechten Kurs verfolgt. Somm sagt zwar, die BaZ schreibe heute schwarze Zahlen. Die Zeitung ist aber dramatisch geschrumpft: 2010, als Somm sein Amt als Chefredaktor antrat, betrug die Auflage 83 000 Exemplare. Heute sind es noch rund 48 000. Und die von Somm und seinen Redaktoren herbeigeschriebene «bürgerliche Wende» in Basel-Stadt blieb auch nach den letzten Regierungswahlen im vergangenen Herbst aus. Der Stadtkanton ist weiterhin fest in rot-grüner Hand. Und Markus Somm selber? Der hat publizistisch ganz andere Ambitionen. Er möchte weg von der BaZ und bei einer Zeitung mit grösserer Ausstrahlung unterkommen. Das beweist sein gescheiterter Versuch, NZZ-Chef­redaktor zu werden.

«Wir glauben an die Kraft des gedruckten Worts in der Zeitung.» Rolf Bollmann, designierter Zehnder-Chef

Auf Eis gelegt ist derweil das BaZ-Projekt einer nationalen Gratis-Sonntagszeitung. «Die Motivation ist derzeit nicht gross, diese Pläne weiterzuverfolgen», sagt Bollmann. Der Sonntagsmarkt sei dafür zu gesättigt, die Werbeeinnahmen gingen stark zurück.

Mit dem Kauf des Zehnder-Verlags nimmt Blocher einen eigentlichen Strategiewechsel vor: Die neuen Titel werden vor allem in ländlichen Gebieten und Agglomerationen der Ostschweiz und des Mittellands gelesen, während sich die BaZ an ein urbanes Publikum wendet. Damit eröffnet sich Blocher auf einem bisher politisch kaum beackerten Feld eine grosse Leserschaft.

Über weitere Übernahmepläne der BaZ kann nur spekuliert werden. Im Moment gibt es laut Bollmann keine – man entscheide aber «von Fall zu Fall», sagt der Medienmanager.

Übernahme weckt Ängst bei Politikern

Auch wenn Blocher politische Absichten verneint, zeigt sich die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher besorgt. «Damit ist bewiesen, was wir schon lange befürchten: Einzelne Milliardäre mit Parteibuch versuchen, die vierte Gewalt auszuhebeln.» Diese erneute Übernahme zeige, wie akut die Medienvielfalt in der Schweiz gefährdet sei.

Ähnlich sieht das die Zürcher CVP-Nationalrätin Kathy Riklin und befürchtet italienische Zustände: «Das ist wie bei Berlusconi vor ein paar Jahren.» Der Trend könne schon länger beobachtet werden. Blocher versuche, Medien zu kaufen, um an politischem Einfluss zu gewinnen. Man sehe bei der Basler Zeitung (BaZ), was das bedeute. «Dort wird viel Verdrehtes publiziert, solange damit die eigene politische Meinung gestützt werden kann.»

Der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen beurteilt die Lage hingegen weit weniger dramatisch. «Soweit ich das beurteilen kann, handelt es sich bei den gekauften Gratistiteln um sehr lokale Zeitungen.» Solange die publizistische Unabhängigkeit ihrer Redaktionen gewahrt bleibe, gebe es keinen Grund, den Konsolidierungsprozess zu kritisieren. «Ich habe eher Angst davor, dass die Medien an den Staatstropf gehängt werden, als dass der eine oder andere Titel den Besitzer wechselt», sagt Wasserfallen. Wenn der Staat Gelder verteile, bestehe die Gefahr politischer Einflussnahme. Die Mediengewerkschaft Syndicom bezeichnete es schliesslich als «bedenklich, wenn ein Politiker und Milliardär in grossem Ausmass Medien kontrollieren kann».


«Der König der Gratiszeitungen»

Umsatzmässig gehört Zehnder nicht zu den grossen Namen in der Schweizer Verlagsszene. Doch die Auflage ist stattlich: Insgesamt erreicht der Verlag mit seinen 25 Titeln 726'000 Leser, wobei die 2017 gestartete «Unterland Zeitung» noch nicht einmal eingerechnet ist. Der Zehnder-Verlag sei mit seinem Wochenzeitungs-Verbund durchaus relevant, sagt Manuel Puppis, Professor für Medienökonomie an der Universität Freiburg. Die Gratisanzeiger böten vor allem Information über das lokale Geschehen, Veranstaltungshinweise und Service­seiten. «Ökonomisch gesehen, gibt es ­sicher grössere Akteure in der Presselandschaft, doch für das lokale Gewerbe sind die Zeitungen wichtige Werbeträger, um ihre Kundschaft zu erreichen.»

Der Verlag prägt die Regionalzeitungslandschaft seit Jahrzehnten. In der Branche wurde der langjährige Patron Rolf-Peter Zehnder oft als «König der Gratiszeitungen» bezeichnet, weil er Titel um Titel gründete. Unter seiner Ägide fuhren die Blätter einen rechtskonservativen Kurs. Sie waren zeitweise auch angehalten, Texte von «Verlags­redaktor» Charly Pichler abzudrucken, der die Redaktionen mit Kolumnen, Lebenshilfe («Doktor Eros», «Ratgeber») und auch reisserischen Politgeschichten belieferte. Für grosses Aufsehen sorgte die Geschichte über einen Asylbewerber («Mechmed Z. liebt unsere Gesetze»), der angeblich 6000 Franken pro Monat vom Staat kassierte. Der Fall, den die «Weltwoche» übernahm, trug Pichler eine Rüge des Presserats ein. Auch mit dem Antirassismus-Artikel kam der gebürtige Tiroler schon in Konflikt.

Im November 2015 gab der Verlag den Zeitungsdruck auf. Der Bereich verzeichne Überkapazitäten, gab der Verlag damals bekannt. Die Marktpreise seien unter enormem Druck. Seither werden die Zeitungen im Druckzentrum der Tamedia (die auch den TA herausgibt) hergestellt. Das Zeitungsgeschäft führt inzwischen Andreas Zehnder, der Sohn des Patrons. Rund 190 Angestellte hätten in den letzten Jahren «trotz stark rückläufigem Markt eine stabile Umsatzentwicklung erzielt», schrieb dieser gestern in einer Mitteilung. (fko/pak) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2017, 06:42 Uhr

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