Blocher–Köppel ungeschminkt

Hildebrand-Affäre: Es ist wichtig, dass nichts vertuscht wird.

Roger Köppel (l.) und Christoph Blocher während einer SVP-Veranstaltung im März 2015. Foto: Keystone

Roger Köppel (l.) und Christoph Blocher während einer SVP-Veranstaltung im März 2015. Foto: Keystone

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Wer hat im bislang schlagzeilenträchtigsten Schweizer Politskandal des Jahrzehnts die Strippen gezogen? Und ist Christoph Blocher der heimliche Blattmacher der «Weltwoche»? Solche Fragen darf man sich kaum stellen, wenn es nach Journalistenkollegen geht. Geschweige denn beantworten, zumindest nicht mit Belegen.

Doch der Reihe nach: Vergangene Woche mussten sich zwei kleine Fische vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten. Reto T., dem Ex-Mitarbeiter der Bank Sarasin, wird vorgeworfen, er habe das Bankgeheimnis verletzt – unter anderem, weil er Ende 2011 zusammen mit dem Mitbeschuldigten Hermann Lei Alt-Bundesrat Blocher über unstatthafte Devisengeschäfte auf einem Konto von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand orientierte. Dem Thurgauer SVP-Grossrat Lei wird zudem zur Last gelegt, dass er T. dazu bringen wollte, die «Weltwoche» über Hildebrands Dollardeals zu informieren. Reto T. weigerte sich. Doch via Lei landeten die Kontodaten trotzdem bei Blocher und bei der «Weltwoche». Nun sollen T. und Lei, welche die Vorwürfe bestreiten, bestraft werden. Blocher hingegen ist fein raus. Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Blochers zentrale Rolle

Der Alt-Bundesrat hatte seine zentrale Rolle im Fall Hildebrand stets kleingeredet. Der TA hat aber mit Polizeiakten belegen können, wie aktiv er in der Sache war: Über 100 Telefon- und SMS-Kontakte zwischen Blocher und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel gab es alleine in neun der heissesten Tagen der Affäre. Köppel war damals noch nicht SVP-Nationalrat, er betonte stets die Unabhängigkeit seines Blatts und beschwerte sich, wenn seine «Weltwoche» in den Dunstkreis der SVP gerückt wurde. Dies alleine wäre Grund genug, um seine Verbandelung mit dem SVP-Chefstrategen zu dokumentieren.

Hinzu kommt, dass Blocher bis heute behauptet, er habe mit Köppel nie über die Sache geredet, bevor Hildebrand seine Deals vor der Presse zu vertuschen versuchte. Theoretisch ist dies möglich. Beim Dauerkontakt der beiden Brüder im Geiste davor könnte es ja auch um andere Themen gegangen sein. Tatsache ist aber, dass Köppel in jenen Wochen monothematisch über Hildebrand schrieb. Im Editorial vom 5. Januar 2012 hielt er etwas fest, was heute entlarvend wirkt: «Vor rund zwei Monaten wurde die ‹Weltwoche› erstmals mit Informationen konfrontiert, die darauf hindeuteten, dass (...) Hildebrand persönliche Devisengeschäfte tätigte auf Grundlage von Insiderwissen.» Die Redaktion erfuhr also just zum Zeitpunkt davon, als T. und Lei Blocher ins Vertrauen gezogen hatten. Intensive Telefon- und E-Mail-Auswertungen liefern aber nicht den geringsten Hinweis darauf, dass das Duo gleichzeitig auch die «Weltwoche» eingeweiht hätte. Einzig Blocher und Köppel tauschten sich in den Tagen danach aus. Im zitierten Editorial behauptete Köppel trotzdem, die damalige «Weltwoche»-Quelle sei der Sarasin-Mitarbeiter gewesen. Am Tag, an dem dies in der «Weltwoche» stand, eröffnete die Staatsanwaltschaft ihr Verfahren gegen T. Ein weiterer involvierter «Weltwoche»-Journalist gab später zu, dass auch Kontakte zu Blocher bestanden hätten, doch «bei den harten Fakten» sei ausschliesslich Hermann Lei Quelle gewesen. Die «Weltwoche»-Journalisten redeten also damals selber über ihre Informanten.

Die NZZ irrt

Trotzdem behauptet nun die NZZ, der TA sei bei der Enthüllung der Standleitung Blocher–Köppel «lasch» mit dem Quellenschutz umgegangen, und ein «Weltwoche»-Journalist schreibt gar von «Denunziereifer». Die Kollegen erwecken zudem den falschen Eindruck, das Bundesgericht habe es der Strafjustiz untersagt, die Telefondaten zu verwenden. Der TA hat keine Geheimquellen oder unbedingt schützenswerte Whistleblower geoutet, sondern Halbwahrheiten und Vertuschungsmanöver zweier mächtiger Männer offengelegt. Die fragwürdigen Operationen dienten anfangs einem legitimen, ja wichtigen Anliegen: der Anprangerung von Hildebrands unstatthaften Geschäften. Bis heute gehen sie aber zulasten von T. und Lei, die auf ihr Urteil warten, das am 13. April verkündet wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2016, 22:50 Uhr

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