Blochers Bollwerk bröckelt

Mitgliederschwund, Defizitwirtschaft, vakante Posten: Bei der Auns mehren sich die Krisensymptome.

Die Auns ist mit ihrem Gründer gealtert: Christoph Blocher eröffnet im Jahr 1998 eine Mitgliederversammlung. Foto: Edi Engeler (Keystone)

Die Auns ist mit ihrem Gründer gealtert: Christoph Blocher eröffnet im Jahr 1998 eine Mitgliederversammlung. Foto: Edi Engeler (Keystone)

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Pulverdampf und Pistolenrauch im Bundeshaus: Der Nationalrat debattiert heute zum zweiten Mal über eine Anpassung des Waffenrechts zur Terrorprävention. Sie soll verhindern, dass die EU die Schweiz aus dem Schengen-Abkommen ausschliesst. Die Waffenrichtlinie wird von rechts vehement bekämpft. Sie stelle eine Entmündigung der Bürger dar, klagte die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) letzte Woche. Man werde notfalls das Referendum ergreifen.

Allerdings war es um die Drohmacht der Auns auch schon besser bestellt. Zu ihren besten Zeiten zählte sie fast 50'000 Mitglieder. Ihre zahlungskräftigen Hintermänner, der enorme Einsatzwille der Basis und die nach militärischem Vorbild gebaute Struktur mit Dutzenden regionalen Stützpunkten trugen massgeblich zu Blochers grösstem Triumph bei, dem Nein zum EWR-Beitritt im Dezember 1992. Die Auns bestimmte fortan als stets kampfbereite Organisation die Europadebatte. Sie sei ein «Stosstrupp der Unabhängigkeit und Bollwerk der Neutralität», sagte Blocher.

Bildstrecke: Blocher und das EWR-Nein

Doch die Auns ist mit ihrem Gründer und Vordenker gealtert. Jetzt lichten sich die Reihen. Die Mitgliederzahl ist auf 30'000 gesunken. Man habe sehr engagierte Leute «infolge Todesfalls» verloren, heisst es im Auns-Jahresbericht 2017. Es handle sich um Angehörige der EWR-Generation, leidenschaftliche Kämpfer und grosszügige Gönner. Ihr Fehlen werde auch in der Auns-Kasse spürbar sein.

Reimanns Defizite

Das ist umso problematischer, als die Auns finanziell bereits stürmische Jahre hinter sich hat. Mit einem «rigorosen Sparprogramm» (Auns-Jahresbericht) versucht der Verein derzeit, die Ausgaben zu senken. Man hat Stellen gestrichen, alle Zeitungsabos gekündigt und sieht sich in Bern nach einem günstigeren Domizil um (die repräsentativen Büros im Berner Kirchenfeldquartier stammen noch aus der Ära Blocher). Dieser Korrektur bei den Ausgaben gingen Jahre der Defizitwirtschaft voraus: In den vier Jahren unter dem St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann hat die Auns fast eine Million Franken verbrannt, insbesondere für teure Inserate und teure Versammlungen mit Gästen wie dem damaligen Ukip-Chef Nigel Farage oder der damaligen AfD-Chefin Frauke Petry. In der Kasse befinden sich derzeit noch 1,3 Millionen.

Auns-Mitglieder monieren hinter vorgehaltener Hand, Präsident Lukas Reimann verzettele sich, statt sich um seine Kernaufgaben zu kümmern, nämlich die Erneuerung des Vereins und die Pflege der Strukturen. Denn auch dort, bei den einst so wichtigen Stützpunkten, sind Zerfallserscheinungen bemerkbar. Nur noch zehn regionale Auns-Stützpunkte haben derzeit einen Chef. In wichtigen Kantonen wie Zürich, Aargau und Luzern sind die Posten verwaist, teils seit Jahren.

Präsident Lukas Reimann weist Kritik an seiner Rolle zurück. «Eine Auns, die viel Geld ausgibt und viel bewegt, ist mir lieber als eine Auns mit einem vollen Konto und einer leeren Agenda.» Zudem seien alle Mehrausgaben vom Vorstand einstimmig genehmigt worden. Mit dem Sparprogramm habe man die Kosten aber in den Griff gekriegt, sie seien heute viel tiefer als zu Zeiten Blochers.

«Warterei war schwierig»

Auch sei es falsch, von einem Mitgliederschwund zu schreiben. «Über Social Media verzeichnen wir sehr viele Beitritte von jungen Leuten», sagt Reimann. «Was aber schon ein Problem ist: Die Jungen zahlen einfach ihre 35 Franken Mitgliederbeitrag im Jahr, nicht jeden Monat 1000 Franken wie einige der Kämpfer der ersten Stunde.»

Der St. Galler SVP-Nationalrat sieht das Hauptproblem der Auns bei der politischen Agenda. «Wir warten jetzt schon seit mehreren Jahren auf einen politischen Ernstkampf.» Man habe auf viele Aktionen verzichtet, um alle Kräfte auf den Widerstand gegen das institutionelle Rahmenabkommen zu konzentrieren. Christoph Blocher habe mehrfach gewarnt, dass der Rahmenvertrag bald kommen würde. «Wie sich zeigte, war diese Einschätzung falsch», so Reimann. «Diese Warterei war schwierig, das gebe ich zu.»

Er höre oft den Vorwurf, dass die Auns zu wenig aktiv sei. Die Leute an der Basis wollten kämpfen. Die Abstimmungen über die Selbstbestimmungsinitiative Ende November und die Waffenrichtlinie – wahrscheinlich im Mai – kämen daher gelegen, so Reimann. Die Auns werde hier eine wichtige Rolle spielen. «Nicht mit Millionen, aber mit Herzblut.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2018, 19:04 Uhr

Auns-Präsident Lukas Reimann
Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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