Blochers grösster Fehler

Die Krise seiner Partei hat der SVP-Tribun fahrlässig und höchstpersönlich ­verursacht.

«Es wäre der klassische Treppenwitz der Geschichte, dass der Mann, der die Bewegung aufgebaut hat, deren Niedergang eigenhändig verursacht», schreibt Andreas Kunz. Illustration: Kornel Stadler

«Es wäre der klassische Treppenwitz der Geschichte, dass der Mann, der die Bewegung aufgebaut hat, deren Niedergang eigenhändig verursacht», schreibt Andreas Kunz. Illustration: Kornel Stadler

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Stellenweise rutschte es vollends ins Komödiantische. Ermuntert durch die erfolglose Suche seiner Partei nach einem neuen Präsidenten, stellte sich Andreas Glarner diese Woche kurzerhand selbst zur Wahl. «Ich würde es gerne machen. Ich bin aber nicht berufen und noch nicht angefragt worden», sagte der Aargauer Nationalrat. Es war die zweitbeste Pointe im gestern zu Ende gegangenen Bewerbungsverfahren, nachdem Roger Köppels «Weltwoche» bereits Bundesrat Ueli Maurer als SVP-Präsident vorgeschlagen hatte.

Immer wilder drehte sich das Kandidatenkarussell seit dem angekündigten Abgang von Albert Rösti kurz vor Weihnachten – wobei das Amt eigentlich gar niemand begehrte, sondern die Parteiführung stetig neue Frauen und Männer auf die Bühne schubste, die allesamt mehr oder weniger dankbar absagten. Bis mit Alfred Heer nur noch derjenige Kandidat übrig geblieben ist, der von den Meinungsmachern in der SVP gar nicht richtig gewollt wird.

So viel öffentliche Verzweiflung war bei der Volkspartei noch nie. Die einst so selbstbewusste, geradlinig geführte SVP gleicht einem Haufen Hühner, dem nicht nur der Güggel, sondern auch gleich sein Gehege abhandengekommen ist. Bei Personal-, Programm- und Strategiefragen laufen derzeit alle in eine andere Richtung; wo früher von oben verschriebene Einigkeit herrschte, gackert heute jeder seine eigene Meinung in die Mikrofone. Verantwortlich dafür ist der Mann, der den ganzen Hof überhaupt erst aufgebaut und zum schweizweiten Vorzeigebetrieb geführt hat – diesen jetzt aber fahrlässig und höchstpersönlich zum «Sanierungsfall» machte.

«Offenbar traute sich in jener Vorweihnachtssitzung niemand, Blocher zu widersprechen.»

Auf eine Art und Weise, die man sich auch als Aussenstehender bestens vorstellen kann, hatte Christoph Blocher in der letzten Sessionswoche vor Weihnachten Albert Rösti für die Wahlniederlage verantwortlich gemacht und den gmögigen Berner Nationalrat damit zum Rücktritt verleitet. Wie die «Weltwoche» berichtete, soll Rösti nach jenem Treffen «auffallend geknickt» gewesen sein. Wenige Tage danach teilte er völlig überraschend seinen Rücktritt mit – es hiess, er hätte weitergemacht, wenn er Blochers Vertrauen auch künftig genossen hätte.

Der Rüffel entsprang schon einer falschen Analyse. In einem revolutionären Jahr wie 2019, mit Klimabewegung und Frauenstreik, als konservative Partei bloss einen Verlust von 3,8 Prozentpunkten zu erleiden und die mit Abstand stärkste Kraft zu bleiben: Dafür hätte Präsident Rösti – der mit seiner ausgleichenden Art wohl retten konnte, was zu retten war – eigentlich Lob und Aufmunterung verdient. Zumal ein Einbruch nach dem grossen, durch die damalige Migrationsdebatte ausgelösten Sieg 2015 ohnehin absehbar war. Offenbar traute sich in jener Vorweihnachtssitzung aber niemand, Blocher zu widersprechen.

Vielleicht der grösste Fehler seiner Karriere

Der Parteitribun soll von Rösti auch gefordert haben, vor allem in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und in der Romandie durchzugreifen – also dort, wo die SVP am meisten verloren hatte. Tatsächlich dominierten im Aargau Hardliner wie Andreas Glarner, in Basel-Stadt trug Blocher mit dem Verkauf seiner «Basler Zeitung» zumindest eine Mitschuld, und dass ein Guy Parmelin im Welschland für Höhenflüge sorgt, daran glaubte wohl allen voran der Alt-Bundesrat selber.

Vielleicht war es sogar der grösste Fehler seiner Karriere, dass Blocher mit der heutzutage sogar bei der SVP veralteten Methode der Standpauke Röstis Abgang eingeleitet hat. Das Letzte, was die Volkspartei in diesen Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs – und kurz vor der für sie so wichtigen Begrenzungsinitiative – brauchen konnte, war eine öffentlich ausgetragene Führungskrise, die sich stetig verschlimmert und deren Folgen nicht absehbar sind.

Es wäre der klassische Treppenwitz der Geschichte, dass der Mann, der die Bewegung aufgebaut hat, deren Niedergang eigenhändig verursacht. Die Gefahr eines Totalabsturzes besteht bei der SVP trotz allem nicht. Aber es entbehrt nicht einer feinen Ironie, dass mit Alfred Heer nun ausgerechnet derjenige Nationalrat des einst berüchtigten Zürcher Flügels zur Wahl steht, der stets den grössten Abstand zu Christoph Blocher wahrte.



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Erstellt: 01.02.2020, 21:53 Uhr

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