Boulevard triumphiert, Bürger verliert

Der Rücktritt des grünen Nationalrats Jonas Fricker wirft ein schlechtes Licht auf die Boulevardpresse und die Grünen. Er fügt der politischen Kultur Schaden zu.

Der Fall hätte ein Skandälchen bleiben können. Stattdessen ist Jonas Fricker am Samstag als Nationalrat zurückgetreten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Fall hätte ein Skandälchen bleiben können. Stattdessen ist Jonas Fricker am Samstag als Nationalrat zurückgetreten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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«Rücktritt! Nach drei langen Tagen gab Jonas Fricker auf.» So titelte der «SonntagsBlick» am vergangenen Wochenende, und es klang wie Triumphgeheul. Drei Tage lang hatten «Blick» und «SonntagsBlick» den grünen Nationalrat demontiert – zweimal war Fricker auf der Titelseite abgebildet; am Sonntag wälzten die Redaktoren die Berichterstattung über Frickers Vergleich von Schweinetransporten mit den Massendeportationen von Juden gar auf fünf Seiten aus.

Der Fall Fricker hätte ein Skandälchen bleiben können. Eine verbale Entgleisung, eine darauffolgende Entschuldigung, die Annahme der Entschuldigung vonseiten der Betroffenen. Stattdessen ist Fricker am Samstag als Nationalrat zurückgetreten. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Da ist die Berichterstattung aus dem Hause Ringier, die sonst vermutliche Straftäter gerne zu «Bestien» herabwürdigt. Deren Blattmacher darin aber offenbar keinen Widerspruch sehen, für sich eine moralische Überlegenheit in Anspruch zu nehmen und einen Fehltritt zum Anlass zu nehmen, einen Politiker in Grund und Boden zu schreiben. Da überrascht es kaum noch, dass der «SonntagsBlick» Jonas Fricker in einem Kommentar allen Ernstes zur «Grösse» gratuliert, die er mit seinem Rücktritt zeige.

Kein gutes Bild lassen aber auch jene Grüne zurück, die keine Sekunde zögerten, selbst gegen Fricker zu schiessen. Ganz nach dem Motto: Lieber soll er den Kopf hinhalten als wir alle. So sagte der Präsident der Aargauer Grünen, Daniel Hölzle, in der «Aargauer Zeitung», er habe Fricker den Rücktritt nahegelegt. Der Grund dafür? «Der Druck nahm auch nach seiner Rechtfertigung und Entschuldigung nicht ab.» Ein paar negative Artikel in den Medien genügten also, um den Parteikollegen fallen zu lassen.

Eine Frage der Macht

Kaum besser steht Alt-Nationalrat Jo Lang da, der Fricker aus den eigenen Reihen vielleicht am schärfsten angegriffen hatte. Lang gab sich ob dessen Äusserung «erschüttert» und warf dem Aargauer unterschwellig vor, seine Verbindung von Juden und Schweinen trage antisemitische Züge. Kaum war Fricker zurückgetreten, lobt er ihn wie einen begriffsstutzigen Schüler als «lernwillig und lernfähig». Andere Parteimitglieder sprachen anlässlich des Rücktritts von einer «grossen Geste». Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Fricker ist als Hinterbänkler wohl auch ein Opfer der Umstände geworden. Die Bereitschaft innerhalb der Partei, für den Politneuling einzustehen, war gering. Bei einem politischen Schwergewicht hätte das vielleicht anders ausgesehen. Welche Konsequenzen ein Fehltritt hat, ist eben immer auch eine Frage der Macht.

Zudem legen nicht alle Parteien dieselben Massstäbe an. Gerade Politiker aus dem links-grünen Lager müssen höheren moralischen Ansprüchen genügen, argumentieren sie doch selber oft mit diesen. Dagegen politisiert der Walliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor munter weiter. Und dies, obwohl er erstinstanzlich wegen Rassendiskriminierung verurteilt wurde. Nach der Schiesserei in einer Moschee in St. Gallen, bei der ein Mann getötet wurde, hatte er 2014 getwittert: «Wir wollen mehr davon.»

Wer sich gut verkaufen kann, überlebt solche Affären besser.

Bedauerlich ist Frickers Rücktritt auch aus einem anderen Grund. Zwar hat er mit seiner deplatzierten Aussage eine Unbedarftheit an den Tag gelegt, die einem Politiker nicht unterlaufen darf. Von einem Nationalrat kann man verlangen, dass er zuerst überlegt und dann spricht. Doch ist es symptomatisch, dass die ehrlich scheinende Entschuldigung nicht ausreichte, die Fricker nachlieferte. Wer sich dagegen gut verkaufen kann, überlebt solche Affären besser.

Schliesslich wird Frickers Rücktritt auch Spuren in der Politik hinterlassen. Bis anhin gab es hierzulande keine Rücktrittskultur. Man kann das gut finden oder schlecht. Sicher ist aber: Ein Fehltritt wie jener von Fricker ist nicht der richtige Anlass, um damit zu beginnen.

So hat am Ende nicht nur Fricker selber Schaden genommen. Sondern auch die politische Kultur der Schweiz.

Erstellt: 03.10.2017, 22:00 Uhr

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