Brauchen wir einen «Grosselterntag»?

An diesem Sonntag sollen wir die Grosseltern ehren – so hat es das Magazin «Grosseltern» angeregt. Politiker unterstützen das Anliegen. Aber ist es wirklich sinnvoll?

«Grosseltern sind die Helden der Enkelkinder»: Die erste und die dritte Generation auf einem Familienfoto vereint.

«Grosseltern sind die Helden der Enkelkinder»: Die erste und die dritte Generation auf einem Familienfoto vereint.

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Ja

Es gab eine Zeit, in der meine Tochter starkes Heimweh hatte, obwohl sie bei uns daheim war. Sie weinte, weil sie ihre Grossmutter vermisste. Nicht nur bei uns, auch in vielen anderen Familien haben Grosseltern einen hohen Stellenwert. Da ist es erstaunlich, dass es Tage für praktisch alles gibt, aber keinen Tag für Grosseltern. Das ändert sich morgen Sonntag. Dann wird in der Schweiz zum ersten Mal der Grosselterntag gefeiert. Aus guten Gründen.

Noch nie waren die Bande zwischen Enkelkindern und Grosseltern so eng wie heute. Die beiden Generationen teilen sich aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung viel mehr Lebenszeit als früher. Gleichzeitig kümmern sich Grosseltern viel intensiver um ihre Enkelkinder als in vergangenen Zeiten.

Familie und Beruf vereinbaren? Ohne Grosseltern würde das in diesem Land heute nicht gehen. An vielen Orten gibt es immer noch keine oder zu wenige Krippen- und Hortplätze. Dort, wo es genug hat, kosten sie viel. Und wenn die Kinder krank sind, braucht es einen Notfallplan. Meist stehen die Grosseltern bereit.

Über 100 Millionen Stunden Betreuungsarbeit leisten Grosseltern in der Schweiz pro Jahr, gratis und franko. 2 Milliarden Franken macht das aus volkswirtschaftlicher Sicht aus. Dennoch werden Grosseltern in der Diskussion um die Rentenreform 2020 als Profiteure bezeichnet. Ihre Leistung wird zwar innerhalb der Familie sehr geschätzt, aber von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Der Grosselterntag will dazu beitragen, dass sich das ändert. Die Bedeutung des Tages soll weit über die eines Muttertags hinausgehen. Der Grosselterntag soll Diskussionen über Themen wie Generationenbeziehungen, Generationengerechtigkeit, Alter, Abgrenzung und neue Rollenbilder auslösen. Denn die Generation der Grosseltern hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die heutigen Grossmütter und Grossväter sind fit, aktiv – und herausgefordert. Viele von ihnen kümmern sich neben den Enkelkindern auch um die eigenen, hochbetagten Eltern. Sie stehen vor der Frage, wie sie die Zeit nach der Pensionierung gestalten wollen, die heute weit über 30 Jahre betragen kann. Und sie müssen sich mit der eigenen Hochaltrigkeit auseinandersetzen, die vor ihnen liegt oder schon begonnen hat. Auch diese Themen gehören ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Der regelmässige Kontakt zwischen Grosseltern, ihren Enkelkindern und den eigenen Kindern fördert das Verständnis zwischen den Generationen. Davon profitieren alle. Nicht zuletzt die Grosseltern selbst, die sich dank ihren Enkelkindern mit Neuerungen in der Schule, der Technologie und den Medien auseinandersetzen und so am Puls der Zeit bleiben. Umgekehrt erleben die Enkelkinder, welchen Herausforderungen sich ihre Grosseltern stellen müssen. Diese Erfahrungen sorgen dafür, dass sich die Generationen stärker füreinander einsetzen – aus Interesse, aus eigener Erfahrung, aus Liebe zueinander. Noch ein Grund, am Sonntag zu feiern.

Nein

Es wäre natürlich einfach, sich lustig zu machen über noch einen neuen Aktionstag. Wikipedia liefert ja eine nützliche Aufstellung über Bemühungen andächtiger Aktivisten, drängende Probleme in die Agenda zu hieven, Krankheiten oder Errungenschaften der Menschheit, die angeblich zu wenig anerkannt sind. Natürlich alles zum Wohle und zum Nutzen der Betroffenen und der Floristen. Allein der März kennt ja schon den Weltschlaftag, den Tag der Niere, den Internationalen Tag der Frauen, den Tag der Zahl Pi und den Weltstaudammtag. Es gibt weitaus mehr Aktionstage, als der Kalender Tage hergibt. Der Grosselterntag muss sich seine mageren 24 Stunden mit dem Tag der Kranken teilen. Kurz: Die Welt braucht einen neuen Aktionstag so dringend wie ein Hundertjähriger ein neues Anlagesparkonto.

Sich lustig zu machen, würde sich auch anbieten, weil die Absicht hinter der Initiative allzu durchsichtig ist. Erfunden hat den Grosselterntag das noch sehr junge «Grosseltern»-Magazin. Klar, die Macher hoffen auf Rückenwind für die Abonnentenwerbung. Dass die Zeitschrift es fertiggebracht hat, dafür Politiker einzuspannen, macht es nicht besser. Denn Politiker sind nun mal Politiker und verdampfen Banalitäten: «Grosseltern sind die Helden der Enkelkinder» (Christophe Darbelley, CVP-Präsident). Oder Pathetisches: «Es besteht ein grosses Bedürfnis, Danke zu sagen» (Jonas Fricker, GP-Nationalrat). Oder Sozialkitsch: «Das Vorhaben fördert die Solidarität zwischen den Generationen» (Doris Fiala, FDP-Nationalrätin).

Die Aktionstag-Hyperinflation und der Missbrauch als Marketingwerkzeug allein sprechen aber noch nicht gegen den Grosselterntag. Den Initianten glaubt man gern, dass sie es von Herzen ernst damit meinen, die Leistung von Opas und Omas verdiene gesellschaftliche Anerkennung und damit einen eigenen Festtag.

Aber genau da liegt das Problem. Wer das «Engagement der Grosseltern stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen» will (Zitat aus der Medienmitteilung), fördert automatisch deren Quantifizierung und Ökonomisierung. 100 Millionen Betreuungsstunden würden durch Grossmütter und Grossväter in der Schweiz jedes Jahr geleistet, wird uns vorgerechnet. Das entspreche einer Wirtschaftskraft von 2 Milliarden Franken. Einerseits ist es lächerlich, im Gegenzug für diese ungeheure Zahl als «Dank» einen Grosselterntag einzuführen.

Anderseits setzt diese Abrechnung eine ganze Grosselterngeneration unter Leistungsdruck: Ist das Betreuungsplansoll schon erfüllt, oder muss die Nonna doch noch für ein paar Stunden die kleine Laura hüten? Das Oma-Opa-Dasein zu einem Wirtschaftsfaktor zu machen, bringt zwar die Augen von Marketingstrategen zum Leuchten, aber gesellschaftlich ist es verheerend. Die Beziehungen zwischen Grosseltern (von denen viele eigentlich ihre Freiheit geniessen möchten), ihren Kindern und Enkeln sind schwierig genug. Wir sollten sie nicht noch mit einem neuen Dank- und Busstag komplizieren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2016, 23:26 Uhr

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