Braucht es Weihnachtsmärkte?

Es ist Advent, in Schweizer Städten floriert das Geschäft mit Glühwein und Geselligkeit. Ist das wirklich nötig?

Kollektives Geldausgeben oder feierliches Beisammensein? Weihnachtsmarkt in Genf.

Kollektives Geldausgeben oder feierliches Beisammensein? Weihnachtsmarkt in Genf. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Globalisierung vereinheitliche, heisst es: Städte und Staaten verlören an Charakter, ersöffen in der Coca-Cola. Doch Globalisierung tut mehr: Sie verteilt lokale Kuriosa international. Münchner Oktoberfest? Schottische Highland Games? Gibt es längst auch auf Spitzbergen und in Yokohama. Die Sehnsucht nach Lokalkolorit ist ein globaler Markt. In Disneyland steht ein Matterhorn.

Und warum nicht? Soll ein Weihnachtsmarkt wirklich nur in Frankfurt oder Dresden besucht werden können? Nachbauen liegt auf der Hand (und ist ökologisch). In Grossbritannien kürt die Boulevardpresse jedes Jahr die schönsten «German Markets» der Nation; dieses Jahr soll es im Städtchen Bath besonders festlich sein.

Sinn und Zweck des Weihnachtsmarkts bleibt derweil überall derselbe: Geselligkeit in nassschwarzer Adventszeit. Offene Feuer, bunte Lichter – ein wenig werden hier auch Märchen­bilder nachgestellt, altes Europa zur Winterzeit. Mag es an Astrid Lindgren liegen oder an den Gebrüdern Grimm: Diese Bilder sind in vielen Köpfen. Es macht Spass, sie auszuleben.

Wer den Läden und der Geschenkeproblematik fernbleibt und sich nur auf das Glitzern konzentriert, den kann kindliche Staun- und Zauberlaune befallen.

Im Bemühen um Stimmung sind die neuen Märkte deshalb sehr auf Sinnlichkeit getrimmt. Mehr Yak- und Bärenfelle, bitte, mehr Holzbeigen, Schlittschuhfelder, Weihnachts­kugeln, noch pittoreskere Holzkarussells, noch mehr Schnaps in den Punsch. In der Schweiz mischt sich das zwar rasch mit Pistengaudi; bei uns läuft jede Winteraktivität auf Après-Ski hinaus.

Trotzdem: Noch der falscheste Weihnachtsmarkt will das Richtige. So wie die Lichterketten in der Zürcher Bahnhofstrasse: Wer den Läden und der Geschenkeproblematik fernbleibt und sich nur auf das Glitzern konzentriert, den kann kindliche Staun- und Zauberlaune befallen.

Weihnachtsmärkte signalisieren, dass ein Kalenderjahr gebodigt ist und der letzte Monat nicht mehr so ernst genommen werden muss. Der Dezember glitzert. Und riecht nach Punsch.

Nein

Man kann die Menschheit in verschiedenste Gruppen zweiteilen: Katzenfreunde vs. Hundefans, Morgenhygieniker vs. Abendwascher. Oder Konsumeuphoriker vs. Shoppingschüchterne.

Im Advent prägt die letzte Unterscheidung das Freizeitverhalten besonders stark. Die vier Wochen entzücken Liebhaber des kollektiven Geldausgebens. Da gibt es etwa die Weihnachtsmärkte, jene Markthäuschen-Favelas, die nur im Schummerlicht nicht nach Kulisse aussehen. Eingewolkt vom Glühweindunst schlendern die Konsumfreunde von Stand zu Stand, um Lederfinken oder Korkportemonnaies zu erstehen, die sie kaum je brauchen werden.

Für Gegner des Masseneinkaufs kommt hier alles zusammen, was sie schwierig finden: schlechte Musik («Last Christmas»), die sich mit schlechten Gerüchen (angebrannter Raclettekäse) mischt, dazu Gedränge und das Unbehagen, ständig Kaufanreize abwehren zu müssen.

Biberli nach Originalrezept und Design­möbel ändern nichts am Grundproblem; auch das nachhaltigste Weihnachtsdorf bleibt ein Anlass, dessen Glühbirnen-Gemütlichkeit vor allem der Absatzförderung dient.

Auf dem Sechseläutenplatz findet dieses Jahr zum zweiten Mal ein «Hipster-Weihnachtsmarkt» statt. Biberli nach Originalrezept und Design­möbel ändern aber nichts am Grundproblem; auch das nachhaltigste, regionalste Weihnachtsdorf bleibt ein Anlass, dessen Glühbirnen-Gemütlichkeit vor allem der Absatzförderung dient. Konsumfeste wie Weihnachtsmärkte simulieren einen urbanen Albtraum (weshalb ihnen viele Zürcher intuitiv fernbleiben). Eine Stadt in der Stadt wird aufgebaut, ein Winter-Westerndorf mit Glitzerfassaden. Hier gibt es weder Überraschungen noch Gegensätze, nur mehr vom Gleichen. Die Stimmung ist vorgegeben, das Verhalten der Menschen ebenfalls. Die Freiheit beschränkt sich darauf, zwischen Korkportemonnaie oder Lederfinken zu wählen.

Weihnachtsmärkte verwandeln öffentliche Plätze in Shoppingmalls. Da spaziert man lieber in den Uetlibergwald, zu den stationären, regionalen Tannen.

Erstellt: 01.12.2016, 18:50 Uhr

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