Coronavirus: Bund hinterlässt keinen überzeugenden Eindruck

Das bisher zögerliche Aussendepartement wappnet sich gegen den Virus: In China blockierten Schweizern soll eine Heimreise ermöglicht werden.

Isabella Eckerle vom Universitätsspital Genf, Daniel Koch, Patrick Mathys und Yann Hulmann vom Bundesamt für Gesundheit informieren in Bern (v.l.). Foto: Keystone

Isabella Eckerle vom Universitätsspital Genf, Daniel Koch, Patrick Mathys und Yann Hulmann vom Bundesamt für Gesundheit informieren in Bern (v.l.). Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Coronavirus hält die Schweiz weiterhin in Atem. Zwar gab das Zürcher Triemlispital gestern Entwarnung für die zwei dortigen Verdachtsfälle – doch in Basel herrscht noch Unklarheit über einen Verdachtsfall am Universitätsspital Basel. Die Unsicherheit ist wegen steigender Opferzahlen in China und neuer bestätigter Erkrankungen, unter anderem in Deutschland, weiter gross.

Nach ausgiebigem Zögern gingen die Bundesbehörden gestern in die Offensive. Zum einen erhöhte das Aussendepartement (EDA) seine Bemühungen, um den vier verbliebenen Schweizer Bürgern in der Quarantänestadt Wuhan eine Heimreise zu ermöglichen. Dem Vernehmen nach versucht das EDA – gemeinsam mit Frankreich und Deutschland –, China dazu zu bewegen, eine Evakuierung zu erlauben. Das Aussendepartement bestätigt lediglich, dass Gespräche mit Partnerstaaten und mit China laufen. «Dabei werden auch Modalitäten einer möglichen Ausreise erörtert», so ein Sprecher.

Zugleich hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gestern erstmals im Rahmen einer Pressekonferenz über das Coronavirus informiert. Allerdings zeigte sich gerade darin, wie schwierig diese Erkrankung für die Behörden ist. Neuigkeiten zum Coronavirus seien in diesen Tagen kurzlebig, sagte Daniel Koch, der Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten im BAG, kurz vor Mittag in Bern. Innert 20 Minuten könnten Infektionszahlen aus China bereits überholt sein.

Kaum gesagt, schon veraltet

Tatsächlich wurden die Behörden dann noch während der Medienkonferenz von der Aktualität überholt. Die «gute Nachricht» von Kochs Stellvertreter Patrick Mathys, wonach Ansteckungen im Moment nur in China möglich seien, erwies sich rasch als falsch. Denn bereits hatten in Deutschland und Japan die Behörden und Medien über je einen Fall informiert, bei dem die Ansteckung ausserhalb Chinas erfolgte.

In Bayern hat sich ein Mitarbeiter eines Autozulieferers infiziert, der im Unternehmen in Deutschland Kontakt zu einer chinesischen Schulungsleiterin hatte, die sich in China angesteckt hatte. Der zweite Fall, über den der japanische Gesundheitsminister informierte, betrifft einen Busfahrer, der chinesische Touristen aus Wuhan in Japan herumgefahren hatte.

Dass das BAG von diesen Fällen über die Medien erfuhr, wirft Fragen zum Informationsstand der Bundesbehörde auf. Grundsätzlich müsse sich das BAG solche Informationen beschaffen, sagte Patrick Mathys vom BAG. «Es ist eine Holschuld.» Ein Problem für das BAG sei, dass die Schweiz keinen Zugang zum EU-Frühwarnsystem habe. Das BAG habe zwar einige «Quellen», die es anzapfen könne. Ansonsten sei das Bundesamt aber auf die Nachrichtenkanäle angewiesen.

Das BAG hofft, dass die EU die Schweiz in den nächsten Tagen ins europäische Frühwarnsystem aufnimmt. Den entsprechenden Antrag habe die Schweiz gestellt. Die EU hatte der Schweiz letztmals im Falle der Ebola-Ausbrüche von 2014 und 2015 Zugang zu ihren Informationskanälen gewährt. Solange die Schweiz das Rahmenabkommen nicht unterzeichnet, bleibt das Gesundheitsabkommen blockiert.

BAG relativiert Corona-Gefahr

Das BAG war sichtlich bemüht, die Situation in der Schweiz als nach wie vor entspannt darzustellen. Die Ansteckungsgefahr im Kontakt mit Besuchern aus China sei sehr gering, sagte Daniel Koch. Für eine Ansteckung brauche es einen engen Kontakt. Man müsse einer infizierten Person näher als einen Meter kommen. Dennoch könnten auch in die Schweiz früher oder später Infektionen auftreten. «Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.» Falls auch in der Schweiz Menschen erkranken, werden sie in Spitälern mit Isolierstationen behandelt. Bei Patienten mit mildem Krankheitsverlauf wäre auch eine isolierte Behandlung zu Hause denkbar, sagte Koch.

Das Referenzlabor in Genf hat seine Kapazitäten ebenfalls hochgefahren. Es ist mittlerweile in der Lage, Proben innert dreier Stunden auf das Coronavirus zu testen. Wie viele Verdachtsfälle in Genf bisher getestet wurden, wollte das BAG nicht sagen.

Geprüft wird zurzeit, ob ein Notvorrat an Schutzmasken, die das Verfalldatum demnächst erreichen, noch verwendet werden kann. Zurzeit sind solche Masken weltweit Mangelware. Laut Koch werden zudem die meisten Masken in Asien hergestellt, wo sie dringender gebraucht werden.

Im Notfall wird die Armee mobilisiert

Auf ein Screening von ankommenden Flugpassagieren verzichtet die Schweiz vorerst. Eine solche Massnahme sei nur sinnvoll, wenn die grossen Flugdrehscheiben in Europa dies ebenfalls einführten, sagte Koch. Solange etwa in Frankfurt keine solchen Kontrollen stattfänden, könnten erkrankte Passagiere weiterhin mit dem Zug in die Schweiz einreisen, ohne dass sie entsprechend kontrolliert würden.

Für den Fall, dass an den Flughäfen in der Schweiz ein solches Screening eingeführt wird, könnte die Sanität der Schweizer Armee Geräte und auch Personal zur Verfügung stellen. Dazu soll das Wissen des Sanitätspersonals zum Management von Verdachtsfällen aufgefrischt werden, wie das VBS mitteilte.

Erstellt: 28.01.2020, 20:56 Uhr

Artikel zum Thema

«Was soll ich in der Stadt? Die Läden sind zu, die Events abgesagt»

Fabienne Blaser sitzt in Wuhan fest. Die Berner Sprachstudentin erzählt von der Angst und ihrem Alltag in der chinesischen Quarantänestadt. Mehr...

Die Regierung in Peking hat die Coronavirus-Krise unterschätzt

Präsident Xi Jinping versprach eine schnelle Reaktion auf den Ausbruch in Wuhan. Nun hat das Virus in weniger als einer Woche das Land zum Stillstand gebracht. Mehr...

Schweizer müssen noch eine Woche in Frankreich bleiben

Coronavirus-Ausbruch: Die Schweizer, die vergangene Woche von China nach Frankreich gebracht wurden, stehen noch immer unter Quarantäne. Mehr...

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Kunst-Blumen: Zum Valentinstag schenkt Banksy der Stadt Bristol eine neues Werk. Das Blumen werfende Mädchen schmückt eine Wand im Stadtteil Barton Hill. (14. Februar 2020)
(Bild: Finnbarr Webster) Mehr...