Bundesrat will Einführung eines dritten Geschlechts prüfen

Was, wenn in Ausweisen ein drittes oder gar kein Geschlecht eingetragen werden könnte? Die Regierung empfiehlt dem Parlament eine Untersuchung dieser Möglichkeit.

Mann und Frau - und sonst nichts? (Archivbild)

Mann und Frau - und sonst nichts? (Archivbild) Bild: Jan Woitas/Keystone

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«Ist es ein Mädchen oder ein Bub?» Spätestens nach der Geburt hören alle Eltern diese Frage. Wenn das neugeborene Kind nicht eindeutig als Bub oder Mädchen erkennbar ist, bleibt die simple Frage vorerst ohne Antwort. Und schon läuft eine Frist: «Innerhalb von drei Tagen muss die Geburtsmeldung vollzogen sein, dazu gehört auch die Angabe des Geschlechts», sagt Michael Schöll, Vizedirektor des Bundesamtes für Justiz. So schreibt es die Zivilstandsverordnung vor. Oft stünden die Eltern unter einem starken gesellschaftlichen Druck, bei «männlich» oder «weiblich» ein Kreuz zu machen. Rasche psychologische Unterstützung der Eltern sei deshalb zentral, sagt Schöll. «Der Geschlechtseintrag im Register soll manchmal länger offen bleiben dürfen», so Schöll.

Das fordern auch vier einzeln befragte intersexuelle Menschen. Und: Ein drittes Geschlecht müsse möglich sein. Kürzlich hat der Bundesrat ein entsprechendes Postulat der grünen Basler Nationalrätin Sibel Arslan zur Annahme empfohlen. Dieses beauftragt die Landesregierung darzulegen, was die Folgen eines dritten Geschlechtseintrags wären oder welche Auswirkungen es hätte, wenn das Personenstandsrecht generell nicht mehr auf das Geschlecht abstellen würde.

«Nicht mehr zeitgemäss»

Beschleunigt hat die Entwicklung das deutsche Bundesverfassungsgericht. Letzten Oktober hat es den Bundestag verpflichtet, bis Ende 2018 einen weiteren Geschlechtseintrag neben «männlich» und «weiblich» im Geburtenregister zu ermöglichen oder allgemein auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten. Auch Dänemark, Malta, Argentinien, Australien oder Indien anerkennen ein unbestimmtes Geschlecht.

Für Nationalrätin Arslan ist klar, dass die binäre Geschlechtsdefinition Mann/ Frau nicht mehr zeitgemäss sei. «Da die Menschen heute offener darüber reden können, widerspiegelt es nicht mehr unsere gesellschaftliche Realität», sagt Arslan auf Anfrage. Doch was sagt die Wissenschaft zum dritten Geschlecht? Die Geschlechterforscherin und Soziologin Kathrin Zehnder sieht den Vorteil eines dritten Geschlechtseintrags darin, dass intersexuelle und nichtbinäre Menschen so für die Bevölkerung und den Staat sichtbar seien. Die lesbische Emanzipationsbewegung sei erst möglich geworden, als Lesben Ende der 1960er-Jahre begannen, sich als Lesben zu bezeichnen.

So oder so ist der Entscheid in Deutschland von Bedeutung: «Früher oder später werden Menschen in die Schweiz kommen, die nicht als Mann oder Frau ausgewiesen sind», sagt Schöll vom Bundesamt für Justiz. Daher sei der Bundesrat der Meinung, dass sich die Schweiz des Themas annehmen müsse. Für den Bundesrat gehe es heute nicht primär darum, ob es ein drittes Geschlecht brauche oder nicht. Die Regierung wolle zunächst die Bedürfnisse der Menschen verstehen, die sich durch die heutige Einteilung in Mann und Frau offenbar diskriminiert fühlten. Erst dann könne man beurteilen, ob ein drittes Geschlecht nötig sei und als Lösung genüge.

Beim Fahrausweis ist im Gegensatz zum Pass kein Geschlecht vermerkt. Schliesslich müsse abgeklärt werden, was es rechtlich bedeuten würde, ein drittes Geschlecht einzuführen. Müsste die Bundesverfassung angepasst werden, oder wäre die Gesetzesebene ausreichend? Fast alle Verwaltungsbereiche und Behörden wären betroffen, aber auch private Firmen und Arbeitgeber. Man müsse nun die Grundlagen schaffen, damit sich die Politik der Diskussion, die auf die Schweiz zukomme, stellen könne, sagt Schöll. Ihren Ausgang könne man noch nicht abschätzen.

Einteilung von Rassen in den USA

Kathrin Zehnder wäre dafür, dass man den Geschlechtseintrag löscht. Dies sei aber heute wohl noch nicht mehrheitsfähig, da es so radikal anmute. «Aber wenn man es sich genau überlegt, ist es gar nicht so radikal.» Die USA teilten bis heute die Menschen in Rassen wie etwa weiss, schwarz oder asiatisch ein. «Das wäre bei uns absolut stossend», sagt Zehnder.

25 Parlamentarier aus allen Parteien ausser der SVP haben den Vorstoss unterzeichnet. Im Kanton Bern Christa Markwalder (FDP), Kathrin Bertschy (GLP), Regula Rytz und Christine Häsler (beide Grüne) sowie Marianne Streiff-Feller (EVP).

Gestern Freitag verabschiedete die Rechtskommission des Nationalrats die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm zum Schutz vor homo- und transphober Diskriminierung, wie Pink Cross, der Schwulendachverband, mitteilt.

Erstellt: 24.02.2018, 10:19 Uhr

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