Cassis gewinnt die Schlacht gegen Levrat

Nach seiner Wiederwahl kann der Aussenminister aufatmen – auch weil sein Intimfeind bald abdankt.

Schon kurz nach Cassis’ Amtsantritt blies Levrat zum Halali auf den «Praktikanten». Illustration: Kornel Stadler

Schon kurz nach Cassis’ Amtsantritt blies Levrat zum Halali auf den «Praktikanten». Illustration: Kornel Stadler

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Am Ende hat alles nichts genützt: Weder der Angriff der grünen Wahlsieger noch die zahlreichen Indiskretionen aus dem eigenen Departement oder das stetige Trommelfeuer vieler Medien haben Ignazio Cassis aus dem Bundesrat vertrieben.

Das Tessiner Stehaufmännchen darf Aussenminister bleiben und weiter die wichtigen EU-Verhandlungen führen. Zu den grossen Verlierern gehören nicht bloss die Grünen, die für ihre unbeholfene Machtstrategie Lehrgeld zahlten – eine Niederlage war Cassis’ Wiederwahl im Besonderen auch für Christian Levrat, der seit dessen Amtsantritt nichts unversucht gelassen hatte, um den FDP-Bundesrat zu beschädigen, zu desavouieren und teils gar öffentlich lächerlich zu machen.

Die beiden Schwergewichte lieferten sich in den letzten zwei Jahren eine persönliche Abnützungsschlacht, wie sie in der jüngeren Schweizer Geschichte wohl einzigartig ist. Wobei die Angriffe stets vom SP-Präsidenten kamen und Cassis als Bundesrat versuchte, die Fassung zu wahren – auch wenn ihm die Wirkungstreffer zunehmend anzumerken waren.

«Welch Skandal: Ein Chef, der eine eigene Linie verfolgt.»

Schon kurz nach Cassis’ Amtsantritt blies Levrat zum Halali auf den «Praktikanten», wie er den neugewählten Magistraten in einer – selbst für langjährige Bundeshausbeobachter – bisher kaum gekannten Respektlosigkeit öffentlich nannte. Der SP-Chef hatte Cassis nicht verziehen, dass dieser als damaliger FDP-Fraktionschef eine entscheidende Rolle dabei spielte, die AHV-Reform von Alain Berset – Levrats engem Freund – zu versenken.

«Du wirst nie Bundesrat!», soll Levrat Cassis danach gedroht haben. Und als dieser erste Gross­angriff Levrats nachweislich fehlschlug, kritisierte er den Neugewählten bei jeder sich bietenden Gelegenheit und rief beim EU-Dossier jeweils lautstark: schlechte Kommunikation, schlechte Verhandlungsstrategie, schlechtes Rahmenabkommen.

Tatsächlich war das grösste Problem in den verkachelten EU-Verhandlungen nicht Cassis’ angebliche Unbeholfenheit, sondern die andauernde Bewegungslosigkeit der SP – von der Levrat mit seinen Angriffen auf den Aussenminister durchaus geschickt abzulenken vermochte. Die Kritik erreichte jedoch bald ein Ausmass, das verdächtig stark nach journalistischer Rudelbildung roch – inszeniert durch Levrat höchstpersönlich, der in Hintergrundgesprächen nicht gerade zurückhaltend über seinen Intimfeind sprach.

«Nüchtern betrachtet, hat Cassis schon einiges bewegt.»

Das Muster ist bekannt: Findet einer einen dumm, gesellen sich die anderen nur zu gerne dazu. Das war bei Cassis’ Vorgänger Johann Schneider-Ammann nicht anders. Die öffentliche Kritik am Aussenminister trieb bisweilen derart Blüten, dass ihm in länglichen Artikeln vorgeworfen wurde, er rede, unerhört!, sogar seinen Untergebenen drein. Welch Skandal: Ein Chef, der eine eigene Linie verfolgt und sich persönlich um die Umsetzung kümmert.

Nüchtern betrachtet, hat Cassis schon einiges bewegt: Er setzte bei der Entwicklungshilfe ebenso neue Akzente wie in der Nahostpolitik – also dort, wo die Schweiz über Jahrzehnte Milliarden investiert hatte, ohne Aussicht auf nachhaltigen Nutzen oder Erfolg. Um sich über solche Denkverbote hinwegzusetzen und neue Wege zu gehen, braucht es Mut und Verve – nicht die schlechtesten Eigenschaften eines Bundesrats im 21. Jahrhundert.

Nach seiner Wiederwahl kann der Tessiner aufatmen. Gegenspieler Levrat tritt im kommenden Frühjahr als SP-Präsident ab –während der Aussenminister erst richtig in der Regierung angekommen ist.



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Erstellt: 14.12.2019, 23:57 Uhr

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