China bereut 40-Milliarden-Deal in der Schweiz

Die Übernahme des Chemiekonzerns Syngenta sei ein Fehler gewesen, sagt Chinas Botschafter in Bern. Die Furcht vor der wirtschaftlichen Macht Chinas hält er für unbegründet.

Botschafter Geng Wengbing: «Meine Mitarbeiter waren von Ihren Fragen nicht angetan.» Foto: Adrian Moser

Botschafter Geng Wengbing: «Meine Mitarbeiter waren von Ihren Fragen nicht angetan.» Foto: Adrian Moser

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Es war die grösste Firmenübernahme, die China je im Ausland getätigt hat. Und nie zuvor in der Weltgeschichte wurde ein so teures Geschäft nicht in Aktien, sondern bar abgewickelt: Umgerechnet über 40 Milliarden Franken überwies der chinesische Staatsbetrieb Chem China Mitte 2017 an die Aktionäre des Agrochemie-Konzerns Syngenta.

Doch jetzt, nur zwei Jahre später, die grosse Überraschung: Der chinesische Staat bereut die Übernahme. «Es war kein gutes Geschäft», sagt Chinas Botschafter in der Schweiz, Geng Wenbing. «Wenn die Schweiz Syngenta zurück haben will, werde ich Chem China überzeugen, die Firma wieder zu verkaufen», sagt Geng.

Herr Botschafter, wie gefällt Ihnen die Schweiz?
Vor meinem Amtsantritt sagte mir ein Kollege: Auf der chinesischen Botschaft in Bern hast du nicht viel Arbeit. Das Gegenteil ist wahr: Ich habe hier zu viel Arbeit (lacht). Die Beziehungen zwischen der Schweiz und China haben sich in den letzten drei Jahren sehr schnell entwickelt.

Jedes Jahr reisen mehrere Bundesräte nach China. Weshalb haben das grosse China und die kleine Schweiz heute so enge Beziehungen?
Unsere Beziehung ist besonders. Nachdem die Volksrepublik im Oktober 1949 gegründet wurde, schrieb Bundespräsident Max Petitpierre schon am 17. Januar 1950 an den Parteivorsitzenden Mao, um die neue Regierung politisch anzuerkennen. Als China 1978 seine Reform- und Öffnungspolitik einleitete, war die Schweiz erneut zuvorderst: Der Liftbauer Schindler war die erste ausländische Firma, die in China ein Joint-Venture gründete. Dritte Besonderheit ist das Freihandelsabkommen, das 2014 als erstes in Kontinentaleuropa in Kraft trat.

Warum schloss China gerade mit der Schweiz ein Freihandelsabkommen?
China ist der drittgrösste Handelspartner der Schweiz nach der EU und den USA. Für China ist die Schweiz der sechstgrösste in Europa. Die Schweiz ist neutral und hatte aus politischen Gründen weniger Bedenken. Zudem sind unsere beiden Wirtschaften aussenhandelsorientiert. Ein wichtiger Grund ist auch, dass die Schweiz kein EU-Mitglied ist.

Sehen Sie es als Ihr Verdienst, dass der Kontakt auf höchster politischer Ebene jüngst enger geworden ist?
Ich bin im Februar 2016 nach Bern gekommen. Seither waren die Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann, Doris Leuthard und Ueli Maurer in Peking und unser Staatspräsident Xi Jinping in Bern. So sind die Beziehungen immer enger geworden.

Doch jetzt verlangt der Ständerat, dass ausländische Firmenübernahmen in der Schweiz neu vom Staat genehmigt werden müssen. Das ist eine «Lex China». Wird das die Beziehungen belasten?
Ich bewerte die inneren Angelegenheiten der Schweiz nicht. Viele Medien und Parlamentarier sagen, dass es bei diesem Vorstoss um China gehe, weil wir unsere Investitionen in der Schweiz erhöht haben. Wer das behauptet, kennt aber die Fakten nicht. Nur zwei Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in der Schweiz kommen aus China. Es gibt hier nur 80 chinesische Firmen, in China aber mehr als 1100 aus der Schweiz.

Das Problem ist doch gerade, dass es für Schweizer Firmen schwierig ist, chinesische Firmen zu kaufen, weil Ihr Staat das verhindert.
Das sind Fake News! Nestlé zum Beispiel hat viele Firmen in China. Das Winterthurer Messtechnik-Unternehmen Kistler hat erst kürzlich die chinesische Firma Lik gekauft und so weiter.

Chem China, ein Staatsbetrieb, hat 2017 den Schweizer Agrochemie-Konzern Syngenta gekauft. Umgekehrt wäre das nicht möglich gewesen.
Für den Syngenta-Fall bin ich zu spät in die Schweiz gekommen.

Zu spät? Wie meinen Sie das?
Wenn ich ein Jahr früher hier Botschafter geworden wäre, hätte diese Übernahme nicht stattgefunden. Es war kein gutes Geschäft für die chinesische Seite. Anders für die Schweiz: Sie hat über 40 Milliarden Dollar bekommen. Wenn die Schweiz Syngenta zurück haben will, werde ich Chem China überzeugen, die Firma wieder zu verkaufen. Doch gibt es in der Schweiz überhaupt jemanden, der Syngenta zurück haben will?

Die Schweiz hat ja nichts bekommen, aber die Aktionäre von Syngenta.
Wenn eine chinesische Firma Probleme hat, wird sie auch von ausländischen Firmen aufgekauft, das ist normal. Die Schweizer sind daran gewöhnt, dass ihre Unternehmen von deutschen oder US-Firmen aufgekauft werden – aber noch nicht daran, dass Käufer auch aus China kommen.

Was meinen Sie damit, Sie hätten die Übernahme verhindert?
Ich hätte sie gestoppt, weil absehbar war, dass sie Probleme schafft. Man hätte sie erst später machen sollen, wenn die Schweizer erkannt hätten, dass die Chinesen keine bösen Absichten haben. Seit die hiesigen Medien unsere Investitionen kritisieren, sind weniger chinesische Investoren in die Schweiz gekommen. Sie gehen nach Deutschland.

«Der Zwischenfall von 1989 war nicht so extrem, wie ihn westliche Medien darstellen.»

Tatsächlich macht es vielen Schweizern Angst, dass China wirtschaftlich, politisch und militärisch selbstbewusster auftritt. Verstehen Sie das?
Nach drei Jahren hier habe ich nicht das Gefühl, dass die Schweizer Angst vor China haben. Unser Einfluss ist gestiegen, auch in Europa. Doch Chinas Aufstieg ist für niemanden eine Bedrohung. In 69 Jahren diplomatischer Beziehungen hat China der Schweiz nie gesagt, was sie tun oder lassen soll. Im Gegenzug kritisieren die europäischen Länder und deren Medien China oft. Auch Sie haben mir im Vorfeld 22 kritische Fragen eingereicht . . .

. . . auf Wunsch Ihrer Mitarbeiter!
Meine Mitarbeiter waren von Ihren Fragen nicht angetan. Die Chefin meiner Presseabteilung meinte, alle Fragen seien kritisch, ich dürfe sie nicht beantworten. Das mache ich aber gerne, ich bin bereit zum Dialog.

Genährt wird die Angst auch durch die neue Seidenstrasse. Kritiker sagen, China baue damit seinen geopolitischen Einfluss aus.
Chinas Öffnung begann im Osten. Ab 2013 suchte man nach Wegen, um auch den Westen wirtschaftlich zu entwickeln – mit einer Öffnung in Richtung Zentralasien. Daraus entstand die Idee, die antike Seidenstrasse wiederzubeleben. Der Auslöser dieser Belt-and-Road-Initiative war also nicht geopolitischer, sondern innenpolitischer Natur.

Welche Rolle soll die Schweiz bei der Seidenstrasse spielen?
Die Schweiz hat sehr früh die Relevanz des Projekts erkannt. Schon 2017 äusserte Bundespräsidentin Leuthard den Wunsch, dass die Schweiz teilnehmen möchte. Die Belt-and-Road-Initiative ist offen für alle. China hat einen Topf Reis gekocht, doch es isst ihn nicht alleine, sondern mit allen Ländern zusammen.

Sehen Sie hier noch Potenzial für einen Ausbau der Beziehungen zur Schweiz?
Ja, die Belt-and-Road-Initiative ist ein Generationenprojekt für die ganze Menschheit. Die USA sagen: «America first.» China sagt: «Es geht nicht alleine.» Wir möchten auch vieles von der Schweiz lernen, etwa beim Umweltschutz, beim Unternehmergeist, bei der Innovation oder der Berufsausbildung. Allerdings haben viele Schweizer auch Vorurteile und sehen sich selber als überlegen.

Als überlegen?
Die Chinesen müssen sich nicht dafür entschuldigen, wenn sie ein ebenso gutes Leben wollen wie die Schweizer. Wenn wir ein besseres Leben führen, ist es gut für den Frieden auf der Welt - und für die Schweiz und ihre Exportwirtschaft. Seien Sie versichert: Wir Chinesen bedrohen die Schweizer nicht.

Die Menschenrechtslage macht Schweizern ebenfalls Sorgen. Viele haben nicht vergessen, wie China vor 30 Jahren die Tian’anmen-Proteste niederschlug.
Hauptziel der Regierung ist es, die Wirtschaft zu entwickeln, die Stabilität der Gesellschaft und die territoriale Einheit zu bewahren und den einfachen Chinesen ein besseres Leben zu ermöglichen. Das Wohlergehen der Bevölkerung ist das wichtigste Menschenrecht in China. Wenn eine politische Bewegung die wirtschaftliche Entwicklung und die Stabilität negativ beeinflusst, tolerieren wir das nicht.

Damals gab es aber viele Tote.
Der Zwischenfall von 1989 war nicht so extrem, wie ihn westliche Medien darstellen. Wenn wir aber 1989 keine Massnahmen ergriffen hätten, hätte es Unruhen im ganzen Land gegeben. Glauben Sie, dass es dann möglich gewesen wäre, innert 40 Jahren 700 Millionen Menschen aus der Armut zu befreien?

Mit dieser Sichtweise haben wir in der Schweiz grosse Mühe: Wir kennen Wohlstand und Meinungsfreiheit.
Westliche Ländern legen grösseren Wert auf individuelle Freiheitsrechte. Im Sozialismus ist die staatliche und gesellschaftliche Stabilität zentral. Zu viel Wert auf die individuellen Rechte zu legen, ist für China mit 1,4 Milliarden Menschen und dem heutigen Entwicklungsniveau nicht möglich. Trotzdem gibt es auch bei uns Freiheit: Jedes Jahr reisen 120 bis 130 Millionen Chinesen ins Ausland. Würden sie zurückkehren, wenn es keine Freiheit gäbe?

Das sind Han-Chinesen. Eine Millionen Uiguren werden jedoch gemäss UNO in Umerziehungslagern in der Provinz Xinjiang festgehalten.
Xinjiang hat eine lange Grenze mit Pakistan, Afghanistan und den zentralasiatischen Republiken. Viele Jugendliche gingen von dort nach Irak oder Syrien in den Jihad und kamen zurück. Seit den 1990er Jahren gab es in Xinjiang immer mehr Unruhen und Gewalt. Der Boden für Terrorismus ist vorhanden: Viele Jugendliche haben keinen Job, keine gute Bildung. Wir haben für sie Schulen gegründet, die öffentlich zugänglich und auch offen für ausländische Besucher sind. Wenn die Regierung keine Massnahmen ergriffen hätte, würde Xinjiang wie der Irak oder Syrien.

Uiguren in der Schweiz klagen, Sie würden bei Reisen in die Heimat von der Polizei kontrolliert.
Heute hat jedes Smartphone eine Aufnahmefunktion: Haben diese Leute die angeblichen Kontrollen aufgezeichnet? Haben Sie Beweise? Legen Sie sie mir vor!

Nein, wir haben keine Aufzeichnungen. Aber auch Tibeter in der Schweiz berichten, sie würden bei Demonstrationen überwacht.
Das ist falsch. 2016, als ich hierher kam, habe ich die Mitarbeiter aller chinesischen Vertretungen in Bern, Genf und Zürich angewiesen, sich anti-chinesische Proteste nicht einmal anzuschauen, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn ein chinesischer Diplomat irgendjemanden überwacht, würde ich diese Person bestrafen.

Das heisst, vor 2016 gab es Überwachungen?
Wahrscheinlich gab es Fälle, in denen sich chinesische Diplomaten aus Interesse solche Demonstrationen anschauten. Gewisse Tibeter und Uiguren benutzen die angebliche Überwachung aber auch als Vorwand, um in der Schweiz Sympathien zu bekommen.

Erstellt: 28.06.2019, 18:38 Uhr

Geng Wengbing

Der 61-jährige Diplomat ist seit 2016 Botschafter der Volksrepublik China in Bern. Zuvor war Geng Botschafter auf den Seychellen und in Benin sowie Chef der Disziplinaraufsicht im Aussen-
ministerium. Das Interview fand in Gengs Residenz statt, einer schlossähnlichen Villa mitten in einem grossen, umzäunten Park
in Muri bei Bern. (red)

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