Chinesische Propaganda überschwemmt die Zentralschweiz

Die Staats-PR aus Peking geht weiter: China präsentiert sich in einer Beilage zur «Luzerner Zeitung» als «Vorbild für die Menschheit».

Die gestelzten Lobpreisungen über China finden sich in einer Beilage der «Luzerner Zeitung» und ihren Kopfblättern in der Zentralschweiz. Bild: Andrea Zahler

Die gestelzten Lobpreisungen über China finden sich in einer Beilage der «Luzerner Zeitung» und ihren Kopfblättern in der Zentralschweiz. Bild: Andrea Zahler

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Es sind bemerkenswerte Sätze, die die Leser der «Luzerner Zeitung» heute zum Frühstück serviert bekamen. China sei «ein Vorbild für die Zukunftsgemeinschaft der Menschheit». – «China nimmt die Rolle eines Garanten für den Weltfrieden ein.» – «Die Kommunistische Partei Chinas hatte stets das Ziel vor Augen, dass die Bevölkerung glücklich werde und dass die Völker Chinas wieder erwachen.»

Die gestelzten Lobpreisungen über China finden sich in einer Beilage, die heute der «Luzerner Zeitung» und ihren Kopfblättern in der Zentralschweiz beiliegt. Gesamtauflage: gut 100'000 Exemplare. Die achtseitige Beilage beschreibt die wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften der Volksrepublik in den höchsten Tönen. Kritische fehlen gänzlich. Es wird sogar insinuiert, die Chinesen könnten ihre Behörden demokratisch wählen.

Kein Wort findet sich dafür über die Hunderttausenden von Uiguren, die China in Gulag-ähnlichen Lagern einsperrt. Kein Wort über das Tiananmen-Massaker, das 1989 Tausende von Toten gefordert hat. Kein Wort über die Unterdrückung der freien Meinungsäusserung. Kein Wort über die orwellsche Totalüberwachung, welche die chinesische Regierung gegen ihre eigene Bevölkerung aufbaut. Auch in Hongkong will Chinas Regierung selbstverständlich nur das Gute, während die dortigen Demonstranten «Verbrechen» begehen.

Die einzige Passage, die auf den acht Seiten ansatzweise China-kritisch ist, lautet so: Bei der Entwicklung des «Sozialismus chinesischer Prägung» sei China «ein paar Umwege gegangen» und habe «sogar einige Fehler gemacht».

Auch Schweizer Autoren

Der Inhalt der Beilage stammt nicht von der Redaktion der «Luzerner Zeitung», sondern vom chinesischen Staat, genauer: vom chinesischen Generalkonsulat in Zürich. Im Impressum wird sie als «kommerzielle Publikation des Generalkonsulats der Volksrepublik China» ausgewiesen. Als Autor des Hauptartikels, aus dem alle oben zitierten Sätze stammen, tritt der Generalkonsul Qinghua Zhao auf. Auch ein Schweizer Autor unterstützt die Beilage mit einem wohlwollenden Beitrag: Thomas Wagner, der frühere Zürcher Stadtpräsident und heutige Ehrenpräsident der Gesellschaft Schweiz - China.

Die Publikation der aussergewöhnlichen Beilage erfolgt, bloss zwei Tage nachdem eine ähnliche Propagandaoffensive Chinas in der «Weltwoche» zum Thema wurde. Das Wochenblatt lässt den chinesischen Botschafter in Bern, Geng Wenbing, bereits seit April 2019 eine wöchentliche Kolumne schreiben – nicht als bezahltes Inserat, sondern im redaktionellen Teil. In seinen bisher neun Kolumnen verbreitet Wenbing ungefiltert die chinesische Staatspropaganda. In der Ausgabe von dieser Woche beschreibt er die Probleme in Hongkong als alleinige Folge «erpresserischer Aktionen» gewalttätiger Aktivisten.

Zudem hat die «Weltwoche» innert eines Jahres zwei umfangreiche Beilagen über China publiziert. 

Wie die «NZZ» diese Woche berichtet hat, erhält die «Weltwoche» für die Kolumnen des Botschafters geldwerte Gegenleistungen: Die chinesische Botschaft habe dem Blatt mindestens acht ganzseitige Inserate von chinesischen Firmen zugeschanzt und den Firmen sogar die Inserierungskosten offeriert.

Zudem hat die «Weltwoche» innert eines Jahres zwei umfangreiche Beilagen über China publiziert. Diese wurden von «Weltwoche»-Autoren verfasst, aber laut «NZZ» inhaltlich zumindest teilweise mit der chinesischen Botschaft abgesprochen. So bezeichnet ein «Weltwoche»-Journalist in einer dieser Beilagen das Tiananmen-Massaker von 1989 beschönigend als «Ereignis» – eine verharmlosende Begrifflichkeit, wie sie auch die chinesische Staatspropaganda verwendet. (Wir berichteten.)

«Wir lehnen die Inhalte ab»

Die Beilage zur «Luzerner Zeitung» sei ein ganz anderer Fall, sagt Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter des Medienkonzerns CH Media, zu dem die «Luzerner Zeitung» gehört. Es handle sich bei der Beilage um nichts anderes als ein grosses Inserat. Und die Trennung zwischen Inserateabteilung und Redaktion sei «strikt» – so wie bei Inseraten für Uhren, Autos oder andere Güter. Das chinesische Generalkonsulat habe für die Beilage auch den normalen Tarif bezahlt, sagt Hollenstein.

«Die Redaktion hat sich weder an der Erstellung dieser Beilage beteiligt, noch steht sie hinter dem Inhalt.»Pascal Hollenstein,publizistischer Leiter CH Media

Das einzige Kriterium für die Publikation sei gewesen, ob der Inhalt der Beilage schweizerisches Recht und die öffentlichen Sitten respektiere. Weil diese Bedingungen erfüllt seien, habe man die Beilage angenommen, so Hollenstein. «Die Redaktion hat sich weder an der Erstellung dieser Beilage beteiligt, noch steht sie hinter dem Inhalt», sagt Hollenstein. «Wir lehnen die Inhalte sogar weitgehend ab. Das geht auch aus unseren Kommentaren und Artikeln zu China im redaktionellen Teil der Zeitung klar hervor.»

Das Generalkonsulat in Zürich begründet die PR-Offensive mit der Medienberichterstattung über China. Diese sei «zunehmend einseitig», schreibt das Konsulat auf Anfrage. Verantwortlich dafür seien teilweise politische Motive bei den Journalisten, aber auch Unkenntnis über Land und Leute. Darum wolle das Konsulat nun selber ein «objektives und positives Bild unseres Landes vermitteln» - mit dem Ziel, «das Verständnis über unser Land zu verbessern und Vorurteile auszuräumen» sowie «die langjährige Freundschaft zwischen der Schweiz und China zu verstärken».

Die Frage, ob auch in anderen Regionen der Schweiz solche PR-Aktionen und Beilagen geplant sind, beantwortete das Generalkonsulat nicht.

Erstellt: 19.12.2019, 17:47 Uhr

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